Kombattant im Kulturkampf LXXI

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit André Glucksmann
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Unser Heinrich Siesmayer

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Bildnachweis: Wikipedia

Glucksmann entdeckte in Frankreich eine nihilistische Atmosphäre. Er lud uns ein, wir besuchten ihn mit den Kanakster All Stars, unseren Begabtesten. Nicht nur Murat und Hala hatten sich wochenlang vorbereitet, Glucksmann empfing die Delegation der avancierten Migration in seiner Pariser Wohnung. Die Wohnung sah haargenau so aus als sei Jean Seberg eben im Bad verschwunden.

„Wie erklären Sie sich die Jugendgewalt in den Vorstädten?“ fragte Hala. Inzwischen trug sie konsequent Kopftuch, manchmal band sie sich das Tuch auch vor die Nase. Es war mit Hammer und Sichel und der türkischen Faust bedruckt. Yumruk – Faust – war ein Schlüsselbegriff der akademischen Kanakster-Avantgarde.

Glucksmann wusste es! Die Vorstadtjugendlichen fühlten sich vom Terrorismus repräsentiert. Sie ahmten den Nihilismus der Regierung nach. Das war nicht das Ende der Integration.

Glucksmann sagte: „Im Gegenteil. Das sind Franzosen. Gut, sie haben Eltern, die aus Schwarz- oder Nordafrika kommen, aber es sind Franzosen. Sie integrieren sich, indem sie Autos anzünden, sie integrieren sich im Protest.“

„Es gibt eine typische französische Integration durch die Negation. Alle, alle Parteien in Frankreich, glauben, dass man mit Gewalt etwas erreicht.“

Meine jungen Leute sollten gedanklich da nicht einsteigen. Zaimoglu und ich gingen mit ihnen ins Kino, zwischen Hala und Murat tat sich was. Das war abzusehen gewesen.

Die All Stars hatten einen Auftritt in Hildesheim, wir landeten in Hannover. Hildesheim schickte einen Bus. Im Bus erklärte Zaimoglu einmal wieder: „Radical Chic (Tom Wolfe) ist eine Sache, die Konsequenz der üblen Bluttat eine andere. Das ist unser Weg nicht. Geht in die Parteien, organisiert euch gewerkschaftlich. Bleibt in der Gesellschaft.“

Das war für unsere jungen Menschen natürlich eine herbe Enttäuschung. Die hatten Glucksmann so verstanden, das Mülltonnenanzünden zur Integration gehört und wollten sich nun (zum ersten Mal) tüchtig integrieren.

„Ihr versteht Glucksmann falsch“, sagte Zaimoglu. „Man darf nur dem Denken keine Scheuklappen aufsetzen. Denkt so scharf ihr könnt, denkt auf Messers Schneide, aber ansonsten will ich nicht, dass hier irgendetwas im Namen von Kanak-A-Movement geschieht, was nicht auch das Technische Hilfswerk erledigen könnte.“

Vor uns trat Necla Kelek auf. Sie berichtete wie aus tieferen und dunkleren Lagen. Sie setzte die deutsche Mehrheit ins Bild. Kelek war der personifizierte Alarm. Sie wandte sich gegen Multi-Kulti-Illusionisten, sie warnte vor einer Islamisierung der Migration. Auf deutschem Boden existiere (so Kelek) eine türkische Parallelgesellschaft, die ihre islamischen Werte gegen den Westen verteidigte.

Hala sprach im Namen der All Stars. Kühn verkündete sie: „Die Türkei nach der Umma (Gemeinschaft der Gläubigen) zu beurteilen, ist so verfehlt wie ein Versuch, Italien aus der Omertà zu begreifen.“

Auch Wladimit Kaminer redete in Hildesheim, er war das doppelte Lottchen von George Clooney. Er hatte ein „Kochbuch des Sozialismus“ geschrieben, darin reimte sich Babuschka auf Ballaballa und Berlin. In der im märkischen Sand verschwindenden ex-sowjetischen Exklave veranstalteten Feinde von gestern gemeinsame Grillorgien. Kaminer sprach von „Toleranz auf fremdem Boden“.

Das Phänomen konterkarierte Segregationssehnsüchte der Eingesessenen, die mit ihren ost- und westdeutschen, türkischen, altlinken und post-autonomen Herkunftsbeschwörungen gern allein gelassen werden wollten. In Kaminers Wahrnehmung rentierte sich jeder Quatsch dieser Welt. Sein Blick war ein Messer, in das Hysteriker rannten, die ihr Hobby, die Mülltrennung und die Überwachung der Mülltrennung, zum Beruf gemacht hatten.

