Lähmend regressiv

Literatur Sie macht sich schon lange keine Gedanken mehr darüber, wie lähmend regressiv die Ordnung ihres Lebens ist.
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Sie macht sich schon lange keine Gedanken mehr darüber, wie lähmend regressiv die Ordnung ihres Lebens ist. Am liebsten stalkt die Erzählerin ihre Ex-Freunde. Obwohl sie noch jung genug ist, um im Kohortentakt zu promovieren, zählt sie bereits zu den Geschiedenen. Zurzeit gibt sie Ben den Vorzug. Er bekocht sie und versorgt sie mit Gardetto’s. Er trinkt zu viel Bier; die Geliebte bemerkt das an einem Observationssaum. Sie beobachtet Ben wie ein Haustier.

Mary Miller, „Always Happy Hour“, Erzählungen, auf Deutsch von Stefanie Jacobs, Hanser Berlin, 22,-

Du bist ein Schatz. Ich reiße (die Gardetto’s) auf, picke mir die knusprigen braunen Teile raus und fasse dabei sein Fläschchen Klonopin ins Auge. Manchmal schüttet (Ben) die Pillen und zählt nach, wie viele er noch hat.“

Ben hangelt sich mit Filmzitaten durch einen nebulösen Alltag. Er leidet unter seiner Rolle als Lückenbüßer und Gelegenheitsbeischläfer. Ben will mehr „als eine Freundschaft in der grausten Grauzone“.

Ich frage mich, warum sich Ben in der Konstellation etabliert.

*

Im nächsten Durchgang ist die Heldin Dozentin, ihr Gast ein Studierender, und der Schauplatz ein naturnahes akademisches Refugium. Ein Mann, „der mit mir (der erzählenden Gastgeberin) ins Bett (wollte), behauptet(e), ... im Wald würde der Geist von Geeshie Wiley herumspuken.“

Trostlose Praxis

Eine Frau dechiffriert ihren Liebhaber, indem sie dessen häuslichen Verhältnisse inspiziert. Da zeichnet sich eine trostlose Praxis und zugleich eine verschleißende Routine ab. Die Investigative registriert Schokoriegel aus Neuseeland „mit Fröschen auf dem Einwickelpapier“.

„Auf dem Kühlschrank (stehen) vier Schachteln Kellogg’s.“

Unter dem Bett liegen Katzen neben einem Revolver. Die Akteurin kann sich nicht merken, wie man eine Waffe einsetzt. Ihre Schöpferin setzt das Desinteresse in eins mit der Unfähigkeit, auch nur den leisesten Nutzen aus Erstehilfekursen zu ziehen. Millers Heldin fehlt die Konzentration auf elementare Konstellationen. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb sie einen Mann erträgt, der mit ihr seine Tattoos und deren Bedeutungen durchgeht; der sich ihr mit diesem regressiven Programm ganz ernsthaft erklärt.

Kurt Vonnegut- und Gertrude Stein-Zitate konkurrieren mit Kleeblättern und kämpfenden Bullen auf der Haut. Wie lässt sich so jemand als sexueller Opponent akzeptabel finden? Mit dieser Frage endet die erste Geschichte jedenfalls für mich. Ein erzählendes Ich schließt sich an. Die Promovierende wohnt mit der gleichfalls promovierenden New Yorkerin Melinda in der Gegend von New Orleans zusammen. Melinda bejagt den örtlichen Bauernmarkt mit jenem Eifer, den sie gewiss auch für Urban Gardening aufbringt. Sie beweist eine erschütternde Hemmungslosigkeit beim Verzehr von Fleisch. Im Übrigen lebt sie aber korrekt im aktivistischen Alarmmodus.

„Melinda ist klein, nicht mal eins sechzig, und hat die winzigsten Schuhe und Slips, die ich je gesehen habe, aber sie isst unglaubliche Mengen. An ... Tagen bringt sie Ziegenfleisch, eine Taube oder ein Eichhörnchen mit heim.“

Pressetext

"Versau es nicht, denn wenn du einmal mit dem Versauen anfängst, ist es wahnsinnig schwer, wieder damit aufzuhören."

Die Frauen in Mary Millers Erzählungen sehnen sich nach romantischer Liebe und stecken in zum Scheitern verurteilten Beziehungen fest. Sie trinken zu viel Bier und klammern sich an Vorstellungen und Männer, die ihnen eigentlich egal sind. Sie sind auf der Suche, wissen aber nicht, wonach.

Mary Millers Erzählungen sind knallhart, rührend komisch und treffen einen Nerv. Mit ihrem scharfsinnigen, soziologischen Blick beschreibt Mary Miller das Alltägliche in all seiner Banalität und zeichnet eine schmerzhafte Realität, der man sich nicht entziehen kann. Unaufgeregt und ungeschönt skizziert Miller den entzauberten Alltag orientierungsloser Frauen.

Da ist die Frau, die verzweifelt den Unterschied zwischen "Hab dich lieb" und "Ich liebe dich" austariert, während sie ihrem Freund beichtet, dass dessen Katze womöglich eine Rasierklinge gefressen hat. Da ist die Dozentin, die ihren Schreibaufenthalt in einer imposanten Villa verbringt und überlegt, mit einem ihrer Studenten zu schlafen. Da ist die Frau, die sich von einer Freundin Luxusurlaube spendieren lässt, und sich permanent fragt, warum sie sich in Situationen begibt, in die sie nie geraten wollte. Zwischen Happy Hours in Pool-Lounges, Bars und Absteigen unter der Hitze der US-amerikanischen Südstaaten fordert Mary Miller uns heraus, die Schönheit des Lebens in der Gewöhnlichkeit zu finden.

Aus der Ankündigung

In Mary Millers Erzählungen suchen junge Frauen genau an den falschen Orten nach Liebe. „Komischer Deprimismus, das ist die Formel dieser Geschichten.“ Volker Weidermann, Der Spiegel

Sie sind gierig nach romantischen Gefühlen, aber gefangen in Zeiten pornografischer Abgeklärtheit. Sie haben keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen, und sorgen sich um ihr Gewicht und wie sie in weißen Bikinis aussehen. Sie treffen ständig schlechte Entscheidungen und sind sich selbst ihr schlimmster Feind. Die orientierungslosen jungen Frauen in "Always Happy Hour" verbringen ihre besten Jahre in Shopping Malls, Drogerien, Karaoke-Bars und Fast-Food-Restaurants, wo sie zu viel Alkohol trinken und komplizierte Gespräche über Essen führen. So damit beschäftigt, irgendwelchen Männern zu gefallen, merken sie gar nicht, wie egal ihnen diese Männer eigentlich sind. Mary Miller beschreibt eine atemlose Gegenwart, die keine Zukunft kennt.

Zur Autorin

Mary Miller,1977 in Texas geboren, studierte Literatur an der University of Southern Mississippi und lebt heute als Autorin in Austin. Zuletzt erschienen von ihr der RomanSüßer König Jesusund der ErzählungsbandBig World.

08:22 13.06.2021
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