Kombattant im Kulturkampf LXXIX

Feridun Zaimoglu begrüßt Johann Christian Senckenberg
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Unser Johann Christian Senckenberg - Stadtphysikus zu Frankfurt am Main - war ein Fan der Nordend-Kanakster All Stars. Er kam oft in die Burg ohne Namen, wo die Nordend Kanakster Sing- und Spielegruppe sich im alten Singsaal gegenseitig aus Romanen vorlas. Das brachte die jungen Leute weg von der Straße, das war zu loben und zu preisen. Zaimoglu und ich versahen Ehrenämter, da gabs keine Zuschüsse vom Land Hessen für unser Kanakster für Deutschland-Engagement.

Johann Christian Senckenberg

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Bildnachweis: Wikipedia

Harkan passte seine Preise den finanziellen Möglichkeiten der Kunden an. Mit einem Blick erfasste er die Spielräume. Seit Jahr und Tag stand er mit seinem Gemüse vor der Zoo-Passage. Aus einem Schacht strömten die Verbraucher zur Auslage. Auch Straßenbahnen hielten förmlich davor. Harkan hatte den besten Platz der Stadt. Das war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Analyse. Harkan war Nordend Kanakster der ersten Stunde – ein Geburtsfrankfurter.

Es gab Leute, die bloß einen Apfel brauchten, den sie mit Kennermiene angelten, am Ärmel polierten, um dann wie in einem Spot die Zähne ins Fruchtfleisch zu schlagen. Andere hatten für große Familien einzukaufen und schleppten Harkans 1-B-Gemüse tütenweise weg. Das war im Ostend Alltag. Jede Lebensäußerung wurde gedeckt von echter und vorgetäuschter Gleichgültigkeit der Übrigen. Man ging einfach vorbei. An den Junkies im Windfang der Passage. An den vor Fremdheit und Zurückweisung wie Gestauchten, in ihren Gehzelten Verborgenen.

Trinker beschützten ihre Gesichter.

Hauke kam zu uns, sie arbeitete in der Methadon Vergabestelle der Malteser, ihr letzter Chef war als Hochstapler aufgeflogen. Ein Junkie, der den Arzt gespielt hatte.

Zurzeit leitete Hauke die Einrichtung. Sie ignorierte ihre Kundschaft auf der Straße, sie ließ sich sehenden Auges bescheißen. Sie betete den Herbst in einem Rollkragenpullover herbei.

An einer Hauptverkehrsstraße wähnte sich Harkan an der frischen Luft. Er nannte die frische Luft einen Vorzug seiner Arbeit. Nur an den kältesten Tagen verlor er seine Gemütlichkeit. Dann fing sich der Wind im Verschlag, die Eilenden im grauen Frost nahmen eine sich selbst umarmende Jammergestalt wahr.

Im ewigen Neunundneunziger Sommer verdunstete jeder Gedanke an Abkühlung. Wer es sich leisten konnte, quartierte sich in einem Hotel mit klimatisierter Lobby ein. Wir ließen Harkan zurück und nahmen unsere Wallanlagenbegehung wieder auf. Hauke begleitete Murat und mich, Süchtige grüßten den blonden Engel der Malteser. Wie viele Drogenhelferinnen war auch Hauke ein halber Junkie. Der Underdog in ihr schlug ständig an. Hauke konnte sich nur gehen lassen, wenn keine Bürgerlichkeit im Spiel war. Sie verkehrte fast intim mit den lottrigsten Typen. Zwei Brüder umkreisten uns wie wilde Hunde. Die Jungen lebten seit Jahren auf der Straße, sie hatten beide einen schweren Hau, überstanden sich aber gut im brüderlichen Schutz- und Trutzbund.

Hauke behauptete, dass die Jungen etwas gesehen hatten als Kinder in einem Krieg. Dazu Flucht und Vertreibung. Diese Jungen würde keiner mehr auf eine gesellschaftliche Bahn kriegen, Hauke war für sie sowohl Mutterersatz als auch Objekt der Begierde. Die Drei verständigten sich in einem tierischen Kode.

„Kannst du sie nicht abschütteln?“ bat ich.

Hauke stieß einen Pfiff aus und die Jungen stoben davon.

Wallanlage im Ostend

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Bildnachweis: frankfurt-greencity.de

Wir trafen Zaimoglu in dem kleinen Garten am Eschenheimer Turm. Die Anlage schien vom Verkehr wie in die Ecke gedrückt. Hier entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Stiftsgarten, als erster Botanischer Garten Frankfurts vom Stadtphysikus Johann Christian Senckenberg gegründet und später in die Siesmayerstraße verlegt.

Wie mit Gewalt schien die Bauwut vor den Wällen zum Stehen gebracht. Zaimoglu wusste, dass das Wallservitut die Bebauung beschränkte. Morgen erklären wir euch das Wallservitut. Es gilt bis heute.

Morgen mehr.

09:10 15.08.2015
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