Lady Moody

Deb Moody, Step Crane Warum rede ich über Lady Moody? Vorgestern Abend kam ich aus Ahrenshoop nach Berlin und fand einen Erzählband von Stephen Crane (1871 - 1900) in der Post.
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Warum rede ich über Lady Moody (1586– circa 1659)? Vorgestern Abend kam ich aus Ahrenshoop nach Berlin und fand einen Erzählband von Stephen Crane* (1871 - 1900) in der Post.

*„Die tristen Tage von Coney Island“, Geschichten, übersetzt von Bernd Gockel, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Hochbruck, Pentragon Verlag, 271 Seiten, 24,-

Die erste Geschichte spielt auf Coney Island, just auf jener Halbinsel, die historisch deshalb eine Sonderstellung einnimmt, da da Lady Moody als Landnehmerin eine in der amerikanischen Kolonialgeschichte singuläre Rolle spielte. Ich schiebe kurz den Anfang meiner Besprechung dazwischen.

Retrospektiver Überflug

Im ausgehenden 19. Jahrhundert präsentiert sich Coney Island als traditionsreicher Kurort mit Seebadflair. Während die Erschließungswalze die Superdiversity des Westens zugunsten des anglo-pietistischen Einerleis planierte, war man an der Ostküste früh zur europäisch-analogen Tagesordnung übergegangen. Wie ungemein urban das amerikanisch-atlantische 19. Jahrhundert bereits war, als man noch mit der Ausrottung der First Nation befasst war, erzählt Stephen Crane nebenbei. Als Zeitgenosse erlebt er den Status quo ohne die Überflugsgenehmigungen einer Retrospektive.

Kein Gast hält sich mit der historischen Dimension des Schauplatzes auf. Wer weiß, dass Coney ein niederländisches Wort ist und von dem alten Johannes Vingboon zum ersten Mal auf einer Karte eingetragen wurde. 1643 nahm Deborah Moody ihren Mut und ihr Money zusammen und gründete auf Coney Island Gravesend.

Den Ich-Erzähler der Titelgeschichte deprimiert die Stimmung am Saisonende. Die „leerstehenden Paläste, von krankhaft optimistischen Architekten in die Landschaft gesetzt“, stehen in einem schwermütigen Dunstkreis.

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Um mit Lady Moody weiterzumachen. Lange ist sie eine superangepasste Untertanin der englischen Königin Elisabeth I. Nach dem Tod ihres Mannes konvertiert sie in eine protestantische Sekte, die in England als verdammungswürdiger Verein angesehen wird. Man lädt die Lady vor Gericht. Sie stellt sich aber nicht, sondern segelt ab. 1639 erreicht sie eine Siedlung der Massachusetts Bay Colony.

Die Vorstufe der englischen Kolonie Massachusetts gestalten Nachkommen der Pilgrim Väter (in der Einwanderergeneration). Die Enkel und Urenkel der Migranten sind als alte weiße Männer not amused von einer Frau, die religiöse Toleranz fordert, obwohl sich die Kolonialknacker genau das auf die Fahnen geschrieben haben. Die Nonkonformistin agiert nicht ohne Beispiel. Auf den Wegen einer Geächteten voran ging ihr Anne Hutchinson.

Wir müssen wenigstens das kleine Fass aufmachen. Sonst versteht man doch gar nichts.

Die angelsächsisch-patriotische Geschichtsschreibung ignoriert einiges, wenn sie behauptet, mit der Landung der Mayflower habe die Erschließung Nordamerikas ihren Anfang genommen. Hundertfünfzig Jahre nach João Vaz Corte-Real erreichen Vertreter des Handelsvereins Plymouth-Compagnie die Neue Welt. Im heutigen Massachusetts gründen sie am 22. Dezember 1620 Plymouth Colony. Am Penobscot entsteht eine Sägemühle, die zur Attraktion für die eingesessene Bevölkerung wird. Man trifft sich zum Sportangeln und zieht weiter zu Joe’s Mühle, auf eine Nachmittagspfeife im Kreis der Nachbarn. Hilfreich ist der sprachbegabte Inder Big Squanto. Den können die Manieren der Engländer nicht aus der Fassung bringen, hat er doch in London gelebt und da auf Geheiß der Plymouth-Company-Granden Gorges de Briouze eine Dolmetscherausbildung genossen. Die indigene Aristokratie orientiert sich in Stilfragen am Einwanderer. So setzt man sich modisch ab vom Fußvolk. Wasamegin, Regierungschef der Wampanoag, geht soweit, seinen Söhnen englische Zusatznamen zu geben. Er sucht die Nähe zu den Kolonist:innen auch, um mit ihrer Unterstützung angestammte Feind:innen wie die Narraganset und Pequot auszurotten. Ihm folgt in den 1660er Jahren sein Sohn Metacom als König Philip auf den Thron. Der Bruder heißt Wamsutta-Alexander. Philip kleidet sich in Boston ein, er lässt sich närrisch von europäischen Stilblüten einnehmen. Er endet auf der Schlachtbank. Seinen Kopf stellen die Puritaner zwanzig Jahre lang vor den Palisaden von Plymouth zur Schau. Das Abschreckungsspektakel zeigt die gewünschte Wirkung. Diese kirchenzüchtigen Eiferchristen sind unduldsam. Hochmut, Rachsucht und Verfolgungslust treiben sie an, von Nächstenliebe und Demut ist nur die Rede. Unter dem religiösen Mantel verbergen sie politische Unzufriedenheit. An Arbeit gewöhnte Männer (im Gegensatz zu den adligen Landnehmern) fordern Selbstbestimmung und freie Verfügung über ihre Erträge. Schließlich gliedert die englische Krone den Zusammenschluss rabiater Pilgrimväter- söhne und -enkel der größeren Massachusetts-Company ein.

