Linien – Legenden – Legierungen

Trent Leslie Cooper Jedes Dorf wurde global gedacht, London war ein einziger Informationscounter.
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Ex-FBI-Direktor James Comey erzählt, wie er zum ersten Mal Trump am Resolute Desk im Oval Office wahrnimmt. Der frisch Inthronisierte lässt seinem Hass auf Obama freien Lauf. Er steht im Begriff die persönliche Note des Vorgängers zu killen.

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„[16. März 1857] Meine Familie väterlicherseits scheint mir keinesfalls aus Verwandten zu bestehen. Es sind gute Leute, die ich in einer Postkutsche kennengelernt haben könnte, aber es war falsch, mich mit ihnen zu verbinden.“ Journal des Goncourt

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„Je klüger der Mensch, desto weniger ist er darauf gefasst, dass eine simple Kleinigkeit ihm zum Verhängnis wird.“ Dostojewski

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Ex-FBI-Direktor James Comey erzählt, wie er zum ersten Mal Trump am Resolute Desk im Oval Office wahrnimmt. Der frisch Inthronisierte lässt seinem Hass auf Obama freien Lauf. Er steht im Begriff die persönliche Note des Vorgängers zu killen. Comey sitzt ihm gegenüber und hört sich an, wie Trump in Erinnerungen an Putin schwelgt, der angeblich mit ihm auch über Sexarbeiterinnen sprach.

„Wir haben ein paar der schönsten Huren der Welt“, soll Putin zu Trump gesagt haben.

Wen interessiert das. Entscheidend bleibt, dass Putin dazu beitrug, Trump an die Macht zu bringen. „Ein aggressives Russland“ installierte ein politisches Irrlicht auf dem amerikanischen Thron mit den Methoden von Cambridge Analytica (CA).

Christopher Wylie, der CA als sein Baby empfand, erklärt:

„Um eine nicht-kinetische Waffe zur … Dekonstruktion (einer) allgemeinen Wahrnehmung zu entwickeln, muss man zuerst genau wissen, was Menschen motiviert.“

Wylie unterscheidet die Nutzlast von Träger- und Targeting-Systemen. Im Informationskrieg ist die Nutzlast nicht kinetisch wie etwa der Sprengstoff einer Rakete. Sie kann ein Gerücht sein, das mit einem mehrheitsfähigen Narrativ koinzidiert. Jemanden unanständig, zynisch, misogyn und/oder homophob zu nennen, entspricht dieser Kombination von Mutmaßung und Kultur. Optimierung bedeutet, jenen Text zu destillieren, der die größte Sprengwirkung erzielt.

Was zuvor geschah

An manchen Tagen nahmen wir zehn Millionen Dollar ein. Nicht nur Akteure der Trump-Liga beschworen uns, ihr Geld zu nehmen, sondern auch die Roy Blunts und Tom Cottons dieser Welt. Wir waren so übersteuert, dass wir es nicht nötig fanden, jedem etwas anderes zu erzählen. Wir hatten einen Standardtext, den wir vor allem June abspulen ließen. Sie figurierte als Verkörperung des Big Business. Sie war aber auch eine Cheerleaderin des Nonsens. Wir wollten so viel Unsinn wie möglich verbreiten. Wir unterstützten feministische Kampagnen, während wir gleichzeitig Evangelikale im Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aufrüsteten.

Globale Strategien

Notdürftig abgedeckte russische Regierungsstellen wollten wissen, was Leute in Ohio oder Indiana von Putin hielten. Jedes Dorf wurde global gedacht, London war ein einziger Informationscounter. Wir entdeckten pro-russische Hillbilly-Nester und so abgesunkene Migrationsgeschichten wie man sie sonst nur mit Französischstämmigen in Louisiana assoziiert.

Linien – Legenden – Legierungen

Obwohl es im US-Süden ältere Legierungen gibt. Die Spanier waren da vor den Franzosen am Start. Es gab spanische Schübe durch die Jahrhunderte, einen Kulturtransfer mit klandestinen Abteilungen. So formierten sich Exklaven, geistige Barrios.

In der freien Welt darf man den Feind offen wertschätzen. Niemand denkt sich was dabei, wenn sich jemand irgendwo in Arkansas als Putin-Versteher zu erkennen gibt. Vielleicht deutet sein Familienname etwas an. Sagen wir, der Mann heißt Edgar Breschinski. Was denken Sie jetzt?

Ich heiße Luther Longstreet. Was sagt ihnen das?

London in der Ära von Theresa May als Innenministerin. Sie hielt den Kontakt mit dem A-Team für eine bessere Welt via Stephen Parkinson. Stephen schleppte dann Edgar an. So ging das los, bei ein paar Drinks in den Fetischkostümen der Macht. Es gab keine traditionellen Polit-Plattformen mehr. Milieuanalysen halfen kaum, Übereinstimmungen zu verstehen. Wir befragten Wähler*innen der Liberaldemokraten. Da fanden zum Beispiel ein Landwirt in Norfork, dessen konservatives Repertoire offensichtlich erschien, mit einem fashionvisionären Kombattanten im Kulturkampf von Shoreditch und ein Professor in Cambridge auf der Präferenzschiene zusammen.

Aber was verband sie?

Ich mache es kurz. Tatsächlich einte sie ihr psychologisches Profil. Alle drei waren offen, exzentrisch und verbohrt. Offen übrigens in der Kombination mit eher unverträglich.

Wir mussten lernen, geo- und demografische Informationen neu und vorderhand paradox zu verknüpfen. Gegensätze und Gemeinsamkeiten verbargen sich hinter den alten Hauptmarken, die ihre basale Aussagekraft im Spektrum von Stadt – Land, reich – arm, gebildet – ungebildet etc. eingebüßt hatten.

Der gemeinsame Nenner war die Betrachtungsweise. Wir erhoben sie nach dem Fünf-Faktoren-Modell zur Geschäftsgrundlage.

Ich habe jetzt nicht die Zeit, Ihnen vorzurechnen, wie Data Mining funktioniert und wie viel psychologische Manipulation hinter der Wahl von Trump und dem Brexit-Referendum steckte. Es war ein Zusammenspiel von Facebook, WikiLeaks, russischen Diensten und Hackern aller Gewichtsklassen.

Identität ist eine Ware im digitalen Datenhandel. Wir tanzen alle nach der Algorithmen-Pfeife. Ein Smashpoint war, einen Kanal schiffbar zu machen, der politisch noch nie genutzt worden war. Wir starteten eine Graswurzler-Revolution als Basis für basales Engagement. Man konnte sich mit einer kleinen Sache ohne nennenswerte Reichweite einklinken und wurde zielgruppengerecht versorgt.

