Kultureller Mehrwert der Sexualität

J. Rothman/S. Feinberg nutzten in ihrem Werk „EVERY BODY” den Offenbarungsdruck, der dem sexuellen Geschehen kulturellen Auftrieb gibt, für ihre Dokumentation individueller Zugänge
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Julia Rothman und Shaina Feinberg nutzten den Offenbarungsdruck, der dem sexuellen Geschehen kulturellen Auftrieb gibt, für eine Dokumentation individueller Zugänge. Eine Akteurin erzählt von sexuellen Erlebnissen im Vorschulalter. In der Mittagspause rubbelte sie sich am Kindergartenklappbett zum Orgasmus, während sich eine junge Erwachsene nach der ersten Penisberührung auf dem Weg ins Fegefeuer wähnt.

Julia Rothman, Shaina Feinberg, EVERY BODY. Eine faszinierende Reise durch unsere Welt der sexuellen Lust und Identität, aus dem Amerikanischen von Andrea Brandl, Bettina Spangler, mosaik, 18,-

Auf Anhieb deutlich wird, dass nicht nur einschlägige Deutungen unseres Herkunftsmilieus entscheiden, wie wir Sexualität erleben. Die Prägung begegnet der lebhaftesten Ursprünglichkeit. Ich glaube, dass man Schuldgefühle sogar dann entwickeln kann, wenn sie in der Umgebung überhaupt nicht gepredigt werden.

Sexualität ist kein Freiheitsgeschehen, sondern eine frequenzbreite Weltempfängerin. Das belegen die Beiträge in ihrer Summe. Sie könnten kaum verschiedener sein.

Offensichtlich gibt es für Monogamie keinen natürlichen Hafen. Wiederholt erklären Personen, dass sie kein Interesse an einer abgeschlossenen Beziehung haben. Sie bewerten sexuelle Entfaltung höher als die sozialen Chancen, die in Beziehungen stecken. Die Ökonomisierung des Sex unterliegt jedenfalls stärkeren Impulsen.

Feld der Binsen

„Ein ehrliches und beeindruckend offenes Porträt der menschlichen Sexualität.“ The New York Times

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„Als ich die Geschichten las und ihnen lauschte, empfand ich solches Mitgefühl mit diesen Menschen. Wie unglaublich so ein menschliches Leben doch ist! Wie unfassbar komplex! Der Umgang mit vielen von Herzen kommenden Geschichten hat mir geholfen, auch mir selbst mehr Mitgefühl entgegenzubringen. Ich fing an, meinen Körper und mein Leben mit liebevollen Augen zu betrachten.“ Shaina Feinberg

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Die längste Zeit war Sexualität ein Feld der Binsen (und Bienen). Man ging davon aus, dass wir an dieser Stelle unseres Seins nicht aus dem Vertragswerk der Natur entlassen werden können. Wir unterstellten der Biologie einen allmächtigen Alleinvertretungsanspruch. Danach diente der Geschlechtstrieb subjektiv der Lust und objektiv der Arterhaltung. Auf dem Hochplateau dieser stümpferhaften Ansicht gab es zum Beispiel keine Homosexualität im sogenannten Tierreich. Die Wesen, von denen wir uns als Menschen mit oft unzulänglichem Vokabular unterscheiden, sollten zwar blöder sein als wir, aber dafür geradlinig auf Reproduktionskurs. Abweichungen von spekulativ definierten Normverläufen interpretierte man gern als Entgleisungen eines überladenen Bewusstseins.

Das ist vorbei.

Im Akut der Gegenwart offenbart die Sexualität ihre Diversität bis in die Fortpflanzungskanäle. Spätestens seit Richard Dawkins wissen wir, es gibt keine tiefergelegte, uns heimlich leitende Ordnung, deren Ideallinie am Horizont eines perfekten Lebens auftaucht. Also fragen wir uns gemeinsam mit den Autorinnen: „Was prägt unsere sexuelle Orientierung? Wie überwinden wir kulturelle Normierungen? Wie finden wir überhaupt heraus, was zu uns passt?”

Zwischen Prüderie und Offenherzigkeit - Eine Japanerin erinnert sich an ihre sexuelle Initiation

In Japan klärt man Kinder nicht auf. Zugleich ist Pornografie allgegenwärtig. In jedem Supermarkt werden einschlägige Cartoons angeboten. Die Erzählerin bezieht ab dem fünfzehnten Lebensjahr Basisinformationen aus dem zirkulierenden Erregungsmaterial. Ihr zunächst primär technisches Interesse weicht einer praxisfreundlichen Auffassung - in der totalen Auflösung von Negation und Affirmation. Erlaubt ist, was gefällt. Ihrer Tochter schlägt die Cool Userin eine Bresche ins Angebot. Sie weist sie ein in die Kunst der Masturbation, wobei sie Schamhürden der Nachkommenden überwinden muss.

Die Tochter wünscht sich ihre Mutter so zurückhaltend und an die Norm gepresst wie die verklemmten Eltern der Anderen; während Freundinnen von der Progressiven begeistert sind.

Katholische Sozialisation

Father Schmidt fällt die (in seinen Augen) peinliche Aufgabe zu, Elevinnen einer katholischen Schule in lauter Vieraugen-Einweisungen aufzuklären. Eine Fünftklässlerin erkennt, wie schwierig sich die Situation für den Berufenen darstellt. Das macht die Sache zwar für das Kind nicht leichter, trotzdem unterläuft seine Neugier die von Scham auf beiden Seiten hervorgerufene Diskretion. Es verfängt sich in der Irritation, dass aus einem Penis nicht nur Urin kommt. Es will wissen, was es mit dem Sperma auf sich hat.