André Glucksmann

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Bildnachweis: Babeleo.com

2001 erschien „Alle leben so“. Maria Gazetti lud Angelika Klüssendorf ein, die Lesung im Literaturhaus fand am 27. … statt und war für die Nordend Kanakster-Lauf und Literaturgruppe und ihre vier sektenförmigen Absplitterungen ein Pflichttermin.

In Kanaksterkreisen hatte Klüssendorf einen Ruf wie Donnerhall, ich übernahm es, die Laufgruppe nach Bockenheim zu führen, wo damals das Literaturhaus der Siesmayerstraße nah war.

Siesmayer war Landschaftsarchitekt gewesen, wir streiften „seinen“ Grüneburgpark. Sportschick wie eine geschniegelte Abteilung wurden wir im Literaturhaus vorstellig. Der Franz machte da die Wirtschaft, unsere Lauffaulen saßen schon.

Das alte Frankfurter Literaturhaus

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Bildnachweis: Frankfurter Rundschau/Kumpfmüller

Kaum, dass sie begonnen hatte, wollte die Autorin aufhören. Alle Ermutigungen leisteten nicht mehr, als Klüssendorf von einem Abbruch des Abends abzuhalten. Wir bewegten sie zum Vortrag einer Episode. Darin berichtet einer, der als Schriftsteller noch am Anfang steht, von einer Annäherung, die in sämtlichen Stadien seine Erwartungen kränkt. Die Verkäuferin, auf die er es abgesehen hat, weil sie so „elegisch die Fleischstücke von den Sehnen trennt“, räumt ihm den Vorteil einer Überraschung nicht ein. In das Wirtshaus, das er nach heiklen Erwägungen zum Treffpunkt bestimmt, kommt sie als Stammgast. Sie weiß über Dostojewski Bescheid.

Das Paar schleppt sich in die Zone körperlicher Erregungen: das wird genau beschrieben. In einer Sprache, die an klinische Befunde erinnert.

Hauke erinnerte Klüssendorfs Sexualsezierungen an „klinische Befunde“. Sie war so eine wie im Roman die Verkäuferin: eine belesene Nachtwächterin, eine die in Ausstellungen ging und still blieb neben den Aufschneidern.

Sie freute sich über jede Tasse Kaffee, sie dankte für die geringste Aufmerksamkeit. Ich wusste, kein Mensch ist so – je klarer das Wasser, umso tiefer tauchen die Krokodile.

Der Schriftsteller sucht die Verkäuferin in der Verführerin. Ihm wird die Freude verwehrt, das zu finden, was ihn hinter der Wursttheke ansprach.

Er erscheint als „ein junger Mann, dessen Verrücktheiten sich in Luft auflösen würden, müsste er für sich selbst sorgen“.

Er schnorrt bei der Mutter, die einem Heiratsschwindler sehenden Auges auf den Leim kriecht. Der kriegt sein Fett noch weg.

So geht es zu „In alle leben so“. Die NKU machte Wind nach Schema-F. Man saß da in kurzen Hosen, zugegeben unsittlich breitbeinig im Plural von Adidas, und pfiff und trillerte und klatschte den milden Applaus der anderen in Grund und Boden.

Von Zaimoglu hatten wir gelernt, wie man Begeisterung als Waffe einsetzt und mit Begeisterung Räume schafft.

„Seid unentwegt“, lehrte Zaimoglu.

Ich pfiff uns dann auf die Wirtshausterrasse. Die Nichtläufer setzten sich zu den Spitzen der Gesellschaft, meine Sportler wärmten sich zwischen den Tischen für den Rücklauf auf. Hauke lief mit. Sie schrieb auch Gedichte. Ihre lyrischen Verbrecher wisperten zusammen wie Aliens, die nach Hause wollten.

*

Hauke behauptete, in der Liebe „besetzt“ zu sein. Haukes Besetzer hieß Torben. Er hing wie eine Klette an Hauke. Mit einer Fresse wie ein zertretenes Beet. Torben sah aus wie der weinerliche Wikinger. Hauke wahrte mir gegenüber Zurückhaltung, sie hielt fest an der erschlafften Flagge halbherziger, außerehelicher Treue. Denn verheiratet war sie außerdem.

Morgen mehr.

Ko

07:35 08.08.2015
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