Vermutlich gab es Trump nur deshalb in der Präsidenten-Edition, weil er, wenn auch als Farce, eine Welt verkörpert, die von Tag zu Tag unwirklicher wird, ohne dass wir uns von ihr einfach so verabschieden könnten. Er ist so gruselig wie Camping an einem umgekippten See.

Wir brauchen aber den sozialen Sauerstoff von gestern. Wir sind noch nicht bereit für eine Zukunft, die uns längst hinter sich gelassen hat.

Trump beweist den Selbstbehauptungswillen eines Fossils. Solange es ihn gibt, gibt es uns. Er zwingt seine Umgebung dazu, sich von der Vorstellung zu emanzipieren, dass US-amerikanische Staatschefamt sei so verfasst, dass jeder Inhaber von staatstragenden Bindungen gehalten wird.

Während Trump wie der Elefant im Porzellanladen herumstümperte, vollzog sich eine Verschiebung der Macht aus den Lagern der Legitimation in den viralen Untergrund. Bereits im August 2014 verfügten wir über den Informationswert von mehr als neunzig Millionen Facebook-Konten, um damit ohne Mandat und Aufsicht Geld & Politik zu machen. Wylies Coming-out als Whistleblower zog 2018 die aufwändigste Untersuchung von Datenkriminalität nach sich, die es bislang gab. Der amerikanische Sonderbeauftragte Robert Mueller klagte dreizehn russische Staatsbürger an. Verschwörung lautete ein Vorwurf.

Denken Sie an den Stunk im Weißen Haus. Trump überlebte den Vorwurf, via Landesverrat Präsident geworden zu sein, vermutlich nur, weil die anglo-amerikanische Intelligence Community ein Blowback* vermeiden wollte.

„Als Blowback (englisch für Rückstoß) wird in der Fachsprache der Geheimdienste der unbeabsichtigte Effekt bezeichnet, bei dem inoffizielle außenpolitische Aktivitäten oder verdeckte Operationen später negativ auf deren Ursprungsland zurückfallen.“ Wikipedia

Der Bahnsteig im Nebel

„Der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben wurde“, sagt Heiner Müller. Bevor wir jemanden rekrutieren, graben wir seine Toten aus.

Bleiben wir bei Edgar Breschinski. Er weiß, was er dem Hunger seiner Kindheit und Jugend verdankt. Die Fähigkeit im Atmen und Schauen (kompensierend) Sensationen zu entdecken, kommt direkt aus dem Delirium der Armut. Der Heranwachsende saugt das Leben durch die Nasenflügel ein. Er treibt sich herum und beobachtet obsessiv. In allem erscheint er maßlos. Er geht Frauen nach und sucht Gelegenheiten. Die äußeren Umstände bilden ein besonderes Faszinosum. Edgar ist ein Liebhaber obskurer Schauplätze.

Von allem fühlt sich angesprochen. In der Hierarchie seiner Aufmerksamkeit rangiert der anonyme Frauenhintern jedoch an erster Stelle. Die Zufälligkeit der Ansicht steigert den Reiz. Edgars Leidenschaft dreht sich um die fremde Frau. Der Aktivist in seinen mittleren Jahren spiegelt sich in dem adoleszenten Hungerhaken, der einer Frau nachjagte, etwa auf einem schlecht beleuchteten Bahnsteig nachts in ... Nebel dramatisiert die Szene. Das könnte so in einem Drehbuch stehen: Außen/Nacht – Ein Bahnsteig im Nebel.

Das sind Konstanten wiederkehrender Konstellationen so wie die Komponenten eines Fetisch-Arrangements: Die fremde, von einer Not ergriffene/angegriffene Frau, der freibeuterische Mann, die Verfremdung oder Dramatisierung einer Alltagssituation.

Edgar verlässt Arkansas in seinen Zwanzigern und lässt sich in London nieder. Er heiratet die schottische Malerin Jodie Memphis-Junior ...

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Republikanischer Fürst

Das Alpha-Team für eine bessere Welt kollaborierte mit der Forschungsabteilung von Jet Wing und hielt wissenschaftliche Tuchfühlung zu diversen Abteilungen in Oxford und Cambridge sowie zur CIA-Fernmeldeaufklärung - Communication Intelligence, kurz Comint.

Mich bestimmte das Gefühl eines universellen Kontrollverlusts. Ich nahm mir jeden Morgen vor, nüchtern zu bleiben und abends um neun zu Hause zu sein, und wusste doch schon nachmittags um fünf, dass ich wieder einmal sonst wo versacken würde.

London fieberte im Technotaumel. Der Lärmpegel in den Clubs war so hoch, dass man einfach vor sich hin schreien konnte, ohne Störungen zu verursachen.

Den Vogel schoss die graue Eminenz eines republikanischen Fürsten ab. Dick Mullholland wollte, dass wir ein Programm zur Förderung der Wahlabstinenz von Minderheiten entwickelten. Seither trägt die Infamie den Namen dieses Mannes.

Ritter der freien Welt/Paranoiaproduktion

Wir sollten Wähler von der Stimmabgabe abhalten. Das war der erste Tiefpunkt in unserer zur Verherrlichung des Feminismus gegründeten Agentur. Damals glaubte ich, nicht weiter sinken zu können. Doch dann schlug mir Rudy Giuliani auf die Schulter und erklärte mich zum Ritter der freien Welt.

In dieser Rolle gab ich dem Schlechtesten in euch allen Raum. Gemeinsam mit dem A-Team für eine bessere Welt dachte ich Stanley Milgram weiter. Die Mullhollands liebten es, wenn Protagonist*innen der Diversität für sie Programme zur Bearbeitung von Minderheiten projektierten. Unsere Londoner Dependance war eine hochkarätige LSBTI-Zentrale. Dick betrachtete seine Opponent*innen mit den gebügelten Augen eines Friedenshais. Er nahm sogar die sexuelle Offerte eines unserer freidrehenden Praktikanten an.

Vom Feind verführt

So was erzählte man sich in gewissen US-amerikanischen Kreisen wie Kriegsgeschichten. Nicht wenige Projekte starteten unter dem Deckmantel des zivilgesellschaftlichen Engagements und waren doch nichts weiter als Einmischungen in staatliche Angelegenheiten.

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Wasserfallartige Überschüsse

Nicht wenige glauben, dass schlimme Dinge aus bestimmten Gründen passieren. Die Just-world hypothesis „bezeichnet eine generalisierte Erwartung, dass es in der Welt grundsätzlich gerecht zugeht und dass Menschen im Leben das bekommen, was ihnen zusteht“. Wikipedia

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Das kognitive Vorurteil stabilisiert eine Tendenz, die sich ausnutzen lässt; etwa um Opfer sexueller Attacken zu belasten und im Gegenzug die Täter zu entlasten. Bei Empfänglichen verfestigt sich in diesem Diskurs die Vorstellung, dass Unschuldigen nichts passieren könne.

