Kombattant im Kulturkampf LXXXI

Feridun Zaimoglu nimmt seinen Thee bei der Frau von Holzhausen
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„Meine Wohnung ist wunderstill, einsam und allein. Es ist übrigens eine sehr närrische Wohnung. Der ganze Bezirk, in dem sie liegt, heißt der Mohrengarten.“

Das schrieb 1830 ein Nachbar der Holzhausens. Er hieß Wilhelm von Humboldt und wurde von Frau Holzhausen „von Zeit zu Zeit zu einem Thee“ gebeten. Der Gatte der Gastgeberin, überliefert Humboldt, „verachtet dieses bürgerliche Gewerbe und tut, als ginge es ihn nichts an.“

Auch Wilhelm von Humboldt hatte seine Zeit in Frankfurt am Main. Die Nordend Kanakster betrachteten ihn als Vorbild.

Wilhelm von Humboldt

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Bildnachweis: Wikipedia

1030 ha Grünflächen entfielen in Frankfurt auf Parks. Die Liga, eine Splittergruppe der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe, gab die Parole Kanakster sind Grün aus. Das war ein Aufbruch ins bürgerliche Lager, wirkte zuerst aber wie eine Hippiesierung des Kanakstertums. Eine KG-AG betrieb dann die erste und einzige Kanak-A-Movement-Hausbesetzung. Auch sie wurde ein voller Erfolg.

Der größte Park der Stadt lag an der Nidda, mit Spazierwegen über zwanzig Kilometer. Auf diesen Strecken entstand die Idee zu Kanakster studieren Germanistik, der Urform unserer NK-Lehrergruppe (NKL), die bis heute fortbesteht. Kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob es gegenüber unseren Kanakas unhöflich sei, „deutsche“ Freundinnen zu haben. Murat legte mir seine Ansichten dar, er begriff mich als Mentor, wir marschierten auf der Fürstenbergerstraße. Eben da, wo die Fürstenbergerstraße mit der Hammanstraße einen rechten Winkel bildete, betraten wir den Holzhausenpark. Wir hatten die ursprüngliche Parkausdehnung auf Stichen uns angesehen. Auch Nihan war im Stadtarchiv „fündig“ geworden.

Fündig war ein Nihan-Wort. „Pfundig“ fand ich noch schlimmer.

Am Oeder Weg stand einsam ein Portal. Soweit ragte der Holzhausenpark historisch ins Nordend.

Hamman von Holzhausen

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Bildnachweis: Wikipedia

Straßennamen bezeugten die Herrlichkeit einer Familie. Die Hammanstraße war nach Hamman von Holzhausen benannt, der 1503 das Anwesen in/auf der Oede erworben hatte. Parallel zur Hammanstraße verlief die Justinianstraße. Justinian hieß Hammans Sohn. Justinian heiratete Anna von Fürstenberg, auf der Fürstenberger Straße waren Murat und ich zum Nordend hin vorgedrungen.

Es gab eine KA-Initiative zur Nutzung des Wasserschlösschens im Holzhausenpark. De la Fosse hatte sich da um 1728 als Architekt bewährt. Das war auch ein Ausländer in Frankfurt. Einige NK-Gruppen und KA-AGs nutzten das Schlösschen für Veranstaltungen. Anderen erschien die Kulisse zu bürgerlich.

Das Selbstgefühl entschlossener Städter verströmte im Park. Die Leute verband eine Happy-End-Variante der alten Geschichte von Auflehnung und Anpassung. Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. Vom Anarchiegedöns zur Pensionsberechtigung.

„Meine Wohnung ist wunderstill, einsam und allein. Es ist übrigens eine sehr närrische Wohnung. Der ganze Bezirk, in dem sie liegt, heißt der Mohrengarten.“

Das schrieb 1830 ein Nachbar der Holzhausens. Er hieß Wilhelm von Humboldt und wurde von Frau Holzhausen „von Zeit zu Zeit zu einem Thee“ gebeten. Der Gatte der Gastgeberin, überliefert Humboldt, „verachtet dieses bürgerliche Gewerbe und tut, als ginge es ihn nichts an.“

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Haukes Sachlichkeit trug Sommersprossen, ich war schon sehr verliebt. Hauke las zu ihrem Vergnügen und nicht, so wie die Kanakster, um sich aufzuladen und sich der Muskel-APO überlegen zu fühlen. Für uns waren Schriftsteller Mitarbeiter der Gegenwart. In Ingo Schramms „Fitchers Blau“ entdeckten wir eine vorgetäuschte Manie und eine Realitätssucht am Blindenstock der Moderne. Karl K. ist Schramms Mann fürs Grobe, ein kurzweiliger Kolonnen-Kuli und „Engerling im Arsch der Erde“. Der Ostberliner, „25, ledig“, weiß: „Woraus getrunken wird und was trinkt, muss eines Tages zerbrechen.“

Neunundachtzig hat sein Absinken beschleunigt. Der letzte Sturz steht an. Die Kanakster folgten Karl durch ein Revier der Trinkgelegenheiten in Prenzlauer Berg. Gemeinsam trafen wir die sozialistische Soziologiestudentin Janni und Aynur, den Türken. So lasen wir, so eingehend und hingerissen.

„Wir werden Türken bleiben“, sagte Murat.

„So wie die Ossis auch“, antwortete Hauke gekonnt ungenau.

Der Sommer nahm kein Ende, ich schleuste mich als Komparse in eine Filmproduktion. Der Job war ein Angriff aufs Ego. Ich stieß zu einer Truppe, die bei Gelegenheit die Aufgabe plaudernde Menschen im Hintergrund erfüllen sollte. Das war erst einmal eine Versammlung von zehn Frauen und fünf Männern, die im verließartigen Spielzimmer einer Kellerbar wie weggeschlossen ihren Einsatz erwarteten. Wer nicht Schauspielerin war oder werden wollte, war Modell. Die Komparsen verharrten in Duldungsstarre. Ihre Ambitionen schufen einen extremen Gegensatz zu ihrer Funktion. In den Hierarchien der TV-Welt waren wir die Letzten.

Morgen mehr.



09:22 17.08.2015
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