Kreuzberger Amazonen

Berlin Ranger Wenn es Nacht wird in Berlin, kommt Vroni aus ihrem Bau.
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Vroni schärft das Profil, bevor sie zur Arbeit geht. Sie rasiert den Schädel, konturiert die gestauchte Silhouette im Mad Max Kostüm. Sie legt Ketten an und rüstet sich mit Ringen aus. Das wirkt viel weniger martialisch als vielmehr proletarisch.

Deutschland hat Feierabend, wenn Vroni aus ihrem Bau kommt. So wie sie aussieht, könnte sie nachts Gabelstapler fahren und eine europaweite Fernverkehrsfahrerinnenvergangenheit haben. Angel beobachtet sie im Kreuzfeuer kleiner Gelegenheiten.

Da geht eine, die beruflich nie gesiezt wurde. Direkt zu auf den Döner vor der Schicht.

Vroni fährt nachts nicht Gabelstapler im Nirgendwo einer taghellen Lagerhalle am Autobahnzubringer. Sie leitet eine Inkassoabteilung. Ihr zur Hand gehen Mändi und Freya. Die Ermahnung eines säumigen Zahlers ist im Hartreimjargon ein Stunt oder Hit. Ich muss euch nicht erklären, was der final stunt ist.

Vroni, Mändi und Freya sind Kriegerinnen für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior). Sie verstärken die Berliner Gewaltlinke und wähnen sich im Vorstand einer Art Autonomiebehörde. Sie träumen von befreiten Gebieten. Sie ziehen in Gruppen herum, das sind die neuen Stämme. Sie haben Prophetinnen, Heilerinnen, Seherinnen und Schlägerinnen.

Viel funktioniert auf der Basis von Einschüchterung. In manchen Läden zahlen sie mit ihren Namen, anderswo müssen sie mit dem Einsatz von Schädelspaltern rechnen. Da gehen sie lieber nicht hin. Obenauf sind sie, wo andere nachlassen.

Captain Willard beschreibt den Typus in „Das hässliche Gesicht von Berlin“. Das Buch ist noch nicht erschienen, der Autor sitzt auf einer wackligen Bank vor dem alten Café Kerbel und beobachtet wie Angel Vroni beobachet.

Angel Beluga war mal wer. Sie war Verfassungsschützerin und Fluchthilfeaktivistin in der Tradition der „Berlin Ranger“. Den als deutschamerikanischen Freundschaftsbund getarnten antikommunistischen Kampfverband gründete einst Angels Vater, der sagenhafte Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga (der Beluga vom Kudamm). Jetzt ist Angel ausgebrannt, alle, wie man in der Szene sagt. Sie hat sich ein paar Marotten zugelegt, die ihre Hinfälligkeit bewimpeln. Sie hängt mit den aggressiven Spritern ab, die sich immer an derselben Stelle des Grünstreifens treffen. Tätowierungen datieren die Stadien ihrer Milieukarrieren. Die Kammerjäger im Revier riechen am Verfall, noch mit Sicherheitsabstand.

Wo Aas ist, da sind auch Geier.

Die Spriter sind sesshafte Nomaden, Grenzgänger in Zeit und Raum. Sie müssen draußen sein und laufen am liebsten mit freiem Oberkörper herum. Sie haben archetypische Rümpfe, leicht verbogen und sehnig. So sah der moderne Mensch in der Savanne aus. Anrufe der Vergangenheit erinnern sie an Strauch und Steppe und vereiteln die gewöhnlichen Anpassungen. Die Deutschtürken der dritten Generation ignorieren die Boten aus der Anderswelt. Ihre Mütter stören sich nicht am Krakell. Sie besetzen die Bänke in der Nachbarschaft und bauen Binnengemeinschaftstunnel. Das ist ihr gut wachsendes Netzwerk. Inzwischen ist der Parallelgesellschafter effektiver als der Mehrheitsgesellschafter.

Der Flötenspieler mit dem Davidstern auf dem Nacken heißt Uri. Er verlässt den Kiosk des Palästinensers mit einer Tüte. Seine Frau und das Kind warten im Schatten. Die Frau ist im Yogarausch, die ganze Familie im Flow. Angel tastet sich an den Gesunden vorbei, allmählich kehrt sie zu den Margen der Witterung zurück. Sie spürt, dass ein Sammler sie als Konkurrenz wahrnimmt und deshalb ablehnt. Sie spürt die Ablehnung der jungen streng hierarchisch gerudelten Abfallmänner. Die Betatypen sondieren den Boden. Sie heben jeden Filter auf und präsentieren den Fund ihrem Anführer. Frauen, die zum Studieren und Feiern nach Berlin gekommen sind und ganz genau wissen, dass sie niemals so aussehen werden wie Angel, (dass ihnen das nicht passieren kann) irren über das Minenfeld.