Wir hatten schon die Paare Hilfe & Ablehnung* und Aufklärung & Dünkel**. Nun also Opfer & Schuld.

*Leute, die sich selbst beweisen wollen, dass sie nicht rassistisch fühlen, bewerten Gruppen, denen sie zutiefst skeptisch begegnen, besonders positiv. Sie helfen Personen, vor denen sie Angst haben.

**Leute, die sich für besonders aufgeklärt und gerecht halten, betonen in bestimmten Konstellationen ihre soziale Überlegenheit.

Wir extrahierten die unterschwelligen Vorurteile in den Rotweinanalysen, die wir vor allem in hochmodernen Wohnküchen verorteten. Niemand hat sie je besser zusammengefasst als Michael Gerson in der Formulierung: „Die sanfte Bigotterie geringer Erwartungen.“

Antagonistische Cluster

Uns interessierten die Kontaktpunkte zwischen den Ressentiment-Regimes. Überhebliche Demokraten, die von Minderheiten erwarteten, dass sie als Moralhäuptlinge wahrgenommen wurden, hatten vorderhand nichts gemeinsam mit Protagonist*innen eines Milieus, in dem der Minirock des Opfers eine Vergewaltigung bis zur Rechtfertigung erklärte.

Wir vom Alpha-Team für eine bessere Welt glaubten aber beweisen zu können, dass sich aus den Inhaber*innen der verschiedensten Vorurteile eine gleichgestimmte Wählergemeinschaft bilden ließ. Man überließ uns sehr viel Geld mit der Erwartung, Zugriff auf eine Gleichschaltung antagonistischer Cluster zu erhalten.

Ein Verbindungsstein war die religiöse Überzeugung. Es gab Christ*innen auf der Seite der Just-world hypothesis-Anhänger*innen und bei den Aufgeklärten. Die Meinungsgegner*innen kamen auf einer Brücke zusammen, die Gott hieß. Dieser Zugang führte zu einem Tor, auf dem Prädestination stand. Die Aufgeklärten teilten mit den Selbstschuld-Adept*innen die Idee, einen Anspruch auf das gute Leben zu haben. An dieser Stelle grassierten die Koinzidenzen. Die Unterschiede verschwammen bis zur Bedeutungslosigkeit. Gruppen, die sich im Alltag komplett konträr wahrnahmen, erlebten sich in dem gemeinsamen Glauben an ihre Vorrechte als einander fast familiär zugehörig.

Beide Gruppen definierten ihre Vorrang-Positionen in Abhängigkeit von ihrem Lebensstil. Sie taten das Richtige und deshalb geschah das Richtige. Das war ihre Überzeugung.

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Wasserfallartige Überschüsse

„Die falsche Vorstellung, dass Gefühle etwas Intimes sind.“

„Wir wissen alle, was eine Emotion ist, bis wir gebeten werden, sie zu definieren.“

„Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und echtem Gefühl. Wie kam es zu dieser Unterscheidung? - die in vielen Kulturen überhaupt nicht stattfindet. - Dies als eine Frage der Emotionsgeschichte als keimende Wissenschaft.“

Jan Plamper

Irgendwo spricht Jan Plamper von einem „Emotionsstau infolge von Hyperempfindlichkeit im 18. Jahrhundert“.

Wir redeten ständig über Gefühle, June und ich. Gefühle waren unser Gold. Wir spekulierten auf die Gefühle von Leuten, die sich aus Ressentiments seelische Bretterbuden gezimmert hatten, und dazu verurteilt waren, in den Trailer Parks ihrer Ohnmacht dahinzuvegetieren. June kam aus der Depression einer nordenglischen Bergarbeiterstadt, die in der Keimzeit des britischen Neoliberalismus gegen die Wand gefahren worden war. Sie war in einer sterbenden Gemeinschaft aufgewachsen. Die proletarische Kultur betrunkener Altvorderer gehörte zum Hörensagen. Wettbüros, Spielhallen und Telefonläden okkupierten traditionelle Schauplätze einer im Verschwinden begriffenen Lebensform.

Angeblich hatte alles, was gut war, vor Junes Geburt stattgefunden. In der Zwischenzeit ihrer Jugend grassierte ungebremst das Böse illegaler Hundekämpfe, Drogengeschäfte und Autoschiebereien. Süchtige starben unbeachtet im öffentlichen Raum. Der Gesellschaft fehlte die zentralisierende Kraft, sich eine neue Ordnung zu geben.

June migrierte in die Ölmagnatensphäre. Jahre profitierte sie von den wasserfallartigen Überschüssen eines kasachischen Tycoons. Der Mann war eine Mischung aus Magier, Militär und Milliardär. Er legte sich Sportmannschaften zu und setzte Kleinstädte mit pompösen Alleinstellungsmerkmalen auf die internationale Karte. Jetzt war Juni Chefin der Osteuropaabteilung des Alpha-Teams für eine bessere Welt.

Täglich gingen wir gemeinsam die Punkte unseres Selbstwohl-Programms durch. Wir konnten uns riechen und hatten eine Basis, die ausbaufähig war.

Posttraumatische Belastungsstörung

Eines Tages platzt Trent in eine Diskussion. Ihn empört, dass US-Militärpsychiater bei Ranald Slidell Mackenzie postum eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert haben. Seines Erachtens gibt es diese Krankheit erst, seit jemand so einfallsreich war, die simpelste Verschwörung der Verstörung so zu nennen.

„Alles Quatsch“, sagt Trent.

Sie wissen hoffentlich, dass Mackenzie ein Mann des 19. Jahrhunderts war. Er befehligte das IV. US- Kavallerie-Regiment in der Schlacht am Palo Duro Canyon, die von vernünftigen Historiker*innen als Massaker an der ursprünglichen Bevölkerung bezeichnet wird. Das Ereignis markiert das blutige Ende eines Jahrhunderte aufrechterhaltenen Widerstandes. Mackenzie verfiel dem Wahnsinn noch in seiner Zeit als Reservatchef in Oklahoma. 1883 erfolgte seine stationäre Unterbringung.

War vermutlich höchste Zeit. Trent erwartet Widerspruch. Wir sollen als Banausen Beispiele für posttraumatische Belastungsstörung schon bei den alten Griechen hervorkramen.

Trent hält uns alle für verblödet. Es ist nicht immer einfach mit ihm.

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Aversiver Rassismus

So wie sich die Kehrseite toxischer Männlichkeit als Vulnerabilität darstellt, so ist die Kehrseite weiß-dominierter Nachbarschaftsgewissheit die White Fragility, in der Vorurteile aversiv abgehandelt werden. Man trägt seinen Rassismus nicht nach außen, sondern hält sich in der Homogenität zutiefst bedeckt. Man betont eine farbenblinde Zugänglichkeit. Die kognitive Dissonanz erlaubt es den Akteuren nicht, ihr pseudoempathisches Repertoire so zu lesen, dass ihnen ihr Rassismus offenbar würde.

