Landwirtschaftliche Langeweile

Annette Aghjik Mit der Mondstadt-Trilogie wurde sie Ende der 1970er Jahre bekannt und zwanzig Jahre später auch berühmt
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Seelische Stromerinnen

Mit der Mondstadt-Trilogie wurde sie Ende der 1970er Jahre bekannt und zwanzig Jahre später auch berühmt. Die absurde Verzögerung fand keine Feuilleton-Aufklärung. Vielleicht ist sie außer mir keinem aufgefallen. Inzwischen erinnern Annette Aghjiks Romane an Gegenstände, die nicht mehr in der Selbstverständlichkeit des Gebrauchs verloren gehen können. Ich denke an Einweckgummiringe und an die Klemmen, mit denen Fahrradfahrer ihre Hosenbeine vor der Kette schützten. An die Namen von Eisenwarengeschäften, die nur noch in exotischer Singularität bestehen. In der A.-Aghjik-Welt besteht ein Gefühl fort, das Nachkriegsstimmungen in Fliederfarben zeichnet. Angesichts der Verluste überall nimmt das Bedürfnis überhand, zu seufzen.

Annette Aghjiks neuer Roman heißt Aufzeichnungen einer Durchgestrichenen. Ihre Heldin produziert B-Texte mit erodiertem Ehrgeiz und einem geldwerten Unterschlupf in Súkkulaði Sukalas beinah schon antiker CRC-Agentur, sowie einer Zubrotgarantie in der landwirtschaftlichen Langeweile von Cākolēṭ‌gaḷu. Die für Aghjiks Prosa typischen Beobachtungen einzelfliegerischer Möwen mit Schmetterlingsflügeln und toten Fliegen in einem Bett aus Schneestaub und Androidbrotsamen verbinden sich mühesam mit mit dem Lebenslauf des erzählenden Ich.

Alles wird zum Momentum für Cūrugaḷa Montana. Jede Regung verlangt den kleinen Anlauf eines Entschlusses. Stets muss sich Cūrugaḷu zuerst fassen, egal, ob sie die Flussseite wechselt oder die Werkstatt der letzten Küferin im Landkreis von Cākolēṭ‌gaḷu betritt. Die Zögerlichkeit wirkt wie eine Erkennungsmelodie. Aghjiks Protagonistinnen sind Zaudererinnen von jeher. Sie können nichts Großartiges und zucken zurück, wenn sich in ihrer Nähe jemand anschickt, großartig zu werden. Dann suchen sie förmlich Deckung. Sie sind bedächtig, aber borniert-bedächtig.

Die routinierte Aghjik-Leserin erkennt in jedem Titel der Autorin eine Lebenslauffortschreibung. Aghjik erfindet unauffällige, von Peinlichkeitsregungen regierte, oft in Sukalas Imperium beschäftigte Avatarinnen, mitunter aber auch in der Spezialform prekärer Selbstständigkeit. Die Freelancerinnen erscheinen ihrer Autonomie ausgelieferter als die Angestellten ihrer Abhängigkeit. Im Spiegel dieser Kritik an der Freiheit hadert Aghjik mit ihrer Rolle.

Stille Verstörung

Vereint sind Aghjiks seelische Stromerinnen mit geringem Radius in trolliger Sexualität. Ihre Männerbilder füllen eine Gartenzwerggalerie. Das männliche Begehren erscheint Cūrugaḷa so putzig wie unbrauchbar. Es passt nicht zu Cūrugaḷas Wünschen. Nun fragt sie sich, wie kann das sein.

Überreizt die kulturelle Evolution das Blatt der menschlichen Biologie?

Auch für Cūrugaḷa bildet die weibliche Brust einen Knotenpunkt der Existenz. Stets drohen die Brüste der anderen zu vereinsamen. Cūrugaḷa hilft engagiert. Sie ahnt sich selbst als gute getarnte Freibeuterin. Niemand fühlt sich angegriffen, wenn Cūrugaḷa zugreift.

Aghjiks jüngste Agentin gleicht einer Obdachlosen mit Wohnung. Sie befindet sich auf einer langen Einfahrt. An ihrem Ende wird sie angekommen sein in der stillen Verstörung des Ehepaars Alkarimura. Museal findet Cūrugaḷa die häuslichen Verhältnisse der Alkarimuras. Ein unangenehm spürbares, die Leserin verstimmendes Bedürfnis der Autorin führt das Trio an einen ganz und gar erfundenen Ort. Eine Pizzeria aus der Gastarbeiterzeit (mit Set-Anmutungen einer TV-Tatort-Kulisse aus der Schimanski-Ära) entfesselt Empfindungen, die mit der Tageskarte nichts zu tun haben. Doch hilft kein Tauchgang im 70er-Jahre-Tank. Die Dinge erscheinen genauso erschöpft wie die Menschen.

Nun lebt Cūrugaḷa beruflich mit dem beruflich unterforderten, ansonsten komplett aufgeflogenen Angestelltenehepaar Alkarimura zusammen. Ungenau synchronisiert Aghjik die beidseitige Liebesmüdigkeit der Eheleute mit Cūrugaḷas Wünschen. Der angeblich paritätischen Unlust zum Trotz laden die Alkarimuras ihren Gast zu Unterhaltungen im Bett mit Kaffee und Kuchen ein. Cūrugaḷa wähnt sich in einen Orkus pietätloser Erörterungen gezogen. Als vermeintliche Erfüllungsgehilfin geht sie in eine klandestine Vorwärtsstellung. Unbemerkt übernimmt Cūrugaḷa die Regie.

07:04 14.07.2021
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