Kombattant im Kulturkampf LXXVIII

Feridun Zaimoglu trifft den Eismann
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Wir trafen Raymond auf einem Lern-Spaziergang, wir kannten uns aus "Ghost Dog". Da hatte er Eis verkauft, nun verkaufte er sein Eis in Frankfurt. Sein Deutsch war nicht besser als damals sein Englisch.

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Bildnachweis: mrqe.com

Gärten über Gärten!

Als Robert Schumann 1829 nach Frankfurt kam, hörte er am Main die Nachtigallen schlagen und der flatternde Flieder und die wogenden Akazien dufteten stark. Das entspricht dem Grundton vieler Beschreibungen durch die Jahrhunderte. Man fand Frankfurt reizvoll, reich an Promenaden und Terrassen. Von seiner geografischen Lage ebenso wie von einem milden Klima begünstigt, glänzte „der große Kanal, durch den alles Gold Europas fließt“, so Johann Kaspar Riesbeck 1780. Die enge Judengasse, blutige Fleisch-Schirne und der Morast Sachsenhausens verdorben den Eindruck nicht. Biederer Bürgersinn beobachtete darin ohnehin nur objektive Bedingungen städtischen Fortschritts.

„Biederer Bürgersinn!“

So sprach Friede, unsere Friede aus Friedberg. Eine überzeugte Zugfahrerin.

Im Jahr Neunundneunzig wollte sich der Sommer nicht schmal machen für den Herbst. Die Hitze trieb die Frankfurter in die Gärten. Wir lasen „Das Zimmer der Signora“ von Hansjörg Schertenleib, sechs Ungerührte, die sich gegenseitig Wasser einschenkten. Vor den Toren der Burg bogen sich der Schenken Bänke unter der Last des Bürgers in seiner Mehrzahl. Wir blieben lieber für uns im Singsaal, Stefano heißt Schertenleibs Held in der „Signora“. Der Tod des Vaters zwingt den Ich-Erzähler zu einer Reise. In Cremona läßt er sich von einer dominanten Gefährtin seiner Jugend zur Brust nehmen.

„Auf dem Nachtischchen lag die Bibel. Der Teppich war dunkelgrau. Ich konnte Carla auch im Dunkeln zusehen.“

So wird das Thema umrissen: Tod & Sex bei aufgeklappter Sadomaso-Kiste plus etwas Blasphemie.

„Stefanos Unglück ist seine Nachlässigkeit“, sagte Friede. Sie spielte sich immer mehr in den Vordergrund und förderte bei anderen ein Unbehagen, das Hala oder Murat und selbst Nihan nicht herzustellen vermochten. Eine unausgesprochene Frage lautete: Was will „diese Deutsche“ bei „uns“.

Die Nachlässigkeit führt dazu, dass Stefano eingezogen wird. Den Dienst leistet er ab in einem von greisengeilen Inkontinenzfällen und alzheimernden Duce-Verehrern bevölkerten Veteranenheim. Die Huster und Spucker erinnern entfernt an ein mit der Fettschürze beschwertes Beckettsches Personal.

Wir hatten Schertenleib dazwischen geschoben, zu viele Kanakster waren im Urlaub. Die Nordend Kanakster Sing- und Spielgruppe war von Sang- und Klanglosigkeit bedroht.

Wäre da nicht Friede gewesen. Die Unentwegte. Murat dackelte vor ihr, selbst das schien Friede nicht zu stören. Der halbierte Rest bestand aus Murat, Friede und mir. Wir lobten dann den Abend in der Havanna Bar. Da war Karibik am Main. Aschenbecher leisteten einen berechneten Beitrag zum Gesamtbild. Die Wirte ließen sich poetisch zur Ader, Ceri Kavaklar und Radu Rosetti, bekennende Offenbacher beide, sagten: „Für die Farben der Karibik braucht man ihre Sonne.“

Kavaklar und Rosetti machten die Sonne klar. Im Sommer Neunundneunzig schien sie auch nachts. Der Himmel über Frankfurt kehrte im Blau des Kneipenhimmels ein.

Kanakster tranken Castro Cooler, Friede gab sich einer Sache hin, die von Amaretto und Apfelsaft süß war wie ein Gestank.

*

Man sagt, das alte Frankfurt sei 1944 in drei Tagen untergegangen. Die Stadt habe sich bis zur Unkenntlichkeit des Ursprünglichen gewandelt. Ich vergab die Aufgabe, Plätze zu finden, die Vorkriegsschilderungen illustrierten. Murat und ich bereisten die Wallanlagen, das war ein fünfzig bis hundertfünfzig Meter breites mit Bäumen und Denkmälern bestandenes Band. Den Stadtkern schloss das Band auf einer Länge von 5.3 Kilometer ein. Zur Begrünung mit Linden und Nussbäumen war man ab 1765 übergegangen, nachdem die Evolution der Waffentechnik den Wällen ihre militärische Funktion genommen hatte. Darum drehte sich das Gespräch so wie um Douglas Coupland. Ich förderte ausschwärmendes Denken, ich verlangte, dass jeder Kanakster drei, vier Bälle in der Luft halten und jederzeit allein drei bis fünf Gegner geistig annehmen konnte. „Microsklaven“, Couplands zweites Buch, stand auf der Leseliste der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe, am 17. Sept. war die Besprechung des Titels in großer Runde fällig. Nihan war der Vortrag versprochen, zu uns gehörte es, dass sich einer immer genauso gut wie der Vortragende vorbereitete. Earth Tones heißen jugendliche Vegetarier (Kiffer, Vinyl-Fanatiker) in Couplands ersten Bestseller „Generation X“.

„Wie heißen die Kiffer in Generation X?“ fragte ich Murat vor einer ambulanten Eisgeschichte. Den Eisverkäufer kennt ihr aus „Ghost Dog“.

„Earth Tones“, antwortete Murat. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Bollwerke geschliffen und das Gelände (die „Spaziergänge“) in Parzellen abgegeben: mit der Auflage vom Besitz etwas öffentlichem Zugang zu überlassen. Wir beobachteten verhuschte Transaktionen von Süchtigen. Die Süchtigen füllten die Drogenlücke auf, die das Methadon riss, das Hauke* in ihrem vierten Nebenjob als Ordensschwester der Malteser direkt am Alleenring abgab.

*Eine meiner Geliebten, eine norddeutsche Altsächsin aus dem Land der Hauken ursprünglich, hauptsächlich beschäftigt in der sagenhaften Burg ohne Namen.

Die Malteser waren auch nicht mehr das, was sie mal gewesen. Darüber würde noch zu reden sein. Ob die Welt überhaupt noch zu retten war?

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Bildnachweis: Vatikanstadt/ kath.net

Morgen mehr.

11:18 14.08.2015
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