Kombattant im Kulturkampf LXXXII

Feridun Zaimoglu in Hollywood
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Wir überquerten den Alleenring und stürmten auf den Hauptfriedhof. Als „Friedhof vor den Toren“ war die Anlage 1828 von Sebastian Rinz geschaffen worden.

Unser Sebastian Rinz

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Plaudernde Menschen im Hintergrund: das war die Aufgabe von fünfzehn Komparsen. Man hatte sie weggestellt, um den Wahnsinn und die Not ihres fehlgehenden Ehrgeizes nicht ertragen zu müssen – jede hielt sich für eine Schauspielerin. Die Lage im Verließ einer Kellerbar war auf Anhieb bizarr.

Ich hatte mich in das Zufallsensemble geschleust, um darüber zu schreiben. Die Komparsen gaben voreinander an. Ihre Angaben standen im abenteuerlichen Gegensatz zu der Nullreputation im TV-Produktionsgeschehen. Der Widerspruch zog Konfliktketten nach sich und sorgte für idiosynkratische Reaktionen. In Spezialtaschen mitgeführte Sachen wurden auf dem abgedeckten Billardtisch einer Ansicht zur Verfügung gestellt. Beiläufige Materialprüfungen. In Kennerschaft vorgeschobene Unterlippen. Stoffe zwischen Daumen und Zeigefinger.

Ich sah lauter schicke Waschweiber. Gesten der Empfindsamkeit ergaben ein Makeup der ebenso allgemeinen Aggressivität. Vor den hervorragend angezogenen Frauen lagen zehn Stunden dezidierter Marginalität. Dafür gabs hundert Mark.

„Lecker“ war ein Attribut, das Männer beschrieb.

„Der ist lecker.“

Ich beobachtete mimisch verschleierte Feindseligkeit. Der Gesprächsfluss nahm sexuelle Frachten auf, eine Münchnerin brachte die „Besetzungscouch“ ins Spiel. Sie würde im Raum fehlen, könne jedoch vom Billardtisch ersetzt werden.

Was war das? Es klang wie eine Denunziation besser untergebrachter Darstellerinnen.

Die technische Einweisung lieferte eine Regie-Assistentin, die, von Arbeit wie gerupft, beinah schmutzig, vor den geleckten Komparsen um Hochmutsbegrenzung sich bemühte.

Die zarten Modelle musterten sie mit Kannibalinnenblicken.

Während der Dreharbeiten dürften wir nicht in die Kamera schauen. Wir sollten tonlose Redebeiträge liefern. Unser Warten nannte die Assistentin eine unvermeidliche stand-by-Situation. Die Zeit der Komparsen sei billiger als jedes andere Modul einer Fernsehserienfolge.

Ab und zu jaulte ein Spielautomat auf.

Plötzliche Lautlosigkeit auf Anweisung, nach drei Stunden Geplapper. Es wurde gedreht, noch ohne uns. Manche hielten die Spannung nicht aus, begannen zu flüstern und zu kichern wie in der Schule. Die Szenen liefen von „Bitte“ bis „Danke – Aus.“

Nach vier Stunden in Ecken wurden wir aufs Set geschmissen, in eine leere Mittelstandsamüsiergeschichte mit Mischgetränken aus Farbstoffen, Wasser und Lametta: für Männer, die nach Feierabend noch Krawatte tragen, und Frauen, die ihre Chefs aufregend finden. Männliche Komparsen mussten sich so setzen, dass die Kamera ihre Rücken, allenfalls das Profil zeigte, während die weiblichen Kollegen frontal zur Kamera platziert wurden. Gesichtsprostitution. Verlangt wurde, dass die Frauen ihre Gesichter hergaben zur Belebung einer Szene, in der ein richtiger Schauspieler (Jacques) eine auf Hure getrimmte Joanna zurückwies.

Meine Situationspartnerin war wie erschlagen von der Nähe zu Fernsehpersönlichkeiten. Sie konnte den Blick von Jacques und Joanna nicht abwenden, obwohl sie nur mich angucken sollte. Sie war Fotomodell (nicht Schauspielerin) und fest entschlossen, berühmt zu werden. Deshalb war sie schon in der SAT 1-B.Kerner-Schau zum Thema „Ich will ein Star sein“ gewesen.

Die Schauspieler brachten ihren Job, die Regie-Assistentin schmierte um den Regisseur herum. In seiner heiteren Macht- und Leibesfülle glich er einem zynischen Buddha. Die Assistentin kniete und kroch vor ihm, um dieses oder jenes in der Regiekladde zu notieren oder um an Kabeln zu zupfen.

Mittagspause. Die Schauspieler wurden vor den Komparsen in einem Restaurant nebenan versorgt. Bestimmt durften sie wählen, im Gegensatz zu uns. Ich freute mich über Nudeln in Pilzsoße. Meine Partnerin verblüfft mit Appetit. Das superschlanke Modell hielt weder Diät noch trieb es Sport. Todernst erläuterte es seinen Karriereplan. Mir gegenüber saß die einzige Ältere. Ich schätzte sie auf Ende Zwanzig. Vielleicht war sie mal wer gewesen, zumindest kultivierte sie die Aura einer glorreichen Vergangenheit. Sie nannte, was sie tat, „semi-professionell“. Ihre Ansichten fußten auf Nüchternheit und waren von Melancholie überschattet.

Am Nachmittag zerfiel die strikte Trennung zwischen dem Komparsenpack und den vor Ort wichtigen Menschen. Es kam zu einem Andachtsmoment, als Barbara Wussow zum ersten Mal auftrat. Meine Partnerin bewunderte Wussows Rokoko-Korkenzieherlocken hemmungslos. Sie hieß auch Barbara und hielt das für ein gutes Zeichen.

Hauke holte mich ab, sie musterte die Modelle, sie konnte stinkig werden. Für sie hatte ich den Tag angenehm mit „geilen Bräuten“ verbracht, während Hauke gearbeitet hatte.

„Es war öde“, sagte ich. Das war die Wahrheit

„Augen auf bei der Berufswahl“, wiederholte Hauke einen alten Stalburg-Spruch. Sie kämpfte sich durch vier Jobs und war schon vor Erschöpfung vom Fahrrad gefallen.

Wir stießen hart durch die Händelstraße auf die Nibelungenallee vor. Wir überquerten den Alleenring ohne Rücksicht auf Verluste und stürmten auf den Hauptfriedhof. Als „Friedhof vor den Toren“ war die Anlage 1828 nach Plänen von Sebastian Rinz geschaffen worden.

Frankfurter Hauptfriedhof

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Morgen mehr.

08:04 18.08.2015
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