Sie verhehlen sich erfolgreich das Ressentiment. Im Gegenzug explodieren sie an einer anderen Stelle. Da holten wir sie ab wie vom Zug. Wir waren das A-Team für eine bessere Welt. Uns konnte man so oder so verstehen.

Zorn schließt die Schleusen zu den Informationsflüssen dieser Welt.

2014 war unser erstes großes Jahr. Wir gaben dem Zorn Nahrung und weckten die Dämonen aus dem Schlaf der Ungeprüften. Durch die Drehtür unserer Agentur flutschten Politiker*innen, Agent*innen, Repräsentant*innen, Lobbyist*innen, Berater*innen, Stroh-, Sicherheits- und Geschäftsleute mit halbnackten Assistent*innen im Tross. Oligarch*innen nahmen Platz an unseren Pokertischen.

Alle glaubten an ihre Spielberechtigung. Die meisten traten unter der Floskel Fortes fortuna adiuvat auf.

An uns lag es, die Masse nach ihren Bedürfnissen zu manipulieren. Wir sagten frisieren. Mir war nicht klar, dass wir von der ersten Stunde an nach Vorgaben eines übergeordneten Standpunktes agierten. Wir starteten als Baustein einer Desinformationskampagne zur Beeinflussung des US-Wahlkampfes, der Trump an die Spitze brachte.

Ich schwöre, ich hatte davon keine Ahnung, als unsere Osteuropa-Spezialistin June Avon-Dubuque einem russischen Magnaten und seinem Gefolge für den internen Gebrauch bestimmte Analyseschnipsel US-amerikanischer Regierungsbehörden foliert präsentierte, darunter Material des US Air Force Targeting Center in Langley, Virginia.

June beschränkte sich auf Fertigmahlzeiten. In ihrem Schlafzimmer thronte ein schwarzer Buddha. June hatte jahrelang die Geschäfte eines kasachischen Öl-Barons geführt.

Bald mehr.

First ally with the floor and than ally with the flow

“Great works are performed not by strength but by perseverance.” Samuel Johnson

Trent Leslie Cooper machte erstaunliche Voraussagen zur Formbarkeit der amerikanischen Psyche. Aber bevor ich darauf zu sprechen kommen, möchte ich noch mal Rachel Cusk zitieren: „Farne sind älter als Mann und Frau, älter als richtig und falsch. Sie sind geschlechtslos und haben weder Samen noch Blüten.“

Denke ich an Trent, sehe ich ihn in einem Farnwald. Ich sehe einen Ranger der Unbeirrbarkeit. Trent hielt Rassismus für den Schlüssel zum Verständnis der amerikanischen Psyche. Wir testeten seine Hypothese, indem wir eingefleischte Demokraten fragten, ob sie sicher seien, dass Schwarze ohne die Hilfe der (weißen) Gesellschaft gut existieren könnten. Wir befreiten die Befragten von dem Korsett der Konventionen. Wir suggerierten ihnen die Freiheit, ihre geheimen Vorbehalte preiszugeben.

Nicht in meiner Nachbarschaft/ Hilfe als Codewort der Ablehnung

Wir spürten eine Erleichterung in der Nähe von Glück, endlich einmal die Maske fallen lassen zu können. Ich erlebte große Dankbarkeit. Eine Yogalehrerin in Indiana schoss den Vogel ab. Anevay Miller offenbarte den reaktionären Kern eines Lebensentwurfs, der wie die Faust aufs Auge zu den Neuen Sozialen Bewegungen passte. Anevay gab sich queer und regenbogig. Ihre Attitüde war absolut aktivistisch. Sie gerierte sich als Obama-Fan. Aber darunter verbarg Anevay eine potentielle Trump-Wählerin, die Angst davor hatte, abends aus dem Haus zu gehen. Keinem ihrer Bekannten traute sie ihren Schutz zu. Und das, was sie fürchtete, entsprach zu hundert Prozent dem, was bekennende Republikaner*innen fürchteten. Anevay wollte keine Schwarzen und keine Migrant*innen in ihrer Nachbarschaft. Unter normalen Umständen coverte sie ihr Unbehagen mit Hilfsangeboten.

So begannen wir zu begreifen, dass Hilfe ein Codewort der Ablehnung sein kann.

Ein anderes Widerspruchspaar war Aufklärung und Dünkel. Befragte, die sich für akademisch aufgeklärt hielten, verbargen oft einen starken Dünkel, der sich dann Geltung verschaffte, wenn man eine Entre-nous-Atmosphäre schuf. Dann nahmen die Probanden fast automatisch eine erhöhte Position ein, oft in unbewusster Rivalität mit anderen Akteuren der ausgewählten Kohorte. Sie verrieten sich in ihrem sozialen Ehrgeiz. Er offenbarte eine tropfende Verachtung für Hillarys Basket of Deplorables.

Wir entdeckten Gated Community des Geistes, in denen ein Geist hauste, der sich nicht identifizieren lassen wollte, als das, was er war: nämlich ein Sozialdarwinist im demokratischen Betttuch, der sich ständig fragte, warum müssen wir das alles für die Schwachen tun. Warum können die das nicht selbst?

Wir extrahierten die unterschwelligen Vorurteile in den Rotweinanalysen, die wir vor allem in hochmodernen Wohnküchen verorteten. Niemand hat sie je besser zusammengefasst als Michael Gerson in der Formulierung: „Die sanfte Bigotterie geringer Erwartungen.“

Trent verglich die Strategie der Demokraten mit Mafiamanövern, bei denen die Stimmen ganzer Bezirke einem Kandidaten garantiert werden. Man hält sich Minderheiten als Stimmvieh, ohne einer echten Emanzipation Richtung mehrheitsgesellschaftlicher Teilhabe Vorschub zu leisten.

Minderheiten bilden ein Reservoir, das nicht mit (zum Beispiel Infrastruktur-)Leistungen geschmiert werden muss, wie sie der Mittelstand erwartet. Man kann sie abspeisen. Das heißt, sie sind billig, und sie gehören den Demokraten.

„Brandstifterische Schwüre“ - Richard Ford über den Sturm aufs Kapitol

„Vielleicht haben alle gewaltsamen Aufstände - und das ist es, was wir erlebt haben - in bestimmten Momenten eine karnevaleske Dimension.