Biblischer Brutalismus - Wenn vorehelicher Sex fast so schlimm wie Mord sein soll

Eine Mormonin entbindet sich für die Dauer eines Jahres von der regelrechten Lebensweise. Sie gabelt Männer in einer Bar auf, um beim behutsamen Berührungsaustausch an gemeinsame Grenzen zu stoßen. In ihrer Not wendet sie sich an David, der nach einer gleichfalls religiös konnotierten sexuellen Blockade den Weg zum vollen Vergnügen entdeckte. Er teilt mit der Debütantin dann doch nicht seine Erfahrungen.

Angetrieben von Schuldgefühlen und Geilheit, dreht die Erzählerin fast durch. Der biblische Brutalismus ihrer Erziehung zieht sie in einen Albschlund. Die dämonische Dimension pfeffert ihre Phantasie. Bald fällt ihr wieder ein Schwanz in die Hände.

Aus der Verlagsvorschau

Am 26. Juli 2021 veröffentlicht der Mosaik Verlag ein kunstvolles Panoptikum der Leidenschaft, aufgezeichnetvon den zwei erfolgreichen New York Times-Kolumnistinnen Julia Rothman und Shaina Feinberg:EVERY BODY. Vom Masturbationsweltmeister zur selbstbewussten Muslima bis hin zur schüchternen Sexspielzeugverkäuferin –Menschen aller Generationen und Bildungsschichten offenbaren ihre intimsten Erfahrungen mit Sexualität.Prominente wie der Filmemacher River Gallo, der Comedian Bilal Zafar oder die Autorin Rebekah Taussig schildern, wie sie ihre individuelle Sexualiät entdecken konnten und heute frei leben.Nahezu hundert Illustrationen unterschiedlichster Künstlerzeigen die vielfältige Schönheit, Verletzlichkeit und vor allem Natürlichkeit der zwischenmenschlichen Liebe und Eigenliebe auf immer wieder neue Weise und eröffnen dem Leser so berührende Einsichten – nicht nur in das Liebesleben vermeintlich Fremder sondern, auch in das eigene Wirrwarr gelebter und verdrängter Wünsche und Sehnsüchte.

"Eine emotionale und vor allem offene Sammlung darüber, was es bedeutet, zu leben.“ ELLE.com

EVERY BODY berührt auf intime Weise. Dies ist das erste allumfassende Buch zur menschlichen Sexualität und Körperwahrnehmung in all seiner göttlichen Vielfalt. Es lädt spielerisch-abwechslungsreich ein zum Dialog mit anderen und sich selbst.Zutiefst persönliche Geschichten, spannende Reportagen und kurzweilige Interviewsmit Körper-Experten der verschiedensten Disziplinen vereinen sich hier zu einem faszinierenden Mosaik der Möglichkeiten sexueller Identitäten gerahmt von wunderschönen, humorvollen und auch unverstellt expliziten Illustrationen. Witzig, verstörend, traurig, schön. Das Themenspektrum ist so divers wie die Wirklichkeit:erste Male, die offene Beziehung, Homosexualität, Religion, Transsexualität, ethnische Zugehörigkeit, Sex im Alter, ungewollte Schwangerschaft, Sexspielzeuge, Lust, Ängste und Traumata.Was wir über Sex wissen wollten und nicht zu fragen wagten: Hier gibt es intime Einblicke, berührende Geschichten und großartige Kunst zum Staunen, Mitfühlen und Verstehen.„Eine ausgelassene und wunderschöne Zusammenschau freier Erzählungen, Essays, Comics und Kunst Ein integrativer und empowernder Leitfaden für das Sexualleben. Dieses Buch liest sich wie ein wissenschaftlicher Dokumentarfilm und ein Treffen mit alten Freunden zugleich. Die Hauptaussage des Buches ist die Universalität: Sex ist das, was uns verbindet. Visuell atemberaubend, die gesamte Skala menschlicher Emotionen wird dargestellt." Booklist STARRED

„Hatten Sie schon einmal eine Frage zum Thema Sex – sei es aus Neugier, Lust oder dem leisen Verdacht, dass Sie irgendwie anders sind? EVERY BODY wird Ihnen dabei helfen, sich weniger allein zu fühlen. Umrahmt von dutzenden Künstlerillustrationen, zutiefst persönlichen Interviews und Expertenaufsätzen, die sich mit Stigmata und Klischees befassen, ist dieses Buch ein informativer, einladender und integrativer Leitfaden für Ihren Körper, unabhängig von seiner Form, seiner Größe oder Vorlieben.“ O.Henry Magazine

Julia Rothmanist Journalistin, Autorin und Illustratorin mehrerer Bücher. Ihre Beiträge erscheinen u.a. im New Yorker, der New York Times, der Washington Post, dem Wall Street Journal und Harper's. Sie ist Mitbegründerin von „Women Who Draw“, einer Vereinigung, die es sich zur Aufgabe macht, die Sichtbarkeit von Künstlerinnen zu erhöhen.

juliarothman.com

Shaina Feinbergist Drehbuchautorin und queere Filmemacherin. Sie arbeitet u. a. für verschiedene TV-Sender. Julia Rothman und Shaina Feinberg produzieren im Team die beliebte illustrierte New York Times-Kolumne „Scratch“. Ihre gemeinsam gestalteten Beiträge erscheinen u.a. auch im New Yorker. Julia Rothman und Shaina Feinberg leben in Brooklyn, New York City.
shainafeinberg.com

10:26 26.07.2021
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