Kombattant im Kulturkampf LXXIII

Feridun Zaimoglu hilft Alfred Hrdlicka über die Straße
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"In der Falle" - Orkun Ertener setzte die Kantherschen Ausländergesetze auf die Tagesordnung der Republik, indem er sie als Drehbuchautor zum "Tatort"-Thema machte.

Ertener sagte: "Kaum einer weiß, welchen Schikanen der türkische Kollege ausgesetzt ist, wenn er heiraten will. Viele verwechseln das Asyl- mit dem Ausländerrecht. Skandalös ist schon das ganz normale Ausländerrecht."

In der Falle

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Bildnachweis: tvspielfilm.de

In der Früh hatte der Wirt Kartoffeln bekommen, die Säcke standen in der Diele. Man war schließlich auf der Arbeit und nicht auf der Flucht. Auf der Speisetafel wurde ein Strammer Max für sieben Mark angeboten. Die Bildzeitung war ordentlich gefaltet. Sie sah gebügelt aus. Den Vormittag über blieb sie den Rentnern vorbehalten, die auf ihre Garderobe achteten und den Ruhestand als Karrieresprung betrachteten. Sie gingen äußerst sorgfältig mit der Zeitung um. Sie rückten auch an den Filzen mit zurechtweisenden Bewegungen herum.

Der Wirt ignorierte seine Gäste in gegenseitigem Einvernehmen. Die Frühbiertrinker wollten bis Mittag mit dem Wirt genauso nichts zu tun haben. Er hieß Karl May wie schon sein Vater und sein Großvater. Es war kaum zu glauben, aber schon viel zu lange wahr. Karl May hatte seine eigene Bildzeitung, seine eigene Tasse, seinen eigenen FSV-Wimpel und seinen eigenen Aschenbecher. Die Winkel zwischen den Gegenständen in seiner Ecke waren nicht zufällig. An dieser Ordnung rührte besser keiner.

Karl May hatte sein ganzes Leben an Ort und Stelle verbracht, er wohnte im Haus wie schon sein Vater und sein Großvater über der Gaststätte gewohnt hatten. Einmal abgesehen von sonntäglichen Ausflügen, samstäglichen Heimspielbetrachtungen am Bornheimer Hang, Stunden im Garten, Krankenhausbesuchen, Einkäufen und dem Sommerurlaub, war Karl May ständig in seiner Wirtschaft.

Karl May war ein furchtbarer Knochen, er drosch empfindungslos das leere Stroh der schankwirtschaftlichen Spruchmeisterei. Er war rabiat, Rassist war er nicht. Er hatte zur „Förderung von ausländischen Arbeitslosen“ mit seinen Rentnern eine Initiative gegründet, ich traue mich kaum, es zu sagen, die „interkulturelles Jobcoaching“ anbot.

Was gab es noch? Regina Halmich, das Ozonloch, im TBC-Krankenhaus von Jaroslawl fehlte es von Einweghandschuhen über Zahnbürsten bis zu Desinfektionsmitteln an allem. Chefärztin Olga Emeljanowa wandte sich an Karl May, der hatte schon einmal geholfen.

Die Säcke sackten in der Diele. Karl May besaß Bilder von Willi Sitte und Wolfgang Mattheuer, sie hingen in seiner Wohnung wie röhrende Hirsche.

Karl May hätte jedes Kompliment als Beleidigung aufgefasst, man hatte sich schlicht und ergreifend kein Urteil zu erlauben. Er war ein Freund von Alfred Hrdlicka, deshalb war ich in der Wirtschaft. Die Buschtrommeln hatten Hrdlicka angekündigt, ich erwartete Hrdlicka die Treppe herabsteigend. Ich hatte einen Fotografen dabei und dem genau erklärt, was ich für ein Foto haben wollte.

Ich erwartete Alfred Hrdlicka die Treppe in Karl Mays Schankwirtschaft herabsteigend in der Art von Duchamps "Akt eine Treppe herabsteigend Nr. 2".

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Bildnachweis: androgon.com

Orkun Ertener stieß zu uns. Er hatte die Kantherschen Ausländergesetze zum „Tatort“-Thema gemacht. Es gab Kanakster, die sich über jeden „Tatort“ erhaben fühlten und wegen der „Formaterwartungen“ dünkelten, Zaimoglu und ich sagten: „Dann seid erst einmal wirkungsvoller.“

Die Republik diskutierte den Sonntagabend mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl. Ertener hatte die Migration auf die deutsche Tagesordnung gesetzt. Bengi Can (Sascha Laura Soydan), eine nach ihrer Ausweisung abgetauchte Modezeichnerin, wird nicht nur Zeugin eines Mordes, sondern muss ferner erleben, wie ihr Bekannter Sinan, Angestellter im Bauunternehmen des Ermordeten, in Untersuchungshaft genommen wird. Bedroht von Ausweisung, kann Bengi nicht aussagen. Sie schickt ihre jüngere Schwester Meliha (Burcu Dal), um Sinan zu entlasten. Meliha, vom tragischen Tod der Eltern schwer gebeutelt, trifft die große Schwester heimlich in einem Labyrinth. Leitmayr/Batic kommen schnell dahinter, dass Meliha nicht gesehen haben kann, was gesehen zu haben sie behauptet.

Ertener sagte: „Wenn nicht ich, wer sonst sollte die Folgen des verschärften Ausländergesetzes ins Fernsehen bringen!“

Ertener kam aus Istanbul nach Rüsselsheim. Sein erinnerter Kinderblick auf „Gastarbeiter“ wich von der deutschen Perspektive kaum ab.

*

„Wie kam der Westen in meinen Kopf und was hat er da angerichtet?“

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Diese Frage stellt sich Enrico (Heinrich) Türmer. „Unschätzbar“ wertvoll waren für ihn Westgeschenke, wo „das Benzin nach Parfüm duftete“. Ein Reh führte Enrico zu Gott, Jack London zur Literatur. Die ersten eigenen Sachen, hochfahrend als „Abenteuer der Seele“ angesprochen, entstanden unter Diktatzwang.

Zitiert nach Ingo Schulze, „Neue Leben“.

Wie kam der Westen in meinen Kopf?

Hala warf die Frage auf, ihr Osten war kein Ingo. Der Vorort ihrer Kindheit war ein anderes Rüsselsheim mit rostendem Spielplatz und pausenlosen Verwandtenbesuchen. Hala saß neben mir bei meinem ersten Ertener-Interview. Als Kind sah Ertener „arme Männer, die zu dritt auf einer Bude“ in den Opel-Betriebswerken hausten, wo seine Mutter Sozialbetreuerin war.

„Meine Mutter ist keine Sozialbetreuerin“, klagte Hala. „Meine Mutter schenkt Milch in meiner Schule aus. Wir sind immer noch Gastarbeiter.“

Morgen mehr.

07:53 10.08.2015
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