Stammesführer im Pyjama auf dem Kriegspfad, Puritaner im Vollrausch, pietistisch vernagelte Landsknechte, Sklaven auf dem Thron, Kinderrepubliken im Herr-der-Fliegen-Stil, polyglotte Analphabeten - nicht zu übersehen ist der pittoreske Charakter der Kolonisierung. Dem allgemeinen Irrsinn zum Opfer fällt im März 1638 die manisch gottesfürchtige Anne Marbury verheiratete Hutchinson. Annes Kritik an der puritanischen Praxis wird von keiner versöhnlichen Note gemildert. Auch machtpolitisch geht Annes Anhängerschaft mit der Brechstange vor. Die Angegriffenen erwidern das Feuer, indem sie Anne sexuell denunzieren. Sie werfen ihr Promiskuität vor. Der Vorwurf kommt nicht allein aus der Not, dass man im Land der Religionsfreiheit keiner weißen Seele die gottesdienstlichen Einzelheiten vorschreiben kann. Die Puritaner dürfen keinen Präzedenzfall schaffen, nach dem sie selbst gerichtet werden können. Annes Ausschluss gelingt trotzdem. Sie jagen Anne und ihre Getreuen bis in die arkadischen Landschaften von Rhode Island.

Zur Welt kommt sie 1586 als Tochter eines bedeutenden Mannes. Walter Dunch übt ein Amt aus, das königliches Vertrauen unmittelbar voraussetzt. Er kontrolliert die heißeste Esse und wichtigste Prägestätte des Reiches, namentlich die königliche Münze aka The Royal Mint.

In Deborah Dunchs Geburtsjahr sitzt eine Tochter von Heinrich dem Blutsäufer auf dem englischen Thron. Ihre schärfste Rivalin, die schottische Königin Maria Stuart, hält the Virgin Queen Elisabeth I. gefangen. Sie entgeht der von Francis Walsingham aufgedeckten Babington-Verschwörung. Die Verschwörer:innen werden hanged, drawn and quartered. Hinrichtungen sind die Massenvergnügen mit Volksfestcharakter im Elisabethanisches Zeitalter.

„Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt, sind wir in unserer Gegenwart nicht angekommen.“ Heiner Müller

Elisabeth I. (1533 – 1603) ging als „Jungfrau auf dem Thron“ in die Geschichte ein. Sie gab einem Zeitalter seinen Namen. Mit ihr endete die Herrschaft der Tudors. Das Gepräge ihrer Epoche kennen wir von Shakespeare. Epoche machte ein maritimer Paradigmenwechsel. Spanien scheiterte 1588 bei dem Versuch, die Insel einzunehmen. Die Armada unterlag der britischen Flotte und widrigem Wetter. Infolge des spanischen Desasters trat England als Großmacht in die Geschichte ein - Britannia rule the waves! Der britische Imperialismus startete mit avancierter Piraterie, Elisabeths Macht wurde von allen möglichen Ansprüchen erschüttert. Die Tochter Anne Boleyns stammte aus einer vom Papst verurteilten Verbindung, während es mit Maria Stuart eine römisch legitimierte Konkurrentin gab. Elisabeth zementierte ihre Macht nicht nur im Ausbau der Anglikanischen Gemeinschaft, diesem konfessionellen Trollhaus nach dem Plaisir Heinrich VIII. Sie nahm auch Verwandte gefangen, so wie sie selbst eine Gefangene von Verwandten gewesen war.

Maria Stuart war nicht die Einzige, mit einem fundierten Machtanspruch. Weit vorn in der Thronfolge stand Mary Grey (1545 – 1578) als Großnichte Heinrich des Achten, Enkelin einer französischen Königin und Schwester der englischen Kurzzeitkönigin Jane Grey. Heimlich heiratete sie den extrem unpassenden Thomas Keyes. Elisabeth fürchtete Nachwuchs von ihrem Blut, sie ließ Mary festsetzen.

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Auch für die erblühende Deborah Dunch ist Macht eine Herkunftsfrage. Sie pubertiert im Beat von Pest und Pocken, weggeschossenen Beinen, unhygienischem Beischlaf, offener Päderastie und anderen Kloaken. Jede Lady ist eine Macbeth, wie sie durch die Tudorrose spricht. Das Zeitalter hält sich die Nase zu, um nicht von Flöhen zum Niesen gebracht zu werden. Wo das Blut fließt und die Ratte rennt, da geht der Unterschied zwischen affektiv und affektiert gegen Null. Jede Empfindung rauscht einfach auf, jeder Funke wirkt entzündend. Das Leben verspricht Unmittelbarkeit auch in der Frustration.

Der Stuhlgang rülpst nach Mahlzeiten, die zu kalt, zu fett, zu opulent oder vergiftet an die Tische kommen. Der Erdkreis stinkt nach Pisse, man serviert Schwanenfleisch in einem Nest aus Fasanenfedern.

Man rotzt in Hermelin.

In Deborahs Klan verbindet sich Loyalität mit der Krone, egal, wer sie trägt. Ein Dunch, ob männlich oder weiblich, stützt die Monarchie und gehorcht der Church of England. Die Debütantin mausert sich zur Braut und heiratet 1606 einen Mann, der sie zur Lady macht.

Als Gattin von Sir Henry Moody steigt Deborah auf. Als Witwe erniedrigt sich die Lady. Sie wird Täuferin. Mit dieser Volte verbinden sich eine Menge Schismen. Lady Moody stellt sich so gegen alles, was in England gilt.

12:28 14.09.2021
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