Kombattant im Kulturkampf LXXII

Feridun Zaimoglu und das weibliche Genie in großer Besetzung
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Nihan befasste sich wissenschaftlich mit der Frage, wie entsteht und wie wirkt weibliches Genie. Zuletzt stellten ihre Betrachtungen Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir in einen Rahmen. Das waren die üblichen Verdächtigen seit Schulzeiten.

Rosa Luxemburg

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Plötzlich besaß Denis Scheck mediale Allgegenwart. Er fand im Frühstücksfernsehen statt, man sah ihn in amerikanischen Serien. Er sprach mit Leichen über Literatur. Seine Ohren waren ein Ereignis. Den Ort eines Romangeschehens bezeichnete er als „Eroscenter des Geistes“. Der listige Schwabe bediente sich im Magazin der Verführungsrhetorik.

Vielleicht war Scheck gar kein Schwabe. Auf jeden Fall hatte er Gisela Stelly zu ozeanischer Prosa bewegt. Das Buch heißt „Moby“ wie Dick. Die Heldin heißt beinah wie die kleine Meerjungfrau. Sie wächst mit Geschichten auf, in denen Hass sich in Tüchtigkeit verwandelt. Mariella ist die Tochter eines Moguls. In Zaimoglu und mir reifte die Einsicht, dass die Faszination bedeutender Männer von uns nicht richtig begriffen wurde. Die Strecke von Schecks intellektuellem Freudenhaus zu Freud war bei Stelly fabelhaft kurz.

Wir saßen im Hamburger Literaturhaus, Zaimoglu trug Gips, Scheck sprach mit Stelly, die Schriftstellerin imaginierte sich ein verjüngtes, somit entschuldigtes Alter ego für ihre Rolle als Ex-Frau von Augstein. Man sollte so was nicht vertiefen, auf solche Abgründe der besseren Gesellschaft gehörten bloß ein paar Dieter Bohlen der Indifferenz.

Neben Hauke krampfte Torben. Inzwischen schlief er auf meiner Wohnzimmercouch. Er kaufte ein. Seine Küchendienste hatten Pfiff, Torben hielt sich wie ein Arbeitsloser, der noch nicht aufgegeben hat. Manche Breitseite nahm er mit dem kleinen Lächeln, das in der Mundwinkelbereitschaft von Männern Schatten sucht, die wissen, dass sie nicht gut ankommen in der Welt. Sie entschuldigen sich mit diesem kleinen Lächeln, dass die Welt es mit ihnen aushalten muss – sie es aber nicht mit ihr aufnehmen können. Ihn beherrschte die große Sprecharie des kleinen Mannes, dem im Schrebergarten seines Daseins ständig der Himmel auf den Kopf zu fallen droht.

Zum Ausgleich für Torben hatte ich zusätzlich Nihan. Nihan (Spezialistin für Sozialisationstheorien und Gender-Studies in Göttingen) unterstrich im Gegenzug mit dieser Affäre Präambeln einer wichtigeren Verbindung (mit ihrem verheirateten Doktorvater). Das schiere Paar, bestehend aus einem Mann und einer Frau und vereint im Willen zur Monogamie, schien es nicht mehr zu geben. Man darf nicht vergessen, dass Hauke verheiratet war und der Gatte sich mitunter bemerkbar machte. Dann saßen er, Torben, Nihan und ich mit Hauke in meiner Küche und führten Gespräche als Menschen guten Willens. Nicht immer ergab sich die große Besetzung, aber das kam vor und fragt mich nicht nach Sonnenschein.

Im Literaturhaus flohen Blicke aus dem Fenster. Ich interpretierte ein Hauke-Signal als Hinweis auf die Sehnsucht mit mir allein zu sein. Wie würde das enden? Lara nannte sich inzwischen Schwester S. und dichtete bei „Stimmenrausch“ mit. Die Linksrassisten um Bert Papenfuß und Max Pfeifer hatten ihre poetischen und körperlichen Nachstellungen immer noch nicht aufgegeben. (Sie hatten Zaimoglu in Pankow mit Knockout-Tropfen außer Gefecht gesetzt. Im Tropfentran war er gestürzt und mit einem gebrochenen Arm davongekommen.)

Corinna Harfouch las für Stelly aus „Moby“. In Harfouchs Vortrag gewann Stellys Sommerwind-im-Haar-Geschichte den diskreten Charme von „Bonjour Tristesse“. In den Achtzigern verbringt Mariella den letzten Urlaub mit den Eltern an einem französischen Strand. Für den Vater ist Mariellas Mutter „schieres Lebenselixier“, während sie wie eine Fleisch fressende Pflanze auf den Mann reagiert.

Das Wetter wird dramatisch. Das Mittelmeer kräuselt sich gewaltig. Es macht einen auf Kap Horn. Man gerät in Seenot und wird gerettet von einem Prinzen. Kleine Mädchen träumen so, große offenbar auch. In dieser kapitalen Falle des Lebens kann eine Frau nur vor Enttäuschung grau werden.

