Kostbare Nebel

Clarice Lispector Sie schwingt in sich wie an einem Reck. Die Autorin vergleicht das innere Sein der Debütantin mit einer Meditation ...
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Die Prosa von Clarice Lispector trifft den Leser stets unvorbereitet. Sie bewahrt ihr Geheimnis und hört deshalb nicht auf, überraschend zu sein. Ihre Strudel fesseln den Erfassten. Er verliert sich wie in Labyrinthen.

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3322

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„Gesellschaft ist Nachahmung“, erkannte der französische Kriminologe Gabriel Tarde im 19. Jahrhundert. Er sprach von „ansteckender Nachahmung“ und vonNachahmungssomnambulismus.

Sie schwingt in sich wie an einem Reck. Die Autorin vergleicht das innere Sein der Debütantin mit einer Meditation; verhüllt von „kostbaren“ Nebeln.

„Sie war fünfzehn ... im Inneren ihres Dünnseins (bewegte) sie sich wie in einer Meditation.“

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„Für Träumereien, grell wie ein Verbrechen,“ nimmt sie sich Zeit. Vor Männern fürchtet sie sich. Sie wünscht sich, von niemandem angesehen zu werden.

„In der Ernsthaftigkeit ihres geschlossenen Mundes lag ein großes Flehen.“

Um ihren sechzehnten Geburtstag herum regt sich eine neue Empfindung. Ein Tür öffnet sich. Nun vibriert das männliche Interesse in einem Resonanzraum. Das erzählt Clarice Lispector in „Kostbarkeit“.

Clarice Lispector, „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 413 Seiten, 24,-

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Ständiger Vertreter

Er präsentiert sich als Zerstörer, wenn auch unter romantisch-melancholischen Vorzeichen. Die Erzählerin speist ihn mit stark gesüßtem Kaffee ab. Sie findet ihn so anziehend wie absurd. Auch sie spitzt den Geschlechterkampf gedanklich zu:

„Entweder zerstöre ich ihn, oder er zerstört mich.“

Das klingt, als wolle sie sich aus lauter Langeweile in Wallung bringen.

Er ist ein ständiger Vertreter. In Clarice Lispectors narrativem Kosmos taucht der Typus in bewährter Namenlosigkeit als Fließbanderscheinung auf. Auch die weibliche Stimme unterscheidet sich nicht von vielen anderen Repräsentantinnen einer ausgesuchten, in jedem Fall post-pubertären Verlorenheit.

Die beiden treffen sich in kaum bequemen Arrangements, haben ihre Momente einer unpassenden Idealisierung und gehen außerordentlich unbefriedigt auseinander. Das weibliche Ich antizipiert die männlichen Vorbehalte und Vorhaltungen; eine Litanei, die es auswendig kennt.

Das erzählt die Autorin in „Die Flucht“. Die kurze Sache endet mit einem Freitod.

Aus der Ankündigung

»Endlich wird eine der geheimnisvollsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts in all ihren schillernden Facetten wiederentdeckt.« Orhan Pamuk

Idalina sucht einen Weg zwischen Vernunft und Leidenschaft, Luísa ringt um innere Stärke und Tuda um ein Leben ohne Therapeuten. In Kurzprosa von beispielloser Originalität lotet Clarice Lispector die Paradoxien des Daseins und die Grenzen des Sagbaren aus: Wahnsinn wird zu Weisheit, Angst zu Mut, wenn sie das Innerste ihrer nur auf den ersten Blick alltäglichen Figuren – meist Frauen – nach außen kehrt. Poetisch und tiefgründig, gleichen ihre Erzählungen flirrenden Träume von einer geheimnisvollen Welt… International als einer der Höhepunkte brasilianischer Literatur bekannt, ist Lispectors Kurzprosa im deutschsprachigen Raum noch zu entdecken. Der vorliegende Band mit vierzig teils erstmals ins Deutsche übertragenen Geschichten verspricht eine aufregende Begegnung mit der suggestiven Kraft ihrer Sprachkunst.

»Eine wirklich außergewöhnliche Schriftstellerin.« Jonathan Franzen

Der schwarze Hund am Strand

Clarice Lispector setzt das Meer und die Frau auf eine Linie der Betrachtung. Das betrachtete Ich triumphiert geschlagen. Es macht das Fass des Tages mit lauter Unbegreiflichkeitsfloskeln auf. Unbegreiflich sind ... Die Erzählerin nennt die Stunde der Erhebung. Morgens um sechs ist ihre Akteurin allein am Strand, sieht man von einem schwarzen Hund ab.

„Warum ist der Hund nur so frei?“

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Der Hund befragt sich nicht. Restlos mit sich selbst identisch, muss er sich nicht mit irgendeiner Sinnproduktion vom höllischen Nichts ablenken. Bedroht vom Horror vacui, feiert sich die Einsame als „Winzigkeit gegenüber der endlosen Weite“. Sie tröstet sich mit der Hingabe an eine totalitäre Erwartung.

„Ein Tosen ohne Wut“ wird sie aufnehmen und sie erlösen.

Fließbandwunder

Ein namenloses Mädchen taucht am Erzählhorizont auf. Sein Erscheinungscharakter artikuliert sich in Verwehungsformeln. Man hat den aufgerissenen Himmel, die furiosen Wolkenformationen und das magische Licht aus dem Erzählbaukasten der Überwältigung. Darunter spielt sich das handelsübliche Kleinklein ab. Das Mädchen avanciert zur Hühnerdoktorin. Es erkennt ein beinah menschliches Repertoire bei ihren Gockeln. Die innersten Sehnsüchte der Hühner offenbaren sich ihm.

