Leserbriefe lesen I

Sibylle Berg Iris, Jörg und ich lesen Leserbriefe zu den letzten Kolumnen von S.B.
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Der Leserbrief als Quelle der Erheiterung

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Bildnachweis: sofatutor.de

Gestern war wieder so ein Tag. Um halbzehn kriege ich einen Anruf, wir kommen gleich vorbei. An sich geht das nicht. Man kann mich nicht einfach besuchen. Doch gibt es Ausnahmen. Mir gegenüber nehmen Iris und Jörg (seit fünfunddreißig Jahren ein Paar) ungezwungen eine Widerstand-ist-zwecklos-Haltung ein. In größeren Runden verbreiten sie ungefragt den Wir-kennen-uns-schon-ewig-Text. Dazu gehört die sachliche Einlassung:

Den kannten wir schon, als der noch nicht verknattert war.

Die große Bedeutung, die das ewig für uns drei hat, verbergen wir voreinander so gut wir können.

Dann sind Iris und Jörg da, Jörg hat alles mitgebracht, das hat mit Misstrauen gegenüber meiner Haushaltsführung nichts zu tun. Iris und Jörg sind so speziell, dass kein Frühstückstandardverfahren mit Aldisachen in Frage kommt. Ich rauche auf dem Balkon, ja, sogar ich habe mir das Rauchen in meiner Wohnung verboten. Wenigstens rauche ich noch, während Jörg Tee kocht, mit Kaffee kannst du ihn jagen, und Iris auf Spiegel Online gucken geht. So viel Trash muss sein, auch wenn man ein superbewusstes Leben führt.

„Oh“, sagt Iris, „die Sibylle Berg hat wieder eine Kolumne geschrieben.“

„Dufte“, antwortet Jörg in seiner Eigenschaft als Liebhaber alter Jugendwörter wie knorke und flockig. Die Kolumne erscheint turnusmäßig zu spät.Sibylle Berg hatte eine kurze Schreibblockade, das wissen alle. Nun kreißt die Berg wieder.

„Was schreibt die denn?“ frage ich.

„Warte, gleich“, antwortet Iris. Sie fröstelt demonstrativ, das richtet sich weniger gegen die offene Balkontür als vielmehr gegen das Rauchen.

Ich kenne Iris und Jörg seit dreißig Jahren. Ich kam aus dem Wald, fuhr über den Lohrberg ab und schleifte durch den Günthersburgpark. Das letzte Grün vor dem ersten Bier. Meiner Beobachtung bot sich ein Budoka mit guten Bewegungen an. Jörg war eine Kreuzung von Kämpfer und Hippie, das sah ich sofort. Er verkörperte die für mich befremdlichste Variante im Spektrum – den Heiler. Ich bin so n Typ, der hasst Heiler. Esoteriker. Illuminierte Erdmännchen. Vermutlich sah ich Jörg eine Spur zu überheblich bei seinem Training zu, er reagierte umgehend mit Gesprächsbereitschaft. Jörg kam vom Hapikdo und hatte einen sehr spirituellen, seine Schüler ganzheitlich auffassenden und einweisenden Meister. Jörg und ich schoben unsere Räder auf die Rohrbachstraße zum alten „Café Läuft“. Es war warm, man saß draußen, wir tranken Weizen, beide Kristall. Eine einwandfreie Sache nach einem Tag voller Energiearbeit. Wir waren beide aufgeladen und fanden es irre, den Tiger im anderen wahrzunehmen. Wir verabredeten uns zum gemeinsamen Training bei Jörg vor der Tür. Iris und er wohnten in einem Gartenhaus, das seine ursprüngliche Umgebung an Kopfsteinpflaster verloren hatte. Das Gartenhaus war ein Traum mit Wein überwachsen, verwunschen im Frankfurter Nordend, mit diesem schnuckeligen du kommst durch die Tür und stehst in der Küche. Hammer.

Ich sehe Jörg mit der Gitarre, ein bisschen peinlich ist das schon, Jörg sieht aus wie ein Wikinger und will auch einer sein. Und trotzdem außerdem Hippie und Heiler und Furz und Feuerstein.

