Kombattant im Kulturkampf LXXIV

Feridun Zaimoglu spricht über Tito
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Maske/Wolke - Das Dream Team aus Frankfurt/Oder

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Bildnachweis: Wikipedia

Tarek Dzinaj war Arzt und Autor. Er brachte Alfred Döblin an: eines schönen Tages im endlosen Sommer Neunundneunzig. Wir saßen im Gartencafé am Fuß eines Kirchturms. Die Bedienung fühlte sich hochgenommen, weil wir Fünf nicht gerade sein lassen wollten beim Apfelwein. Kanaken gerierten sich als Hüter hessischer Lebensart, das musste sich gleich herumsprechen. Die Chefin trat dramatisch an die Pforte, um sich uns anzusehen, Gute Nacht, Europa, ich registrierte bei Dzinaj ein Repertoire, das ich kannte. Man setzt sich die Maske der Bonhomie auf, während man innerlich durchlädt.

Dzinaj hatte einen Roman mit dem aufreizenden Titel „Müde“ geschrieben. Der Titel spielte mit geläufigen Bedeutungen. Dzinaj fand „das Leben anstrengend.“ Er fuhr einen Maserati Ghibli, Baujahr 1996. Das Coupé besaß einen enormen Schauwert. Kinder liefen zusammen, wo immer Dzinaj einparkte. Wir waren uns einmal in Leipzig begegnet, zufällig an einem Messeabend. Ich war mit Lara auf der Rolle, Lara hatte in Leipzig studiert, sie wollte in eine Kneipe von früher, unterwegs sammelte uns Dzinaj ein. Lara kroch in den Hohlraum hinter den Sitzen, ich fühlte mich von Dzinajs Bedürfnis nach vertrauten Gesichtern überrumpelt. In der Kneipe herrschte depressive Heiterkeit. Die Phalanx bestand aus Randale-Veteranen, wir waren in Gefahr. Lara wusste das, sie wollte mich unter Druck erleben. Es gab sofort einen Schulterschluss zwischen Dzinaj und mir, nie werde ich seine unaufdringliche Entschlossenheit vergessen. Er kreuzte die Arme, ein kleiner kaltblütiger Mann, der mit achtzehn schon kahl geworden war und vom Stemmeisen bis zur Maschinenpistole alles eingesetzt hätte, um eine Lage zu klären.

Lara hatte ihren Spaß.

Du bist doch eine Ostdame“, sagte die Bedienung. „Das kannste gar nicht verleugnen.“

Mir war klar, dass die Bedienung ihre Stammgäste hoch- und gegen uns aufbringen wollte. Die Verehrer spielten Dart und zwar so, dass ich keine Lust hatte, an ihnen vorbei aufs Klo zu gehen. Sie waren schon angefressen, standen aber noch auf Schläuchen.

„Mach keine braunen Babys“, bat die Bedienung. „Guck dich um, ist doch alles da und dran an nem Sachsen. Wozu brauchst du denn diese Nigger?“

Lass uns abrücken“, sagte Dzinaj. In diesem Augenblick standen wir uns näher als Lara und ich. So wirkt sich Erfahrung aus. Ist alles eine Frage der Hautfarbe. Wir waren die „Nigger“. Jeder Typ, der hier im Unterhemd gut angezogen war, fühlte sich uns mit seiner Volksschule im Kopf überlegen, bloß weil er „weiß“ war. Die Weißen spitzten ihre Queues. Ich kannte das Programm.

Dzinajs Vater, ein Albaner aus Mazedonien, hatte in Zagreb Medizin studiert. Nachdem die Ehe mit Dzinajs Mutter in die Brüche gegangen war, nahm er den Sohn mit nach Istanbul. Dzinaj erkrankte an Kinderlähmung, im Café sprach er von „Impfversagen“. Wir saßen unter einer Pergola, Dzinaj redete mit Lust am finsteren Detail. - Die Freude des Fachmanns am Einfallsreichtum der Krankheiten.

Die Lähmung hatte die Eltern wieder zusammengebracht, die Familie siedelte auf einer Landzunge im Spessart. Das war Alltag der Migration: ein Spagat zwischen Wasserlos in Unterfranken und Istanbul. Die Nachbarn kannten so viel Welt aus dem Fernseher.

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Dzinaj stellte als Ehrengast „Sabbaths Theater“ von Philip Roth im Singsaal der Burg vor. Nach einem Zusammenbruch hatte sich Nihan unserer NK-Sing- und Lesegruppe (NKSuLg) angeschlossen und stritt erbittert mit Murat und Hala um den inoffiziellen Vorsitz.

Migranten sind keine besseren Menschen, da muss ich euch enttäuschen. Ich fand, dass Roth‘ Heldin in „Sabbaths Theater“ Nihan in zwanzig Jahren vorwegnahm. Ich war mir sicher, dass Nihan mit Extratouren ihren Doktorvater aus seiner Ehe hebeln wollte. Nihan war ein Biest, ungemein druckvoll. Sie entfaltete im „Zusammenbruch“ mehr Kraft und umstürzlerisches Potential als andere in ihren gesündesten Phasen.

In „Sabbaths Theater“ verlangt eine zweiundfünfzigjährige, gut und gern verheiratete Dranka von ihrem vierundsechzigjährigen Liebhaber:

„Schwöre, dass du nie mehr eine andere fickst.“

Dranka wünscht Monogamie außerhalb der Ehe. Sie hat eine jugoslawische Vergangenheit, der Liebhaber nennt ihr Begehren darum „Titoismus“. Ich übernahm das Wort für Nihan, sie wagte es, wegen Hauke eifersüchtig zu sein. Hauke kannte wen, der Henry Maske kannte, die Kanakster All Stars erhielten eine Audienz. Dzinaj und Ertener schlossen sich an. Wir nahmen wieder den Bus vom Stalburg Theater, Dzinaj und ich donnerten im Maserati vorneweg. Hala klemmte im Kofferfach, das so groß wie eine Hutablage war. Sie quasselte vor Aufregung, sehe ich sie heute im Fernseher, frage ich mich, ob dieses Monster der Selbstbezogenheit meine Schuld ist.

„Amateur- und Profiboxen unterscheiden sich wie Feuer und Wasser. Ich verabscheue, dass der Mensch zur Ware wird.“

Henry Maske 1988, damals DDR-Olympiasieger, Amateur-Weltmeister, dreifacher Amateur-Europameister

Ich erinnere an die PR-Großtat, die NVA-Uniform des mit dem „Vaterländischen Verdienstorden in Gold“ doppelt ausgezeichneten Ex-Offiziers dem Volk aus dem Gedächtnis zu streichen. Noch Neunzig verkündete Maske, den Versuchungen des Westens auf keinen Fall erliegen zu wollen. Der Weg vom geraden Ostmann mit Streber-Attitüde, den sogar seine sprachliche Unbeholfenheit zierte, zum Anti-Schuppen-Shampoo-Prinz in der Kunstnebelwolke war erschütternd kurz.

Morgen mehr.

08:52 11.08.2015
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