„Mit der Direktheit einer Krankenschwester (riecht) sie unter den Flügeln.“

„Das Mädchen“ lebt in Minas Gerais, „einem großen, im Landesinneren liegenden Bundesstaat im Südosten Brasiliens, bekannt für seine aus der Kolonialzeit stammenden Städte, die während des Goldrausches im 18. Jahrhundert (aus dem Boden gestampft wurden). Kopfsteinpflaster, elegante Villen und barocke Kirchen mit Skulpturen des Bildhauers Aleijadinho prägen das Bild jener Städte, zu denen São João del Rei, Tiradentes und die alte Hauptstadt Ouro Preto gehören.“ Wikipedia

Da trägt man keine Unterwäsche aus Nylon, sondern knistert in Batist. Weit und breit gibt es keine Apotheke in der Gegend, die den Schauplatz einer Geschichte abgibt, die wieder so ungerahmt von der Realität daherkommt. Clarice Lispector gelangen Fließbandwunder. Sie produzierte einen Kleinod nach dem nächsten. Die Stücke halten einem Vergleich mit der frühen Prosa von Joyce stand.

Das Mädchen liebt seine Menagerie namentlich. Eines Tages informiert es eine Tante:

„Wir haben Petronilha gegessen.“

Hass auf die Hühnerfresser*innen kocht in der Heldin hoch. Doch dann beginnt ein Transformationsprozess. Das Mädchen lernt die Hühner mit Haut und Haaren zu lieben. Endlich begreift es die Vollendung des Liebesglücks als Akt der Einverleibung. Schließlich setzen die Liebsten ihr Leben in der Vereinnahmenden fort. Die federleichte Moral von der Geschichte verweht mit allen Bildern. Ein Nebelschleier reißt, und die Dinge treten ungefragt aus dem Dunst. Der Zug fährt weiter in die Gewöhnlichkeit des Omnivoren-Alltags. Wir töten, was wir lieben, und fressen sowieso alles.

Zum Menschen gezähmt

Woher kommt die Idee, der Mensch habe eine mentale Bestimmung jenseits des Vegetativen? Verbreitet bleibt die Vorstellung, er käme mit einer aristokratischen Grundausstattung zur Welt, die ihm dann in verheerenden Prozessen abgerungen würde. Das Massenwesen Mensch strebt vielmehr zum Dung der Horde. Gleichzeitig macht es sich selbst klein in der Gefangenschaft des Egoismus.

Egoismus funktioniert für die meisten wie ein Häcksler.

Davon erzählt Clarice Lispector in „Federzeichnung eines Jungen“. Die Autorin beschwört ihre Melancholie angesichts eines „Jungen, der gerade seine ersten Zähne bekommt“ und doch ohne „die Chance auf einen Neuanfang“ startet.

Er scheißt ins Hamsterrad der Wiederholungen.

„Eines Tages werden sie ihn zu einem Menschen zähmen.“

Die Erzählerin dementiert das Lichte der Aussichten ihres Helden an allen Fenstern. Sie skizziert in einer Vorwegnahme des Unvermeidlichen die Stadien der Abrichtung. Sie betont, wie eifrig der Eleve an seiner eigenen Dressur mitwirkt.

Das ist vortrefflich formulierter Punk als Krise der Individualisierung.

Die Erzählerin beschreibt den Verlust der seligen Innerlichkeit aus dem Wunsch, der Mutter zu gefallen. Die Mutter will die vorzeigbare Artigkeit zum Beweis, dass sie den Kontributionen der Nachbarschaft genügt. Ihr ist der Gehorsam längst in Fleisch und Blut übergegangen. Sie salbt sich mit einer Milch der Unterwerfung.

„Bist du … auch schön brav?“ fragt die Mutter, und das Kind robbt ihrem Verlangen entgegen.

„Und so wird (das Kind) weitermachen und Fortschritte (die in Wahrheit Rückschritte sind) erzielen, bis es nach und nach … aus der Zeit des Gegenwärtigen in die Zeit des Alltäglichen eintreten wird, aus der Meditation in den Ausdruck, aus der Existenz ins Leben.“

Das blitzt wieder auf:

„Sein gesamtes Gleichgewicht liegt innen.“

Die Perfektion wird ihm gerade ausgetrieben. Das Kind wird umgestülpt und nach außen gekehrt. Usurpatoren besetzen sein Gleichgewichtszentrum und zerstören die ursprünglichste Gravitation.

Mit den Augen einer Meisterin erkennt die Autorin:

„Das Gleichgewicht löst sich auf. In einer einzigen … Bewegung fällt (das Kind) auf den Hintern.“

Beobachtung erzeugt Abstand. Folglich funktioniert sie als Distanzierungsmittel

Die „Lebensanstrengung“ lässt das Kind speicheln. Die Erzählerin zählt jeden Tropfen wie er den Boden sprenkelt. Sie ist unfassbar genau und entsprechend distanziert. Das Kind hängt an dem Fleischerhaken einer Beobachtungsgabe, die obsessiv und zwanghaft zu nennen sich verbietet.

Aus der Ankündigung

Aus der Ankündigung: Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.

16:47 07.05.2021
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