Beteiligte (sonst bekannt als Aufrührer), die lachen und in Clownskostümen und Bühnenschminke herumtollen, die Selfies und Videos des Chaos machen, während es sich ereignet. Ihre verwirrten Präzeptoren, die brandstifterische Schwüre und Verwünschungen ausstoßen, ohne groß darüber nachzudenken, was sie sagen oder welche Folgen es haben könnte. Es ist ein wenig wie beim Lynchen, wo Eintrittskarten verkauft wurden …“

Wir arbeiteten mit Leuten zusammen, die Amerika abschaffen wollten. Die Aktivist*innen durchschauten Trent nicht. Sie hielten den Patrioten für einen alten Graswurzler-Fürsten, der am liebsten in einem Kreis junger Frauen Hof hielt. In Wahrheit spähte Trent den Feind aus. Er studierte ihn, wie er den Vietkong studiert hatte. Kaltblütig, ungerührt, seelenruhig. Trent lebte in einer Verfassung absoluter Gegenwärtigkeit. Er atmete die Luft, die alle atmen, aber er bewegte sich anders ... absorbierend und projizierend.

Trent hatte die Externalität überwunden.

„Die Landschaft wurde plötzlich leer.“

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„Ein Ameisenheer nordvietnamesischer Kuli ...“

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Viraler Parcours

Ja, die Idee war, das US-amerikanische Establishment so zu destabilisieren, wie wir lateinamerikanische Kartelle mit der skalierten Version einer schlichten Desinformationsstrategie aufgebohrt hatten. Es war die alte Geschichte von einem Gerücht, das die Runde macht – nur eben auf einem viralen Parcours.

Man erzählt einem ehrgeizigen Gangster auf der mittleren Führungsebene, dass sein schärfster Rivale von den Bossen als kommender Mann gehandelt wird und schon geht der Geiertanz los. Solche Leute schießen sich gegenseitig sofort über den Haufen. Das kommt aus einer unerforschten Hysterie.

Die Verkehrsgewohnheiten der Verbrecher pervertieren das Gesetz des Handelns. Sie entkoppeln es von allen Überlegungen. Man ballert sich so lange zu, bis man weggeknallt wird.

Das ist natürlich alles sehr öde.

Trent Leslie Cooper und ich wollten dieses Dumper-Rodeo in Kreisen des Washingtoner Establishments veranstalten. Wir fühlten uns wie Impresarios, nur dass wir beide nicht mehr rauchten. Ein paar Kämpfe, die Sie bestimmt nicht überlebt hätten, hatten uns in Form gebracht.

Man isoliert den Kandidaten oder die Kandidatin, bis sich die Bedrückungen der Einsamkeit etabliert haben. Dann bietet man der Person eine oder mehrere Leidensgenoss*innen zur gemeinsamen Absonderung an. So entwickelt man eine subversive Untergruppe innerhalb des infiltrierten Systems. Die Abgesonderten wirken wie Viren. Sie infizieren die Organisation, ohne dass die Wächter*innen sie als Feinde identifizieren können.

Es gab bereits jede Menge Bestrebungen, neurotische Bürger*innen mit verschwörungsmythischen Neigungen in viral-reale County-Chapter zusammenzufassen. Auch die Alt-Right-Bewegung war aus einer viralen Blase geblubbert. Aber Trent fand das zu easy. Er wollte die Spitzen der Gesellschaft kontaminieren. Er hatte den Dschungel im Kopf … dieses Lautlose, Eingegrabene … die Übergangsgerüche … ihm schwebte eine paranoide Hillary Clinton in den Kostümen der Durchgeknallten vor.

Ein Snap, der stets funktioniert, bleibt die breit gestreute Behauptung, eine sonst wie definierte Gruppe sei genetisch zum Scheitern verurteilt. Wenn ich mir so angucke, wie ihr Spaßvögel mit Begriffen wie ... und ... arbeitet, fehlt nicht mehr viel bis zu der Überzeugung, dass ihr euch für Trent ins Zeug legt, ohne es zu wissen.

Angst vor sozialer Isolation bestimmt den Kurs der meisten. Gibt man Leuten die Chance, sich anonym auszukotzen, greifen viele gierig zu. Das funktioniert wie Pornografie und ist in gewisser Weise auch Pornografie.

Einige öffnen die Mördergrube ihrer Herzen so eifrig wie Ertrinkende um ihr Leben kämpfen. Sie geben dem Schwulst in sich eine bizarr-große Bedeutung; so als erschöpfe sich ihre Persönlichkeit im Ressentiment der Prägung.

„Ce n'est pas la force, mais la persévérance, qui fait les grandes oeuvres.” Samuel Johnson

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An dem Tag, als Claire ihre Sachen aus unserem Londoner Haus holte, bekam ich Zahnschmerzen. Unfähig in Claires Reichweite den Schein zu wahren, nahm ich den Firmenjet und donnerte nach Paris. Ich war so „trüb wie Brackwasser“ (Samuel Beckett). Ich rief June an, einen Kegel* der ersten Stunde. Irgendwo in Montparnasse ...

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Ich sage oft wir, obwohl ich nur mich meine. Ich meine das in einem positiven Sinn. Wenn ich im ersten Obama-Wahlkampf irgendwas gelernt habe, dann, dass ein Einzelner durchaus viele sein kann; ob ihm das nun passt oder nicht. Ich wandte die skalierte Version einer Taktik an, mit der wir früher Drogenkartelle in Bananenrepubliken angegriffen hatten. Damals wählte man einen Gangster mit paranoidem Profil. Dessen Misstrauen gab man Nahrung. Der Bearbeitete steckte kritischere Köpfe an, und schon lief die Organisation von innen heraus unrund. Von daher kann ich jedem nur raten, auch dann noch von Normalität auszugehen, wenn sichere Anzeichen dagegen sprechen. Notfalls strapaziert man eben den Normalitätsbegriff wie eine zu kurze Bettdecke.

Wer aussteigt, verliert den Boden unter den Füßen.

Wem das klargeworden ist, teilt fortan mit allen Wissenden ein Unbehagen. Er weiß nämlich, dass es nicht darauf ankommt, ob etwas real ist. Entscheidend ist, dass es sich real anfühlt.

...

Ich konnte jederzeit tausend Aktivist*innen in einem Radius von fünfhundert Kilometern mobilisieren. Wir verabredeten Sammelpunkte, Fahrdienste, Bus- und Bahngemeinschaften. Die Leute hielten die Plakate hoch, die wir ihnen in die Hand drückten. Sie ließen sich so einfach aufstellen und verschieben, dass ich sie Kegel* nannte.

Ich behaupte, keiner meiner Kegel* handelte mit Animus auctoris

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Meine Kegel* ließen sich einfach aufstellen und verschieben, selbstverständlich unter einer pompösen Sonne der Selbstermächtigung. Das sage ich Ihnen unter uns: Ich spreche jeder Aktivistin den freien Willen ab.

Wir, das war das Alpha-Team für eine bessere Welt. Am Anfang erschöpfte sich der Plural in meiner Person, doch bald waren wir zwanzig Stammspieler*innen auf der Leistungsebene.