Iris war Erzieherin, das war für mich exotisch. Ich beneidete Jörg um Iris, sie war genau mein Typ. Klar - und reduziert aufs Wesentliche. Dazu Feldenkrais, Yoga, Gong-fu. Iris erzählte, dass manche Kinder sie beschimpften. Sie beschrieb die Kinder als Durchreiche erwachsener Missachtung. Brandstifter und -beschleuniger seien Väter. Iris stand den Krippenspielen längst fern, sie war auf dem Sprung, Jörg und Iris lebten das komplette Programm mit Zen-Kloster und Dingsbumsmedizin.

Sie kriegen mich manchmal so hin, dass meine von viel zu viel Sport verschlissenen Knie halten. Dann schaffe ich zwei große Schlossparkrunden. Im inneren Schlosspark von Niederschönhausen sind wir uns übrigens wiederbegegnet, Iris und Jörg haben in Berlin ihre eigene Schule, die eigentlich eine Familie ist. Sie sind Europa weit aktive Gurus. Seit dem Wiedersehen im Park treiben wir gemeinsam Sport, so nenne ich das. Iris und Jörg sind über Sport hinaus. Die turnen auf der Metaebene.

Jörg schenkt seiner Frau Tee ein, Iris runzelt die Stirn.

„Ich habe das Gefühl“, sagt Iris, „die Sibylle schreibt seit drei Kolumnen immer das Gleiche. Die ist auf repeat.“

„Das glaube ich nicht“, widerspricht Jörg, bevor er selbst liest.

„Doch, Iris hat recht. Die Siby braucht Retreat.“

Jörg beugt sich ganz und gar so über Iris, dass er mitlesen kann.

„Was schreiben denn die Leute?“ frage ich.

Ich finde Leserbriefe oft interessanter als den Artikel. Die Macken der Menschheit offenbaren sich in Leserbriefen am besten.

Iris macht sich nicht gern über Leute lustig, das ist ein Problem von ihr. Deshalb sind Leserbriefe für sie heikel.

Natürlich geht es irgendwie um Terror und den Islamischen Staat in Bergs Kolumne. Der erste Leserbriefschreiber nennt sich Taglöhner. Er scheint der Veröffentlichung förmlich entgegen gefiebert zu haben. Taglöhner hat einen tollen Titel für seinen Leserbrief – Kranksta-Rap für Grünschnäbel.

Das erinnert (vielleicht nur zufällig) an Feridun Zaimoglus Kanakster Rap. Ob Taglöhner Zaimoglu infam in die Nähe des Islamischen Staats rücken will?

Ich lese euch den Brief schnell vor. Er ist nicht lang. „Sinnsuche, schreibt Taglöhner, ist seit Darwin ohnehin Quatsch. Ursachen für die kollektive, infektiöse Psychose, unter der die Dschihadisten leiden, zu finden und nach Rezepten zu suchen, wie man die Symptome lindern kann, ist hingegen Gebot der Stunde. Das globale Brainstorming krankt aber daran, dass zu viele Leute monokausal denken, was notgedrungen zu unangemessener Diffamierung von Argumenten führt. Wenn man wenigstens mal den betroffenen Kids bewusst machen kann, wie naiv, uncool und daneben sie sind. Die damit trockengelegten unheilbar Kranken und die autistischen Strategen bekommen wir repressiv leicht in den Griff.“

Ich sehe, wie viele Mühe Iris hat, sich das Lachen zu verkneifen. Sie will sich doch gar nicht über solche Leute lustig machen. Ich überlege, wer wir sein könnte, welche Tresenmannschaft ohne Ehrgeiz. Erst hatte man kein Glück und dann kam Pech dazu.

Man nennt sich Taglöhner oder Grashalm oder Tauem, weil man in seinem Leserbrief etwas zugibt, dass man als Max Schnulze nicht gesagt haben will.

Ich frage mich, wie so einer wohnt. Wer so einen Taglöhner beschäftigt. Jörg und Iris sind von Taglöhner peinlich berührt, das geht schon Richtung Fremdschämen.

„Haben wir noch was Lustiges?“, frage ich.

Morgen mehr.

05:40 23.11.2015
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