Krimineller Aufwand

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Prix Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu erzählt in „Wie später ihre Kinder“ von einem autochthonen Arbeitersohn, der auf die Füße fällt, und einem Einwanderersohn, der ein paar falsche Entscheidungen zu viel trifft.

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In einer verödeten Gegend an der Grenze zu Luxemburg beschreiten Leute „unterirdische Wege“ des Überlebens. Fast ohne soziale Absicherung arbeiten sie in dem „unter chronischem Arbeitskräftemangel leidenden“ Nachbarland und bewahren als Pendler ihre französischen Gemeinden davor, Wüstungen zu werden. Sie retten hier eine Schule, in der sie sich selbst gelangweilt haben, und da eine Bäckerei, die ihnen einmal als verheißungsvoller Ort erschienen ist. Mitten in Europa existieren sie an einem Rand. Ihre Klasse gibt es in keiner positiven Betrachtung mehr. Sie konkurrieren mit Migranten. In diesem Wettbewerb sind sie sich selbst so fremd geworden, dass sie ihren Töchtern und Söhnen außer Plattitüden fast nichts mehr zu sagen haben.

Nicolas Mathieu, „Wie später ihre Kinder“, Roman, Hanser Berlin, 445 Seiten, 24,-

Die unerzogenen (und ratlosen) Söhne der Verlierer stellen Wut zur Schau. Die Wutperformance schützt sie in einer Gemeinschaft, die ihre Verfassung verloren hat. Früher arbeiteten die Väter an Hochöfen und ihre muskulöse Genügsamkeit stellte einen gesellschaftlichen Wert dar. Jetzt hilft Anthony seinem Vater, der nach Jahrzehnten als Stahlarbeiter als Gabelstapelfahrer seine letzte solide Beschäftigung hatte und inzwischen nur noch die Anwesen der wenigen Vermögenden vor Ort in Schuss hält.

Nicolas Mathieu schildert ein Milieu, in der Selbstachtung für viele ein Phantasieprodukt ist. Jahrhunderte hing die Achtung der Armen von Arbeit ab, von schweren gemeinschaftlich begangenen Tätigkeiten, die einen typischen Tagesablauf erzwangen; eine Gleichheit der Verhältnisse, die den Gemeinschaftssinn anspornte und Traditionen stiftete. Die Lebensentwürfe wurden vererbt. Man kam zwar nicht über seine Klasse hinaus, fiel aber auch nicht aus dem Rahmen. Man war, was der Großvater schon gewesen war, ob Steiger oder Stauer. In der Gegenwart haben die sich durchschlagenden Väter nicht einmal mehr den Fetzen eines Lebensentwurfs für ihre Söhne.

Anthony lebt in einer Wildnis. Er treibt kriminellen Aufwand, um Mädchen nackt zu sehen. Aber dann tragen sie doch Bikinis und ergötzen sich in ihrer Unerreichbarkeit an Anthonys Begehren.

Anthony lässt sich das Moped seines Vaters klauen – von Hacine, den Mathieu als Gegenspieler mit Migrationshintergrund aufbaut und dann klischeehaft zum Einsatz kommen lässt.

Schauplatz der Tristesse ist Heillange, eine erfundene Stadt an einem See und in einer Senke. Es ist Sommer, ein ewiger Sommer. Die Handlung setzt Anfang der Neunzigerjahre ein. Sie zieht sich durch das Jahrzehnt und kennt nur eine Jahreszeit. Im ersten Sommer ist Anthony vierzehn. Er orientiert sich an einem älteren Cousin auf eine nachlaufende Weise. Verliebt ist er in Stéphanie, die ihn immerhin niedlich findet. Sie himmelt das „megasüße Arschloch“ Simon an.

Wegen des geklauten Mopeds sieht sich Anthony genötigt, energisch zu werden. Erst zielt er mit einer Pistole auf Hacine, dann spuckt er dem Dieb & Dealer ins Gesicht. Mathieu deutet bereits im Titel eine beinah brüderliche Verbindung an: Wie ihre Väter werden auch sie keine Spur hinterlassen. Als hätten sie nie gelebt.

Dem Einfall kann man bis zu der Erkenntnis nachgehen, dass er keine erhebliche Höhe erreicht. Das Leben ist nicht für ein Nachleben gemacht. Es vollzieht sich auf die richtige Weise, wenn es keine Einladungen an die Nachgeborenen ausspricht.

Vollständige Sterblichkeit ist ein Segen; um eben nicht noch einmal als Fraß einer nachgeborenen Meute sterben zu müssen.

Im zweiten Sommer des Romangeschehens sind die Antagonisten sechzehn, Hacine kommt mit fünfundvierzig Kilo Cannabis aus Marokko in das Land seiner Kindheit. Die Chancen doppelter kultureller Auswahl, transkontinentaler Ortskenntnisse und Vertrauensbasen nutzt er wie ein Blödmann. Der Kanake dealt. Was sonst könnte er tun nach allen möglichen Lektionen auf den Brachen eines aufgegebenen Industriestandorts im nordfranzösischen Nirgendwo? Mich stört die Delegation des Stupiden an Hacine. Dann sind auch noch seine Fußtechniken labbrig, während Anthonys Vater als Hüter des Sohnes plötzlich grandios wird. Er nimmt „steinerne Härte“ an, gewinnt „mineralische Festigkeit“.

1996 macht Anthony Abitur, und Stéphanie ist endlich bereit für den Treuherzigen.

08:57 30.07.2019
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