*

An dem Tag, als Claire ihre Sachen aus unserem Londoner Haus holte, bekam ich Zahnschmerzen. Unfähig in Claires Reichweite den Schein zu wahren, nahm ich den Firmenjet und donnerte nach Paris. Ich war so „trüb wie Brackwasser“ (Samuel Beckett). Ich rief June an, einen Kegel* der ersten Stunde.

Irgendwo in Montparnasse las ich: Um nicht ständig auf Tauchstation bleiben zu müssen, verließen wir den Sankt-Lorenz-Strom und orientierten uns wieder aufs offene Meer. Entlang der Küste gab es nur vereinzelte Suchscheinwerfer, die uns aber kein Kopfzerbrechen bereiteten. Und was das gegnerische Radar betraf, so ... June war zufällig in Paris/ quelle surprise.

Was zuvor geschah

Trent Leslie Cooper fuhr einen schwarzen 68er-Mustang Fastback als Hommage an das Heldenauto in der längsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. In Bullitt lenkt Steve McQueen beziehungsweise sein Double das Schmuckstück im Streetfight gegen einen Dodge Charger R/T über die Straßen von San Francisco.

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Der Sound zur Story

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Soziale Reliefs

So spooky wie funky

Trent Leslie Cooper war so spooky wie funky. Er fuhr einen schwarzen 68er-Mustang Fastback als Hommage an das Heldenauto in der längsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. In Bullitt lenkt Steve McQueen beziehungsweise sein Double das Schmuckstück im Streetfight gegen einen Dodge Charger R/T über die Straßen von San Francisco. Trent erschien wie ein Verhafteter der Stilvorgaben von 1970. Er war schon zwanzig Jahre ein alter Mann, als wir Obama in den Ring schoben. Trotzdem ging von Trent eine Oberhitze aus, die ihm eine flimmernde Aura gab. Er flitterte wie eine Fata Morgana.

Trent riet zu ludic loops.

Spielautomatennutzer*innen sind in ludic loops gefangen. Sie wiederholen sich in Erwartung unvorhersehbarer Rewards.

Trent erfand soziale Reliefs aus unregelmäßigen Belohnungen. Sie hielten die Bearbeiteten in einer Erwartungsspannung. Der Suchtfaktor war hoch.

Trent war seelisch und mental im vietnamesischen Dschungel hängengeblieben, er war absolut indiskutabel. Seine Kohorte kackte die Sanitäreinrichtungen der Seniorenstifte voll.

Aber Trent turnte uns allen was vor. Sein Vorsprung ergab sich aus einer schlichten Einsicht. Ihm war klar, dass die im globalen Süden getesteten Desinformationskampagnen in den Vereinigten Staaten genauso funktionierten. Das gab ihm den Thrill. Diese Kaltblütigkeit, mit dem er die Mündungen der sozialmedialen Sturmgeschütze auf Amerika richtete.

Sein Credo: Tun wir es nicht, tun es nur die anderen.

Der entscheidende Punkt war die Zeit. Wie viel Zeit eine Idee hat, bevor sie zum Allgemeinplatz verkommt. Siehe Clausewitz: Man darf nicht zu lange an den Gegner*innen kleben, weil die sonst die Methoden übernehmen.

„Parteien erfüllen ihre generelle demokratische Funktion vor allem dadurch, dass sie die elektorale sowie die legislative und dann auch die exekutive Agenda ganz systematisch miteinander in Verbindung setzen, indem sie im Wahlkampf mit ihrem politischen Programm mobilisieren.“ Philip Manow

„Trüb wie Brackwasser“

Obamas erster Wahlsieg etablierte mich als Premium-Freelancer. Ich hatte es geschafft. Nicht anders als alle meine Freund*innen und Rival*innen verkaufte ich das gemeinsam erworbene Wissen als mein Produkt. Ich spezialisierte mich auf Facebook-Fake-Seiten. Der Empfehlungsalgorithmus sorgte dafür, dass die Profile in den Feeds (für die Botschaften meiner Klient*innen) Empfänglicher auftauchten. Echte Verbraucher*innen reagierten auf Scheindebatten und machten sie zu vitalen Größen.

Es fand ein Austausch über dem Grab der Lüge statt.

Die Bedeutung von Lügen für das Leben habe ich lange unterschätzt. Die Reaktion auf etwas Erfundenes entsprechen Selbstinfektionen. Es brauchte zunächst kaum zehn echte Facebook-Benutzer*innen, die auf dem viralen Leim zappelten, um ein Narrativ zu verbreiten, in dem das Erregungspotential für eine Stampede steckte.

Consolidation Behaviour

Fred war Zoologe, wir hatten in Berkeley miteinander zu tun. Er war das Lieblingsziel der progressiven Studentenschaft. Gruppen wurden nur mit dem Ziel gegründet, Fred aus der Uni zu chasen. Ungerührt drehte der kalte Krieger seine Segel in den Gegenwind und nahm Fahrt auf mit der fremden Energie.

Er schwängerte eine Studentenführerin und erklärte ihren Hauptmann zur Jahrhundertniete. Deshalb komme ich überhaupt auf Fred.

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Jahrhundertniete

Friedrich Wilhelm ist einer dieser vollkommen Abgeschliffenen, mit denen du niemals pokern solltest. Worauf du dich verlassen kannst: hinktest du je im Gebirge hinterher, Wilhelm würde dich zurücklassen, ohne sich auch nur einmal nach dir umzudrehen. Anstatt dich mitzuziehen oder auch nur zu ermutigen, würfe er dir wortlos vor, dass du es gewagt hast, für ihn zur Enttäuschung zu werden. Wilhelm hat eine poetische Ader. Als er 1942 unter der gnädigen Aufsicht US-amerikanischer Zeppeline zum ersten Mal die neufundländische Granitküste sah, charakterisierte er sie als Gottes persönliche Brustwehr.

Wilhelm besitzt enough determination to do something unpleasant. He had the stomach for a fight, wie wir Amerikaner sagen. Ich kämpfe mit der Überleitung. Kurz gesagt, seinem deutschen Namen zum Trotz hält es Wilhelm von jeher mit uns, die wir selbstverständlich William sagen, also Will. Frederic Will … Fred Will.

Sagen wir Fred. Zivil ist Fred Zoologe, natürlich ein Lorenzer, dem man in jedem Punkt widersprechen muss. Wir hatten in Berkeley miteinander zu tun. Fred war das Lieblingsziel der progressiven Studentenschaft. Gruppen wurden nur mit dem Ziel gegründet, Fred aus der Uni zu chasen. Ungerührt drehte der kalte Krieger seine Segel in den Gegenwind und nahm Fahrt auf mit der fremden Energie.

