Kombattant im Kulturkampf LXVIII

Feridun Zaimoglu riet: „Lest konkret!“
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„Am Ende war von der Stadt nicht mehr viel übrig und doch etwas, das man lieben konnte, das ich liebte: die ihres Verputzes entkleideten, in der Abendsonne rötlich glühenden Ziegelmauern, die durch Ruinen bucklig führenden Trampelpfade, die Akazienschösslinge und Buschwindröschen, das Wiehern der Pferde in den verwilderten Gärten.“

Marie Luise Kaschnitz über Frankfurt am Main

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Bildnachweis: fischerverlage.de

Dem Vater nahm er die Tatkraft übel, sich die Indolenz. Franz Kafka (1882 – 1924) interessierte sich für Aufschwünge. Er experimentierte mit Diäten. Er studierte politische Umsturzideen. Viele übersahen das. Ihnen bot der kranke Mann aus Prag das beste Beispiel für die reine Lehre.

Kafkas Träume waren Generalproben der Jahrhundertkatastrophen. Zaimoglu nannte Kafka „einen Buchhalter des Grauens“.

Wir hatten die Schreibwerkstatt in der Honsellbrücke. Sie sollte für unsere Lehrlinge zum Tanzboden der Möglichkeiten werden. Sie war eine Keimzelle für die Kritische-Theorie-Gruppe (KTG), von der sich die Nordend Kanakster-Lauf- und Lerngruppe (NKLL) abspaltete.

„Nicht alle“, erzählten wir, „kamen aus Not nach Frankfurt. Es gab Leute, die kamen nach Frankfurt wegen Adorno. Die kamen in eine Stadt, nur um einen Mann reden zu hören.“

Unter den Schreibstiften war Murat der Feurigste, so sprach er über Kafkas „Strafkolonie“:

„Ein Offizier setzt die Körperlichkeit des Gesetzes mit seiner Person in eins.“

Die Lehrlinge riefen „Bravo“, wir schulten auch in Begeisterung (und Akklamation).

„Der Offizier urteilt und vollstreckt (selbst).“

„Wollen wir das?“ fragte Zaimoglu.

„Nein, das wollen wir nicht.“

„Lest konkret“, riet Zaimoglu.

„Genau! konkret“, sekundierte Murat. „Widmet euch Romanen so wie man Gesetze und ihre Auslegungen studiert. Nehmt sie wörtlich.“

Unwillkürlich hatte er sich über andere Lehrlinge erhoben. Murat hatte eine große Zukunft. In dieser Zukunft nahm er den Familiennamen seiner deutschen Frau an und nannte Zaimoglu den „Vollender“. Zaimoglu habe der Migrantenliteratur die Höhepunkte geliefert, um sogleich über sie hinauszugehen. Murat war der geborene Feuilletonist, eine wie vom Himmel gefallene Kleinformgroßbegabung. Unser Sterntaler.

Murat inszenierte sich für Hala. Sie hatte sich mit einer Geschichte beworben, deren (deutsche) Heldin (Iris) zwischen (christlicher) Frömmigkeit und Gottesverneinung schwankt. Jeder Pickel wird in der Zwischenzeit zur Bedrohung. Die taxierenden Blicke der Jungen machen Iris nervös. Jungen und Pickel hängen am selben Haken wie die Nagellackfrage.

Das gab es im Dutzend billiger. Nur einmal gab es Halas Herkunftsgeschichte. Sie gehörte ursprünglich zu einem syrisch-christlichen Clan, der auf osmanischem Territorium gelebt hatte, ohne die Herrschaftssprache anzunehmen, und im Zuge der Armenierverfolgung zu einer eigenen Diaspora gekommen war. Halas Sippe, das war der Witz, hatte auf türkischem Boden das Türkische ignoriert und dem Islam die Gefolgschaft verweigert, sich in der Zerstreuung jedoch (komplett) türkisiert.

Es ließ sich wenig vertiefen. Unsere Lehrlinge tobten durch ihre Themen, Zaimoglu war für sie Pop, fast schon ein Star. Sie wollten zum Film, in die Werbung. Werbung war Kultur. Kultur war kuhl, ein Ausweis, mit dem man in die besten Clubs kam.

„Zeig uns den Weg, Zaimoglu!“

Zaimoglu hatte kaum Zeit, die Lehrlinge mussten oft mit mir vorliebnehmen. Das war ein Abfall, eine Enttäuschung jedes Mal, etwas auf der Linie des üblichen Nepps.

