Kombattant im Kulturkampf LXXX

Feridun Zaimoglu informiert Bill Gates
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Douglas Coupland unterstützte uns im Kampf gegen die Rassisten

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Der Tag begann mit SUB (Schwul, Unabhängig, Bunt), dem „ersten schwulen Frühstücksradio Frankfurts“. „Coming out als Hörspiel“ – Hauke brauchte Minderheiten, um frei atmen zu können. Das ging morgens los mit Radio X-Mix auf 107.5. Alle hörten HR3, Hauke hörte unabhängiges Stadtradio. Sie störte sich nicht an den herumlungernden Aufklärungsabsichten der Programmmacher, die auf dem Sprung ins Establishment waren und ihr Publikum mit „liebe Zielgruppe“ ansprachen.

Nach SUB kam Gameboy Günther und dann eine Stunde Mosern über die täglichen Glanzleistungen der Presse. Hauke hatte den Vormittag frei und wollte nach dem Frühstück noch mal mit mir ins Bett. Im Bett redeten wir über „Microsklaven“, den zweiten Roman von Douglas Coupland, und über die Earth Tones in „Generation X“. Den Eltern der Earth Tones war der amerikanische Traum zum Fetzen geraten. Ihre Deklassierung ertrugen sie in batikbunten Kostümen – schwul, unabhängig, bunt. Man konnte sich drehen und wenden wie nur was: bunt war überall.

Die Eltern verwandten ihre Kreativität auf Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit wie eine Sichtblende kaschieren sollte.

In „Microsklaven“ spielen Armutssubkulturen keine Rolle. Es geht um Geeks, die für Bill Gates oder bei Nintendo arbeiten. Geeks träumen davon, mit ihren Rechnern sprechen zu können.

„Geek impliziert Geld“, schreibt Coupland. Geeks vergleichen sich mit Rechnern. Sie beschreiben sich als „menschliche Festplatten“.

„Mir wurde klar, dass die Menschen voll mit Bazillen und Viren sind, genau wie ein extrem vollgestopfter Quadra. Wir sind alle zweibeinige Terrarien.“

Die Könner stellen sich der Frage: „Was, wenn der Rechner doch sein eigenes Unbewusstes hat?“

Hauke wollte die Übung unterbrechen, das duldete ich nicht. Geeks orientieren sich an Comic- und TV-Helden:

„Wir sind wie Big Pen von den Peanuts.“

Sie überbieten sich in ihren Spleens. Nur Schlaf und Spiele unterbrechen die Arbeit. Computerprogramme erscheinen den Twens forever als „die Architektur der Neunziger“. Ausländer erkennen sie auf Anhieb, weil die immer noch rauchen.

Dan ist ein e-mailsüchtiger Microsoft-Bug-Tester, ein Kind, das in die Jahre gekommen ist. Mit einem Vater bei IBM. Microsoft ist für Dan nicht ganz nur ein großer Bürobedarfshersteller. Der Kult um Bill macht den Unterschied.

Dan lebt mit den Kollegen zusammen.

„Das sollten wir auch tun“, verlangte Hauke. „Lass uns im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus besetzen.“

In diesem Augenblick unterbrach Murats Erscheinen das Gespräch. Wir hatten ihn zwar erwartet, aber nicht damit gerechnet, dass er durchs Fenster einsteigen würde, während Hauke und ich uns im Bett mit Coupland beschäftigten. Die Idee, im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus zu besetzen, fand Murat großartig. Vielleicht galt seine Begeisterung viel mehr Hauke.

„Möchtest du Kaffee?“ fragte Hauke.

„Meinst du echt?“ fragte Murat. Er kannte von Friede keine Verwöhnung. Wie alle Konvertiten übertrieb Friede. Ihr Aktionismus ging jedem echten Kanakster auf die Nerven.

Hauke befleißigte sich der Eile, dass Murat zu einem Kaffee kam.

„Du hast es gut mit Hauke“, sagte Murat.

Ungefragt hatte er sich auf die Bettkante gesetzt.

„Du steigst auch noch dahinter“, tröstete ich den jungen Aktivisten.

*

Wir setzten unseren Frankfurter Lern-Spaziergang fort in folgender Besetzung: Hauke, Murat, Friede. Ich verstehe mich von selbst als Chronist der Ereignisse, die unerhörten Höhepunkten entgegen strebten. Wir erreichten nun den Rothschildpark, der im frühen 19. Jahrhundert als Hinterland eines Palais angelegt worden war.

„So hat man damals gewohnt“, sagte ich zu meiner kleinen Schar. Ich lud dazu eine Geste aus, die sich mühelos mit den Zehen am Ohr kratzen konnte. Hauke und Friede fanden das empörend, wie konnte eine Familie so viel Raum beanspruchen! Auch der Grüneburgpark war eine Rothschildgründung. Der Park geht auf ein Gut des 14. Jahrhunderts zurück.

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Ich fand, dass Friede nach Verwesung ein wenig roch, so ein kleiner Gestank, die Rothschilds erwarben das Anwesen 1837. Er diente jetzt verschiedenen Gruppen und Interessen gleichermaßen. Bedachte man, dass eine Sonnenbrille spielend mehr gekostet haben konnte als mein Fahrrad.

Ach so, wir waren auf Rädern unterwegs. Plastikdeckel flogen Friede und Murat um die Ohren. Eine kaum gezügelte Kopulationsbereitschaft des Parkmenschen machte die Hunde biestig. Sie schnappten nach den Waden der Läufer. Für Frankfurt wurden unter Berücksichtigung der Friedhöfe über 15.000 ha Grünflächen ausgewiesen.

„Weißt du eigentlich, was Alienation of Affection bedeutet?“ fragte Murat im Palmengarten,

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den vom Grüneburgpark nur eine Straße trennte, benannt nach einem Gestalter beider Anlagen, dem Landschaftsarchitekten Siesmayer.

Reiner Zufall, dass ich wusste, wovon Murat sprach. Mir war nicht klar, warum Murat das amerikanische Gesetz aus einer Zeit, als Frauen de iure als Sachen galten und folglich geklaut werden konnten wie Pferde und Gewehre, ins Gespräch brachte. Er sah aus wie ein Schauspieler, mit dem die DDR ihre Indianerrollen besetzte. Ich kramte in meinem Gedächtnis, ja, Murat erinnerte an den Häuptling aller Sachsen - Gojko Mitić.

Morgen mehr.

08:32 16.08.2015
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