Leben

Kassel Margarete sah aus wie Gudrun Landgrebe in der Flambierten. Sie war aufgekratzt und ein bisschen zu lustig für das Angebot vor Ort. Da waren doch nur wir.
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Ich hatte wohl alles richtig gemacht, jedenfalls erklärte sich Margarete nach einer Runde Yoga (als Randgeschehen einer Party) bereit, mich heimzufahren. Sie verfügte frei über das Auto ihrer schottischen Mutter, die als Kind auf einem Atoll in der Südsee gelebt hatte. Margaretes schottische Großeltern waren ein Hochglanzpaar, aktiv auf beiden Seiten des Geschehens. Sie waren Stars, die Stars fotografierten. Sie segelten und tauchten sehr dekorativ. Stets fotografierten sie sich, wie sie segelten, tauchten, filmten und fotografierten. Der Glamour reichte für die Versprengten in der hessischen Provinz. Alles war in dieser Familie überdimensioniert. Vor meiner Haustür wurde Margarete zärtlich, obwohl sie mit Ben zusammen war und es zwischen Ben und mir starke Spannungen gab. Es fühlte sich nicht richtig an. Trotzdem machte ich weiter. Ich neigte zum Selbstbetrug sowie zu Secondhandlösungen.

Ich war schon ein paar Mal der Trostpreis und letzter Mann an Bord gewesen und hatte deshalb einen Begriff von Notlösungen und anderen Peinlichkeiten.

Margarete hatte noch nicht genug von mir. Sie kannte meine Verhältnisse gut genug, um das Naheliegende erst gar nicht zu erwägen. Es war noch nicht Mitternacht an einem Wochentag im Mai, als wir in Margaretes Bett landeten. Als ich sie fragte, was es für sie bedeuten würde, entgegnete Margarete: „Leben.“

Ich glaube, sie war sehr stolz auf ihren Einfall.

Das war etwas, was sich herumerzählen ließ. Dann fragte er mich, was es für mich bedeuten würde, und ich sagte einfach Leben. Er hat ganz schön blöd geguckt.

Leben hieß: Ich habe mich nicht in dich verliebt.

Jahre später traf ich Margarete auf einem Hochschulfest. Sie lebte nicht mehr in Kassel und trug so dick auf wie manch andere auch, die gerade dabei war, sich in einer anderen Stadt zu verlieren. Heute erinnert man sich nur noch an die Sieger*innen. Tatsächlich sind ganz schön viele auf der Strecke geblieben.

Margarete sah aus wie Gudrun Landgrebe in der Flambierten. Sie war aufgekratzt und ein bisschen zu lustig für das Angebot vor Ort. Da waren doch nur wir.

Sie stellte den Überschwang der Kassel-Besucher*innen zur Schau. Es gab einschlägige Allüren und ein Programm mit dem Herkules im Morgengrauen.

Margarete sagte: „Ich hätte dich damals nicht einfach gehen lassen dürften. Wir waren noch nicht fertig miteinander.“

Ich verstand Margarete so, dass sie ein Naturerlebnis wollte, ohne dass großartig etwas aufgefahren werden musste. Selters statt Sekt. Ich war daran gewöhnt, dass solche Nachträge zwar einer mir unverständlichen Logik folgten, jedoch stets reibungslos über die Bühne gingen. Sie kamen oft genug vor, um eine eigene Routine zu haben. Plötzlich vollzog sich all das federleicht, was einst nach grotesken Verläufen bescheuert geendet hatte. Solange ich Schüler gewesen war, war keine meiner Liebesgeschichten gut ausgegangen.

Es gab die Variante, dass man nach zwanzig Jahren Gleichgültigkeit zu der Überzeugung fand, jeder weitere Aufschub sei sträflich; es müsse sofort passieren.

Ich war in Kassel geblieben. Das machte mich zum Eingeborenen.

Meine Existenz bot sich ethnologischen Spekulationen an. Sie provozierte eine elegisch vorgetragene Standardverlogenheit:

„Manchmal frage ich mich, wie es mir ginge, wenn ich auch in Kassel geblieben wäre.“

Ich bin sicher, dass Margarete sich das nie fragte, so wie sie nie daran zweifelte, mir mit ihrem ganzen Auswärts haushoch überlegen zu sein.

Wir fuhren in die Kohlenstraße, wo ich mit Katrin eine Wohnung teilte. Ich stellte mir vor, dass man über mich in einer bestimmten Weise redete und ich wollte niemanden enttäuschen. Schließlich schob ich zwei Oetkerpizzen in den Ofen.

Margarete erschien wie eine Hindugottheit in der Küche. Sie präsentierte sich Katrin. Meine Mitbewohnerin kam aus Paderborn und verstärkte das Kontingent der lustlos-angehenden Sozialarbeiter*innen.

Sozialarbeiter war fast ein Schimpfwort, die sinnlosesten Typen trieben sich in der Sozialarbeit herum. Sozialarbeit war das Hartz IV. unter den Studienfächern. Katrin passte dazu wie der Schwamm ins Bad. Sie war mausgrau, hatte unansehnliche Zähne, einen beachtlichen Bierbauch und einen leichten Tremor.

Katrin und ich verstanden uns gut.

11:29 26.06.2019
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