Angel sieht den blanken Osten in der Schorfheide einer Fresse.

Hinterhöfe, Kittelschürzen, Trainungshosen, Absturzstationen … der an Amyotropher Lateralsklerose erkrankte Rolf wackelt auf Angel zu. So sehen jetzt die Freunde aus. Sie sagen Hallo Angel, hastema.

Captain Willard folgt ihr. Er kennt Angels Wege und ihre Routinen. Sie läuft oft ein Weilchen hinter jemandem her. Heute folgt sie einer Vierschrötigen, die Captain Willard schon mal mit blauer Perücke gesehen hat. Manchmal führt sie einen Hund aus. So buchstabiert sich Captain Willard die Kreuzberger Amazone Vroni.

Jemand kommt Vroni jesusmäßig zu nahe.

„Du dämliches Stück Scheiße“, faucht Vroni. Sie schöpft aus einem riesigen Hassreservoir, das ihr jederzeit zur Verfügung steht.

„Wer bist du?“ fragt der Heilige verstrahlt oder versonnen.

„Ich bin die, die dich gleich in den Arsch tritt.“

Vroni spuckt aus. Auch in den weichen Männern steckt noch viel zu viel von dem, was sie am liebsten aus allen herausprügeln würde. Das nennt man Spaß an der Arbeit. Mit festem Schritt entert sie den „Wilden Kater“ am Mariannenplatz.

In der Feuerwaffensteinzeit setzte der Ladevorgang den Arkebusier gegenüber dem Bogenschützen in einen Nachteil. Bei Regen fiel der Einsatz von Feuerwaffen ins Wasser. Man baute schließlich Luntenkästen, das verknatterte Gefummel belustigte den Gegner. Ein Hochmut nannte das Geschäft des Büchsenschützen plebejisch. Heute zieht man seine Desert Eagle und erfreut sich am altmodischen Single Shot Betrieb. Vroni weiß nicht, dass der Mann auf dem ersten Listenplatz dieses Abends für sie unerreichbar ist. Da atmet Texas Double Action Thunderbolt. Der Schatzwächter vom Edersee (Hessen) nimmt die feindliche Energie über die Poren auf, die Lust trifft von allen Seiten im Zentrum ein. Die Türsteher müssen abdichten, Zutritt nur noch für Stammgäste. Texas strebt der negativen Kraft entgegen. Er penetriert sie ohne Staub aufzuwirbeln. Seine Aura leuchtet. Die Aureole verbreitet Hitze.

Vroni verbirgt ihre Augen mit den Händen.

„Bist du der, auf den alle warten?“ fragt Vroni hypnotisiert. Texas könnte sofort bei ihr einziehen. Sie würde ihm Griesbrei machen und ihre Hörigkeit genießen.

