Liegengebliebene Barbaren

Literatur Eine Reise ans Ende der Nacht mit zwei Autoren: Sjón/ “Der Junge, den es nicht gab”// Andrzej Stasiuk/ “Der Osten”
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1918 wird “Fram Reykjavík” zum sechsten Mal in Folge isländischer Meister. In der öffentlichen Wahrnehmung wiegt der Sieg schwerer als das Ende des ersten Weltkriegs. Island gewinnt sich als Königreich im Geist von Ingólfur Arnarson, der zur Hochzeit der Wikinger Reykjavík gegründet hatte. Eine Pandemie erfasst die Insel im härtesten Winter aller Zeiten, auch die Spanische Grippe bricht alle Rekorde. Vulkan Katla meint, da geht aber noch was und bricht aus. Vor Asche & Nebel rückt Sjón (Sigurjón Birgir Sigurðsson) die Geschichte eines Waisenknaben.

Máni wohnt am Skólavörðuholt. Der Skólavörðuholt ist ein Vulkan im Ruhestand, Máni lebt auf einem kalten Lavafeld.

Der Grippe Ernte wird auf Karren fortgeschafft. Das große Sterben berührt Máni nicht. Man zieht ihn heran. Verhaftet von einer milden Form der Zwangsverpflichtung, räumt er Leichen ab.

Sjón erlebt im Augenblick seinen Roman in keiner anderen Perspektive als ich. Wir hören beide einem Schauspieler im Deutschen Theater zu. Der Schriftsteller trägt ein Großkarosakko der Olsenbande, er sieht aus wie ein Stummfilmstar.

Máni vereinsamt. Ganz allein bleibt er nicht. Sóla erscheint wie ein Schutzengel auf ihrer Indian. Ihr Stil versöhnt den Kumpel mit der Femme fatale.

Frost schlägt alles zusammen. Die Influenza frisst Kinder, Sóla geht in Filmkostümen unter die Leute. Das Kino gestattet eine philosophisch unbetrachtete Hemmungslosigkeit. Man darf der Leinwand voll in ihre Gesichter sehen. Das löst die Scham.

Máni folgt dem Arzt Garibaldi in Fluchten des Elends. Ich folge Andrzej Stasiuk Richtung Osten. Wir erreichen den Großraum der Niedrigen Beskiden, der Autor sortiert den Ramsch einer devitalen LPG nach Gerüchen der Kindheit.

Er bemerkt von Fett imprägniertes Sperrholz. Von Fett sedierte Komsomolezen - Stasiuk beschreibt das Paradox beweglicher Erstarrung. Sein Ostblock erinnert (ihn) an versteinerten Speck. Die Leute können da nicht aufhören: Schlange zu stehen. Immer waltet einer archaisch-bestimmend über ihnen wie in Erfüllung einer Präriepräambel.

Stasiuk schreibt psychedelisch. Er geht über Leichen von Polen auf China zu. “Moderne Kulis” an einem ruralen Rand des aufgelassenen Imperiums verweigern leger ihren Missionen das sklavische Gepräge. Die abgelebte Sowjetgesellschaft bleibt in gigantischen Hohlformen und Eternit-Gravrøys an der Grenze zurück.

Sie “lebte ... heimlich, bereit, mitten in einer Geste zu erstarren” - Wann immer Stasiuk eine “Siedlung städtischen Typs” erreicht, betreibt er Architekturarchäologie und archiviert die älteren Schichten.

“Sabaikalsk wirkte wie eine große Ruine. Alles war grau und verstaubt.”

“Krasnokamensk erwies sich als totales Kaff. Die Stadt war im Schatten eines Uranbergwerks errichtet worden. Sie war grau und verstaubt.”

Grau und verstaubt - Mirnaja gleicht einem geräumten Heerlager. Skelettierte Silos. Rauchende Bauschutthalden. Das Halbfertige und vor der Vollendung Ruinierte als Menetekel. Eine humane Schrumpfform auf dem Grat zwischen Niedergang und Niederkunft. Das Sowjetische erscheint Stasiuk hanebüchen. “Ich erinnerte mich an den unablässigen Niedergang, an dem ich teilgenommen hatte. Die sechziger, die siebziger Jahre. Die Wirklichkeit sah aus, als wäre sie verbraucht. Sogar den Kommunismus bekamen wir, als er schon angeschlagen war. Sie schickten ihn her, als man schon wusste, dass er nie funktionieren würde”.

Stasiuks Mutter rühmte die “blanken Stiefel” der deutschen Gebieter, die weich requirierten. Anders als “die Russen”, die im Steppenflow mit Mist am Haken eintraten, “Hühner zusammen mit dem Gefieder kochten, am Arm drei Uhren”.

Garanten von Furcht und Vertreibung waren die Sowjetsoldaten den Stasiuks gleich neben Treblinka auf den killing fields der SS. In bösartig gärenden (gähnenden) welthistorischen Prozessen, in einer “Landschaft, in der die Zivilisation versickert wie Wasser im Sand” und “gegen den Strom der (westwärts fliehenden) Zeit” zur verschobenen Masse gehört zu haben, lässt den Autor über das Format von drei, vier Generationen Familienerfahrung hinaus halluzinieren. Er sieht wandernde Völker mit dakischem, illyrischem und thrakischem Erbe, lateinisch angeschmiert (“ein mit einem Hauch von Latinität geschminktes (wie (nach dem eigenen) Vieh) stinkendes Gesindel” E. Cioran) auf tausendjähriger Trebe russifiziert, immer kurz vor Versklavung, “Bodensatz der großen barbarischen Invasionen”. Im letzten Zusammenbruch besiedeln die entkräftigten Nomaden gelinde Erhebungen der Karpaten (die Niedrigen Beskiden). Die Kämme bieten Aussichtspunkte für Stasiuks rhapsodische Recherche du temps perdu.

Zwischen Findlingen liegengebliebene Barbaren - Stasiuk reist vom Bug via Irkutsk, Nowosibirsk, Tschita nach Ulan Bator in die Monogolei.

“Gleichgültige Blicke, reglose Gesichter. Genauso müssen sie (die Mongolen) vor siebenhundert Jahren ausgesehen haben, als sie von ihren Sätteln herab auf die vor Schreck erstarrten Bewohner der unterworfenen Gebiete blickten”.

“Welche Strecken du auch zurücklegst, du kommst nie an.”

Der Autor teilt diese Erfahrung mit Hitler, Napoleon und meinem Opa, der noch zu Filbingers Glanzzeiten im Osten siedeln wollte und die Sache im Grunde seines Herzens nur für aufgeschoben hielt. Stasiuk hält es für möglich, dass (auch) diese Überwältigungserfahrung als Erinnerung überflüssig werden könne. “Ich wollte allein sein mit meinem Schicksal unter vier Augen”. Auf der einen Seite das Grauen und auf der anderen das Vergessen.

Sjón, “Der Junge, den es nicht gab”, aus dem Isländischen von Betty Wahl, S. Fischer Verlag, 160 Seiten, 17,99,-

Andrzej Stasiuk, “Der Osten”, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Suhrkamp, 296 Seiten, 22,95,-

09:30 24.05.2016
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