Kombattant im Kulturkampf LXXV

Feridun Zaimoglu trifft Campino
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Fields-Medaille - International Medal for Outstanding Discoveries in Mathematics - Medal of Honor für Mathematiker

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Bildnachweis: Wikipedia

Ein Nobelpreisträger für Chemie kann nicht damit rechnen, auf der Straße erkannt zu werden. Dem berühmtesten Teilnehmer eines Ärzte-Kongresses sieht außerhalb der versammelten Fachwelt keiner seine Eminenz an. Ein Träger der International Medal for Outstanding Discoveries in Mathematics im Puff, ist auch nur ein Freier.

Wer dem Publikum seltener als Zaimoglu oder Henry Maske erschien, ging seiner Wege unerkannt. Er trieb im Verkehr, stieß an und wurde abgedrängt. Er überquerte eine Straße bei Rot, die gellende Zurückweisung einer empörten Mutter im Ohr.

In den Neunzigern erschien der dreimal zum DDR-Boxer des Jahres gekürte Oder-Frankfurter Maske als Parvenü in einer Talmi-Society, die das bekennende Ring-Groupie Margarethe Schreinemakers wie eine Herzogin von Guermantes hofierte. http://ecx.images-amazon.com/images/I/517juEukPtL._SX317_BO1,204,203,200_.jpg

Maskes Metamorphose vom Ausnahmeathleten mit sozialistischen Überzeugungen zum RTL-Star mit Millionen machten Zaimoglu und ich zum Gegenstand einer Analyse. Zaimoglu interessierte sich nicht fürs Boxen, vielleicht kam daher seine Karriereeffizienz. Dass er nie hängenblieb an einem - und sich nicht nageln ließ auf ein Rustica-Konzept, nach dem Echtheitszertifikate ausgestellt wurden.

Zaimoglu wusste, dass „Echtheit“ ein Killer war. Wenig war wahr, fast alles flottierte und stand zur Disposition. Maske bot dafür ein gutes Beispiel. 1990 lieferte sich der Weltmeister als grillbereiter Nachbar im Plattenbau Gleichheitsfantasien und -sehnsüchten aus, die nur in die Enttäuschung führen konnten. Kein Mensch erwartete von Maske, dass er hinter seinen Möglichkeiten zurückblieb, er selbst bot das an, wie ein Spitzen-DJ, der für umme in der Kellerbar auflegt. Die Leute beteten seine „Echtheit“ an, dann wurde kapitalistisch Kasse gemacht und Maske stand im Plattenbau als falscher Fuffziger da.

Deshalb, so sagte es Zaimoglu: „Lass dich nie mit „Echten“ ein, die sind garantiert falsch oder haben ein Leben als Schießbudenfigur in Vorhaltung.“

Das waren Überlegungen der frühsten Neunziger, Maske war dann eine gesamtdeutsche Marke und nur sein Trainer, Manfred Wolke, ließ noch erkennen, wo das Produkt herkam.

Eine andere Marke, die unter dem Druck stand, „echt geblieben“ zu sein, war Campino.

Campino: „Wir haben immer voll losgeballert. Wir haben uns den Arsch aus der Hose gearbeitet. (Beim) Abschlusskonzert wurden die Membranen in den Boxen zum Tanzen gebracht, da schäumte das Flaschenbier mit der Stimmung über.“

Das war Ballermann. Natürlich wollte Campino auf keinen Fall an einer nachgemachten Punkgeschichte beteiligt sein. Er musste seine bürgerliche Herkunft synchronisieren: „Auch wir Bürgerkinder brachten den Punk in die guten Stuben. … Es war ein geiler Trip, von einem grottenhaft mäßigen Subkult-Combo mit tausend verkauften Singles im Selbstverlag zu einer der erfolgreichsten Bands im deutschen Sprachraum zu werden.“

Die Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe traf sich zur Nachbereitung im Günthersburgpark. Denn es war Sommer. Wir hatten Maske und Campino abgeklappert, inzwischen verdiente der sprachgehemmte Maske Geld als Redner. Wir liefen zur Einstimmung unsere sieben großen Runden, Hala leitete die Gymnastik, ich hatte Gymnastik als Programmpunkt für unverzichtbar erklärt.

Manche nannten unsere Gymnastik Yoga oder Hatschi, das passte mir nicht.

„Kann man Maske und Camino als ein Paar abgezockter Unterhaltungsfürsten zusammendenken, die mehr eint als trennt?“ fragte Hala.

Wir saßen im Kreis auf der tiefen Wiese, jeder hatte sein Wasser und Murat zudem eine „deutsche“ Freundin in Abstimmung mit mir. Im Grunde sollte die Ethnie keine Rolle spielen, sie spielte nur ständig eine Rolle. Das konnte beim besten Willen nicht ignoriert werden. Ich meine, die jungen Leute waren verunsichert.

Die Deutsche hieß Friederike und ließ sich Frieda nennen. Sie studierte Ethnologie, das machte schon stutzig. Sollten wir erforscht werden? Man erkannte Friedas Bereitschaft zur Anpassung und Solidarität. Sie bereitete sich auf unsere Lauf- und Literaturtermine nicht weniger gründlich vor als „echte“ Kanakster, die mit Leidensdruck, Leidenschaft und Sendungsbewusstsein bei der Sache waren.

Ich möchte es einmal so sagen, Redlichkeit und Rustikalität waren weder bei Campino noch bei Maske emotionale Endmoränen.

Campino: „Die ersten Punk-Cliquen … man traf sich auf der Ratinger Straße, hing gemeinsam ein paar Stunden ab.“

Maske: „Ich kam zum Boxen wie einer, der in den Laden geht und sich Schuhe aussucht.“

*

Unter uns, das Interessanteste an Maske war sein Trainer Manfred Wolke, Olympiasieger Achtundsechzig. Wolke über die Wendezeit: „Es war schon eine Zeit, in der man vor völlig neue Aufgaben gestellt wurde. Wir waren Stars im DDR-Amateursystem gewesen, nun fingen wir bei null an.“

Mein Lieblingswolkesatz: „Man kann keinen zum Sieg streicheln.“

Morgen mehr.

06:53 12.08.2015
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