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Kurden hatten ihre Namen türkisiert, um nicht mit dem türkischen Patriotismus zu kollidieren.

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Die Türkei war einmal christlich gewesen - es gab ein hinter vorgehaltener Hand zugegebenes Kryptochristentum. Konnte es sein, dass der Anpassungsdruck in der Migration so stark war, dass man bei Hala daheim (nur) im Verborgenen christlich geblieben war?

Wie schwierig war es, in Deutschland offen christlich zu sein, wenn man als türkisch wahrgenommen wurde?

Irgendwo muss jeder vor Anker gehen. Irgendwo dazugehören - Warum hatte sich Hala eine christliche Heldin erfunden?

Die Islamisierung des Balkans zum Beispiel war eine Bürgerrechtsbewegung gewesen. Es ging einmal wieder um gesellschaftliche Teilhabe. Als Muslim war man im osmanischen Reich angekommen. Wer auf eine andere Religion bestand, blutete Geld (Kopfsteuer) und Rechte.

Iris steht ihrer Weiblichkeit ablehnend gegenüber. Sie begreift sich als „Mängelwesen“.

Hala fand lauter abwertende Beschriftungen für Weiblichkeit. „Abwertende“ dachte ich zuerst, bis ich begriff, dass die Autorin „abwehrende“ Beschreibungen einsetzte. Zugleich hungert sich Iris einem Ideal entgegen.

„Alle deutschen Mädchen sind magersüchtig“, schrieb Hala. „Sie sind es auch dann, wenn die Körper das nicht zugeben. Dann sind sie besonders magersüchtig.“

Eine Fotografin spricht Iris an, rühmt ihre Vorzüge und lädt sie zu Probeaufnahmen ein. Das Atelier ist eine Grotte ohne einen Schimmer natürlichen Lichts. Eine Visagistin fällt über Iris her, Iris erkennt sich im Spiegel nicht wieder. Mit glühenden Lockenwicklern gefoltert, hält sie eine Stunde still. Das Atelier füllt sich mit Leuten und Bemerkungen. Iris steht im Mittelpunkt, das ist ihr Platz. Man bespricht ihre Erscheinung wie auf einer Auktion. Die Visagistin erweitert ihr Repertoire als Stylistin. Sie steckt Iris in ein Kleid und das Kleid mit Nadeln fest. Die Fotografin redet auf das Modell wie auf eine Geisteskranke ein. Iris kennt nun ihre Rolle. Vermutlich würde sie diese Rolle auch in einer menschenleeren Welt spielen.

Halas Stammesgeschichte war zerklüftet wie ein Urstromtal. Hala fiel aus dem Rahmen, sie spielte ihre Andersartigkeit herunter. Sie erwartete von mir das Verhalten eines abschirmenden Lehrers. Andere waren robuster, sie kamen aus einer Mitte der Migration. Sie fühlten sich „den Deutschen“ überlegen, da – nach ihren Begriffen – die Deutschen nicht dazu lernte. Die Integration der Deutschen in ihr System war für sie Routine. Sie reagierten auf eine barbarische Taktlosigkeit mit Spott. Sie hatten es mit Hemmungslosen zu tun, die ihnen wieder und wieder die gleichen herabsetzenden Fragen stellten. Sie hatten den Wunsch, „etwas ganz zu sein“ und beriefen sich auf das Erbe der Herkunftsgesellschaften ihrer Eltern. Sie waren konservativ und beflissen. Sie waren ehrgeizig und pragmatisch. Sie wollten lernen und hätten am liebsten von Zaimoglu und mir Noten und Zeugnisse bekommen. Hätten sie in Zaimoglu und mir die alten Hippies erkannt oder die Typen, die den amerikanischen Traum auf Deutsch geträumt hatten, sie wären maßlos enttäuscht gewesen.

Unsere Lehrlinge waren gepanzerte und lackierte Geschöpfe, die immer nur in die Schule gehen wollten. Sie unterschieden sich selbstbewusst von jenen, die nicht zur Schule gehen wollten und erst Schwierigkeiten machten und dann Schwierigkeiten bekamen.

Deutschland war von einer Welle rassistischer Gewalt erfasst worden (wir schreiben das Jahr 1994) die Deutschen hatten den Türken in Deutschland beigebracht, dass sie Türken bleiben sollten.

Das war angekommen bei unseren Schreibstiften. Die Zukunft war ein einziges Zurück zur Ethnie als Hauptmerkmal der Identität.

Morgen mehr.

09:10 05.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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