Er schwängerte eine Studentenführerin und erklärte ihren Hauptmann zur Jahrhundertniete. Deshalb komme ich überhaupt auf Fred.

Wie konnte das passieren?

Im Präsens von Damals:

Alle werfen ihre Scheiße auf Fred. Der Gecancelte unterläuft nicht nur jedes Manöver im Rahmen unversöhnlicher Interventionen und radikaler Solidarität, um antike Allgemeinplätze nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Vielmehr gerät Fred auf die Laufbahn einer so mächtigen Attraktivität, dass die als Ikone des universitären Widerstands gehandelte Aquinnah „Sweetheart“ Washington auf Fred bis zum Wahnsinn abfährt.

Das interessiert jede Verhaltensforscherin.

Fred erklärt die Sache so. Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit. Wird einem Ausgegrenzten die Aufmerksamkeit restlos entzogen, geht in ihm auch dann das Licht aus, wenn alle nett bleiben in ihrer Zurückhaltung.

Wir brauchen das Interesse der anderen wie die Luft zum Atmen. In diesem Interesse steckt stets ein Begehren. Der Akteur dieses Begehrens muss nicht wissen, dass er begehrt. Er kann auch etwas Segregierendes annehmen. Auf dem Kontaktfeld spielen seine Vorstellungen keine Rolle. Er stellt sich zur Verfügung. Man könnte auch sagen: er zieht sich aus, öffnet sich etc. Er gehorcht in seiner Primatendetermination einem biologischen Befehl. Wer das weiß, kann feindliche Energie so begrüßen wie der Bauer den Landregen.

*

Das ganze Leben lässt sich als Frage-Antwortspiel begreifen. Die Antwort muss intelligenter als die Frage sein. Das ist der Deal, den wir mit der kulturellen Evolution haben. Wer gute Antworten gibt, bleibt im Spiel. Wer schlecht antwortet, wird kompostiert.

Alles bewegt sich zwischen Kollaps und Kollaboration. Erlebt werden die permanenten Übergänge als Kooperationen. Sobald man genau hinguckt, erkennt man aber, dass stets in Abhängigkeit von einem Faktor gewirtschaftet wird. Der Faktor wird ununterbrochen gepullt oder gepusht. So beweist er seine Garantiefunktionen.

Fred konnte sich zum Regisseur eines Regimes machen, das zu seiner Vernichtung installiert worden war. Das machte ihn zum größten Fisch, der sich im Meer der Verfügbarkeit angeln ließ. Das wiederum machte Aquinnah Sweetheart heiß bis zum Wahnsinn. Wie gesagt, nur aus einem Grund. Fred verfügte über die besten Informationen weit und breit, und die wollte Aquinnah Sweetheart mit ihrem Schoss ernten.

So einfach bleibt es bis auf Weiteres in diesem Theater, liebe Freundinnen der leichten Muse. Das ist schon der ganze Rock’n’Roll des Lebens. Mehr wird keiner geboten.

*

Der Tod eines Überwundenen schafft keinen Raum. Ein Überwundener hat nichts, was nach ihm Bedeutung gewinnt. Rachel Cusk erzählt davon in „Danach“. Ihre Akteurin erklärt sich die Welt mit einem antiken Dilemma:

„Während der zehnjährigen Abwesenheit ihres Mannes ist Klytaimestra mit Aigisthos intim geworden. Er ist nicht der Vater ihrer Kinder. Selbstverständlich ist er auch nicht ihr Mann, denn ihr Mann lebt noch. Sie ist jetzt Königin von Argos, aber Aigisthos kann nicht ihr neuer König sein, weil der alte – ihr Mann, Agamemnon – noch lebt. Es gibt keinen Platz für Aigisthos, keinen Thron und keinen Raum. Wäre Agamemnon tot, würde sich ein Raum auftun.“

Cusks Heldin vergleicht ihre Lage in besseren Verhältnissen irgendwo im Vereinigten Königreich mit Klytaimestras Rolle als potente Stellvertreterin ihres abwesenden Mannes. Die Strohwitwe hat die Formeln der Machtausübung verinnerlicht und ist darüber, so sagt es Cusk, „eingeschlechtlich“ geworden. Erst diese Auflösung der Geschlechterdifferenz in einer Personalunion veranlasst Klytaimestra, über ein neues Partnerschaftsmodell nachzudenken. Aigisthos versagt in der ihm zugedachten Rolle und zeigt dabei die Schwäche der akut gültigen Herrschaft.

Es gibt kein Modell für eine die Mächtige zufriedenstellende weibliche Machtausübung. Darum dreht sich alles in Cusks Roman, den wir als Referenztext eingeführt haben. Ich nehme an, Sie haben inzwischen das Buch gelesen; jedenfalls setze ich das voraus.

Wir müssen uns beeilen, um eins geht mein Flugzeug. Mir egal, was Sie sagen. Sie sind zu spät gekommen. Sie haben sich alles selbst zuzuschreiben. Sie erinnern mich an Kimana Scott McNamara, die trug auch immer Nerzrosen im Haar. Kimana assistierte mir beim ersten Obama-Wahlkampf. Wir waren zusammen in New Orleans und analysierten da migrantisch geprägte Stadtteile. Viele Non-WASPs erklärten uns, dass sie sich nur deshalb nicht für die Republikaner registrieren lassen würden, weil sie „echte Konservative“ seien. Ihr Standardblabla: Vielleicht trage ich einen Latino-Namen, aber ich bin Patriotin im Geist der US-amerikanischen Verfassung.

Diese Leute warfen den Demokraten Arroganz vor. Christopher Wyle schoss den Vogel mit der Beobachtung „einer zum Islam konvertierten Peruanerin ab“.

Sie trägt einen Hidschab, während sie erläutert, warum Obama für sie nicht in Frage kommt.

Gleich mehr.

Niemand spielte mehr Tennis in dieser Liga. Die krass-krassen Ausreißer*innen machten es nicht unter Iaidō und Kyūdō. Ich meine, das ist kein Programm, um es einfach abzureißen. Dafür brauchen Sie eine Ruhe im Arsch, mit der man Sie auch selig sprechen könnte.

Kyūdō

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"The slightest mistake in angle or speed and the cut will be ruined."

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Claire und ich rauften uns immer wieder zusammen. Untreue gehörte zur Fasson unserer Ehe. Bis zu Obamas erster Amtszeit hielten wir nicht nur durch, sondern fanden auch immer wieder auf Hochebenen des Wohlbefindens zueinander. Ab 1995 unterhielten wir in London den Familienhauptsitz. Ich pendelte zwischen Mayfair und Capitol Hill (Washington), wo ich im Geburtshaus von John Philip Sousa wohnte. Meine schönste und gefährlichste Herausforderin vor Ort war die koreanisch-amerikanische Anwältin Meghan Cho-Sun. Man sah ihr den Chrome & Glas-Kolossalzauber ihrer Kanzlei zu jeder Tages- und Nachtzeit an. Meghan trug ihre Hosenanzüge wie Combat Suits und so trug sie auch ihre Lingerie. Sie vertrat die Interessen weiblicher High Potentials, die entschlossen waren, ihre Männer zu killen. Das Gesetz setzte sie wie eine Garotte* ein.