Hauke sagte: „Mein Prinz und nu', so jung kommen wir nicht mehr zusammen an der Wasserkante.“

Hauke war die Norddeutsche wie sie vor der Buche steht, sie hatte ihr Hamburger Jahr gehabt, „das Flegeljahr für Bräute“, Hauke redete so zu ihrem Vergnügen, ich schlug den Besuch meines Hotelzimmers vor. Zaimoglu wollte gleich weiter nach Kiel, Scheck hielt ihn auf. Er plante Großes mit Zaimoglu, er wunderte sich, wie wenig beeindruckend wir das fanden, mein Telefon spielte das Lied vom Tod.

Nihan, die sich für eine Löwin - und für ein Wunder hielt, das fett zu werden drohte, war von ihrem Professor versetzt worden, wie konnte er nur. Ich hätte am liebsten gesagt, der ist jetzt bei Frau und Kind und fühlt sich sicher. Für den bist du eine Bedrohung mit deinen Angeboten, canım benim.

Das braucht der doch alles gar nicht für sein Glück in einem niedersächsischen Winkel.

Natürlich sagte man so was nicht. Sogar ich sagte so was selten, obwohl es mich trieb. Regelrecht antrieb. Ich sah die Verwüstung in Göttingen. Göttingen war im Krieg verschont geblieben, es gab ein Heidelberg der stehengebliebenen Häuser. Selbstverständlich wohnte Nihan in Fachwerk, die Balken ochsenblutrot. Die Decken niedrig, die Wände schief. Die Türrrahmen verzogen.

Leben im lebenden Material. Der Lehm der Bauweise lebte als Zeuge der Metamorphose vom Gastarbeiterentlein zum aufrauschenden Schwan der Sozialisationstheorien. Aber jetzt lief die Tusche, den Kerzen ward der Schein weggeblasen, ein Tritt in die Kiste stellte die Musik ab, die Lasagne, dieser Gipfel der Völkerverständigung, kriegte ihr Fett ab, dabei verbrannte sich Nihan die Finger.

Es war alles ganz schrecklich und doch völlig normal. Dazu brauchte man keinen Migrationshintergrund. Der Prinz gab den Pantoffeln den Vorzug.

Mit der eigenen Frau mal wieder auf dem Sofa. Mal wieder Fußball mit etwas Lauchgemüse zwischen den Zähnen. Gemütlichkeit pur.

Nihan befasste sich wissenschaftlich mit der Frage, wie entsteht und wie wirkt weibliches Genie. Zuletzt stellten ihre Betrachtungen Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir in einen Rahmen. Das waren die üblichen Verdächtigen.

Nihan erforschte Einbrüche dieser „Galionsfiguren in männliche Domänen“. Als erste Voraussetzung dafür nannte sie die Bereitschaft, „ein schweres Schicksal als Aufgabe anzunehmen“.

Dazu gehörte die Kraft zur Zurückweisung elementarer Zuschreibungen. Luxemburg wollte weder auf die jüdische Herkunft noch auf ihr Geschlecht noch auf eine fast lebenslange Behinderung angesprochen werden. In einer „überfordernden Außenwelt“ enwickelte der „Adler“, Lenin über Luxemburg, ein Konzept der Stärke bis zur Unberührbarkeit.

Obskur fand Luxemburg die Frauenfrage. Das machte Nihan zu schaffen. Ihr schwebte eine Internationale der Frauen vor. Sie strebte die Entmachtung der Männer an, ohne Ansehen ihrer Ethnie. Man musste aber nur „Mann“ mit (ich sag das jetzt mal absichtlich unbeholfen) „Ausländer“ wahlweise „Rassist“ ersetzen und schon passte der Text in die Migrationsdebatte.

Die Wahrheit ist, Nihan fühlte sich als „echte Türkin“ „rassisch“ überlegen. Sie hielt „die Deutschen“ für ein „minderwertiges Mischvolk“ mit einer Kultur „im Kindergartenstadium“. Für sich nahm Nihan die Kulturleistungen Mesopotamiens als persönliches Erbe in Anspruch. Ihre feministischen Ableitungen funktionierten familiär: Woher kommt die Distanzierung vom eigenen Geschlecht bei Luxemburg? Luxemburg wurde als Klassenbeste zur Klassenkämpferin. Den tiefen Grund für das Durchsetzungsvermögen der Marxistin im Kreis sozialdemokratischer Patriarchen entdeckte Nihan im Repertoire der Mutter.

Nihan nahm die Macht der eigenen Mutter und versorgte damit (nicht zu Unrecht) Rosas Mutter. Ich fand das Verfahren erhellend ob der Narration. Wichtiger waren für Zaimoglu und mich am Rand abgeschöpfte Einsichten zur gescheiterten Assimilation der europäischen Juden. Was bedeutete es, eine Differenz nur politisch zu begreifen (begreifen zu wollen)? So wie Luxemburg es tat.

Torben klebte an Hauke, Nihan schrie ins Telefon, Zaimoglu und ich trennten uns an diesem Abend im Hamburger Literaturhaus als Kombattanten im verschärften Kampf gegen Rassisten, die an der Gültigkeit ihrer Positionen keinen Zweifel hegten. Sie hatten erst mich und dann Zaimoglu ins Krankenhaus gebracht. Sie ließen uns darüber nicht im Unklaren, dass sie Totschlag für angebracht hielten.

Nein, es blieb ohne Taug, die ethnische Differenz herunterzuspielen. Solange sie Begründungen lieferte, musste man ihrer Virulenz Rechnung tragen.

Morgen mehr.

06:35 09.08.2015
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