In diesem Augenblick

betritt Angel den „Wilden Kater“. Nähert sich Captain Willard der Kaschemme. Besteigt Heinz Wolf die Pan Am Maschine nach Frankfurt am Main. Der HVA-Major auf Feindfahrt muss einen Stunt in der Gegend von Kaltental am Edersee bringen. Heinz lebt mit Angel in der Kreuzberger Waldemar Straße zusammen. Er hat die Geliebte zur Alkoholikerin gemacht. Heinz befleißigt sich einer Tarnexistenz als Journalist. Er steht an der Spitze einer linksradikalen Splittergruppe. Sein Stellvertreter ist der Maler Flo Lekrem. Flo gibt der Journalistin Korea Grein im „Sonnenstudio“ ein Interview, das unter dem Titel „Kunst muss wieder politisch sein“ erscheinen soll. Manfred Uffland steigt in einen Barkas der Stasi. Die Stasi hat keine Verwendung für Manfred in ihrem ausgeklügelten Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Man findet es auf keiner Karte. Manfred wurde zum Gefangenen, weil er die Republikfluchtabsichten seiner Frau Petra einem Freund aus Kindertagen anvertraute – unserem HVA-Heinz, der als Weltmann mit Kapitänsmütze neben einer edel deodorierten Reisenden Platz nimmt, während Manfred wieder einmal nicht weiß, wohin die Reise geht. In seiner Angst erlebt er einen Höhepunkt des Sprachverlustes. Er verdreht Wörter in Gedanken und reagiert auf die Sinnentstellungen wie auf Einflüsterungen. Manfred ist dabei, seinen Verstand zu verlieren. Seine Frau ist bei Vroni untergekommen. Petra lugt an einem Schrank vorbei, der beinah das ganze Fenster in ihrem Zimmer verstellt. Ihre psychologische Beurteilung im Spiegel von Manfreds Einlasssungen stellt sie als bindungsgestörte Persönlichkeit dar. In neuen Partnerschaften versuche sie ihre Beziehungsdefizite abzustellen. In der Küche unterhalten sich Frauen über eine Gutschrift von Jamal Tuschick. Sie erschien erstmals 1829 im Morgenblatt für die gebildeten Stände. Tuschick war allerdings ein Pseudonym. Es verbarg einen energischen Parteigänger der Feuillants. Tuschick startete als Girondistenjäger und endete als Monarchist. Im Mai 1794 soll er an keinem Tag nüchtern geblieben sein. Er fand dann gute Gründe, sich in Europa zu verlaufen und einen Preußen aus sich machen. Rechtzeitig zur Hinrichtung von Couthon kam er zurück und etablierte sich als Korrespondent und Diplomat. Regierungen unterhielten in Paris ständige Vertretungen, die nicht landsmannschaftlich adäquat besetzt wurden. Tuschick vertrat zwei junge Republiken ohne Glauben an eine gesegnete Volksherrschaft. Er schrieb: „Der Weltgeist spricht französisch. Nicht jeder versteht ihn.“

Die Revolution hatte aus ihm einen Aristokraten gemacht. Schließlich erschien ihm nichts abstoßender als die Forderung nach Gleichheit. Tuschick hielt Vorträge im Bordell, lobte die Zensur. Allgemein nahm man ihn als Spätaufklärer wahr. Leute, die es besser wussten, rechneten Tuschick zur Avantgarde der Reaktion. Konterrevolutionäre und was sich sonst noch royale Emigration schimpfte, zogen Tuschick auf Schlössern ins Vertrauen.

Die Küchenkombattinnen wissen, dass man vom Feind mehr lernt als vom Freund. Tuschick hatte es verstanden einen hyperpessimistischen Aktionismus (ein Begriff, den Foucault in seiner Terrorismusanalyse entwickelt) mit eiserner Passivität zu kontern. Die Frauen lesen sich gegenseitig harte Passagen vor.

In diesem Augenblick

hält der Barkas und entlässt Manfred in das Allerweltsgefängnis Rummelsburg in Lichtenberg. Unterhält sich Tillmann „Trouble“ Koslowski mit Acid Beluga auf einem Hinterhof des Kudamms. Die beiden verbindet ein unausgesprochenes Vatersohnverhältnis. Acid betrachtet Tillmann als Erben auf der ganzen Linie seiner Investitionen so wie als Flügelmann und Versorger der erkrankten Angel. Er hat sich in Tillmann einen Nachfolger herangezogen. Der arbeitslose Industriekaufmann und verbrannte Profifluchthelfer erscheint nicht mehr so durchgreifend wie noch vor zwei Wochen. Er hat gelitten im Kalten Krieg und mit ihm die „Schleusungsorganisation“, wie korporierte Fluchthilfe auf Stasi-Deutsch heißt. Die „Berlin Ranger“ sind dabei, sich auf „Passschleusung“ zu spezialisieren. Sie verspricht einen sauberen Ablauf. Der Flüchtling schließt sich einer Reisegruppe zum Beispiel nach Warschau an. Im Transitraum des Warschauer Flughafens erhält er den gefälschten Pass und ein Ticket. Damit reist er als Bundesbürger weiter. Es geht sogar ohne Pass. Zuletzt schleusten die Ranger eine DDR-Bürgerin als Stewardess verkleidet an Bord einer Chartermaschine aus Budapest nach Wien. (Ungarn ist die ideologische Schwachstelle des Ostblocks.) Man strebt weiche Lösungen an und sucht nach Möglichkeiten zur Arrondierung. Das ist das Wort der Stunde.

In diesem Augenblick

türmt sich Beiseitegeräumtes vor Angel auf. Die Beobachterin stellt fest: „Das Abgeschaffte vermehrt sich wie Geziefer unter einem Stein.“ Angel wird nicht müde, es in Gedankenkästen zu archivieren. Das ist ihre neue Arbeit. Dazu trinkt sie Bier wie ein Maurer.

Morgen mehr.

11:08 01.10.2017
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