O-Ton Meghan: You do not have the stomach for my affairs.

Auch schön: The most important thing a woman takes in combat is a reason why.

* „Ein mittelstarker Metalldraht, der an den beiden Enden mit jeweils etwa 10–15 cm langen Holzstückchen versehen ist, wird als Garrotte bezeichnet. Diese klassische Garrotte wurde überwiegend von den Kriminellen im Frankreich des 19. und frühen 20. Jahrhunderts benutzt (etwa in Paris-Montmartre oder im Hafenviertel von Marseille). Auch die alteingesessenen Mafiaorganisationen (besonders die Cosa Nostra in Sizilien) benutzten als Mordinstrument häufig die Garrotte.“ Wikipedia

Ich fühlte mich sicher wegen der Widersprüche, in die Meghan sich verwickelte. Sie behauptete, Feministin zu sein, ohne Geschlechtersolidarität im Verhältnis zu einfachen Menschen zu üben. Zusammenhalt gab es für sie nur auf der Zinne. Sie verkehrte mit den härtesten Beißer*innen ihrer Hauptstadt. Da war keine, die nicht jeden Morgen schwamm oder lief oder irgendwas im Yoga-Wushu-Spektrum praktizierte. Niemand spielte mehr Tennis in dieser Liga. Die krass-krassen Ausreißer*innen machten es nicht unter Iaidō und Kyūdō. Ich meine, das ist kein Programm, um es einfach abzureißen. Dafür brauchen Sie eine Ruhe im Arsch, mit der man Sie auch selig sprechen könnte.

Meghans Verachtung für Hausfrauen konnte sich schon in den Nullerjahren kein Mann mehr leisten. Obwohl Weinstein, Epstein und Polanski noch im Business waren. Leute mit besonderer Intuition ahnten eine ablandige Ungleichzeitigkeit in den Abläufen. Meghan glich jenem Angelus Novus, den Walter Benjamin in einem Bild von Paul Klee beschwört. Sie verachtete ihren Gatten, der mit unbezahlter Hausarbeit in den Keller der Deklassierung gerauscht war.

Unterströmungen in einer Übergangsphase

„Diesseits bin ich gar nicht zu fassen.“ Paul Klee wähnte sich „dem Herzen der Schöpfung näher“ als die meisten.

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„Mein Mann half. Das war und ist sein Ausdruck dafür: Er half. Doch ich wollte keine Hilfe, ich wollte Gleichberechtigung. Ich war die unterteilte moderne Frau, die alles hat, und er half mir dabei. Ehrlich gesagt begann das Hilfskonzept irgendwann mich zu ärgern. Warum konnten wir nicht gleich sein? Warum musste er sich nicht unterteilen? Und worin genau bestand die Hilfe?“ Rachel Cusk, „Danach“

Ich ziehe Cusk nicht zum ersten Mal als Gewährsfrau heran. Sie beschreibt Unterströmungen in einer Übergangsphase. Ihre Akteurin berichtet von einer Freundin, die zugibt, ihren Mann nicht ernstnehmen zu können, sollte er der Versorgerrolle entsagen. Sie identifiziert den männlichen Hausarbeiter mit einem Versager, vor dem sie keinen Respekt haben kann. Machen wir uns nichts vor, es geht um Sex. Die Kohle ist da. Sie wird nur jetzt von einer Frau heimgebracht. Das verändert ihren Sex, meine Freund*innen der Nacht, ob Schleiereule oder Habichtkrähe.

Cusk spricht von „Spannungen der alten Orthodoxie unter einer umgestalteten Oberfläche“. Ihr Alter Ego sieht sich genötigt, „der Weiblichkeit ihres Mannes Raum zu geben und ihre männlichen Ansprüche zu besänftigen“.

Transgenerationell ausgepowert

Ich entwickelte damals ein datenbasiertes Targeting-Programm weiter, dass wir zum ersten Mal in Obamas Wahlkampf eingesetzt hatten. Meine Teamleiterin Jacky Orlanda behauptete, die Beschäftigung mit Politik führe lediglich zu Hüftspeck und Scheidungen. Das hielt sie nicht davon ab, verbissen am politischen Ball zu bleiben.

Claire arbeitete für die britischen Liberaldemokraten. Die Leute, die sich aktivistisch einspannen ließen, gaben sich auf den ersten Blick als Nieten zu erkennen. Vollbärtige Sandalenträger in Anzügen, transgenerationell ausgepowert. Sie erwarteten, dass Claire mit ihnen um die Häuser zog. Sie lebten für den Feierabend und den betrunkenen Schulterschluss.

Verdammt, Claire spielte in der Kreisliga, und ich mal wieder in der Champions League. Denken Sie an Meghan, zwanzig Jahre jünger als Claire und so ungezwungen wie es nur Leute sind, die noch niemand überwunden hat.

Gleich mehr.

Was zuvor geschah

Genhüllen

Wir hörten The Mamas & The Papas ... California Dreamin' ... während wir uns bemühten. Es war so zersetzend zu wissen, dass da draußen Leute atmeten, die wirklich scharf darauf waren, entweder mit mir oder mit Claire ins Bett zu gehen. Aber da gab es diesen Beschluss, dass Claire und ich es sein sollten. Es hakte überall, und immer hieß es: Das macht doch nichts, Baby.

Wir stammten aus Familien, die Wert auf ihr Unglück legten.

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San Francisco Ende der Sechzigerjahre. Denken Sie an die Telegraph Avenue und Haight-Ashbury. Ich nahm meine erste akademische Stellung ein. (Ich hatte mich angeschlichen und war auf einem freien Platz einfach stehengeblieben. Plötzlich gehörte ich zum Lehrkörper.) Claire hing beruflich noch in der Luft. Wir wohnten in Berkeley und waren, wie alle in unserer Reichweite, selbstverständlich gegen Lyndon Johnsons Vietnampolitik. Allerdings reichten meine Vorbehalte nicht weiter. Ich sah Johnsons Vorzüge, wohl wissend, dass ich meine Ansichten besser für mich behielt. Sogar Claire gegenüber, die in ihrer Zwischenlage als Postgraduierte eine Phase der Verunsicherung mit bombastischen Politeinlagen überspielte.

Genhüllen

Richard Dawkins bezeichnet eine Ameisengesellschaft als Genfabrik. Für ihn sind Ameisenleiber nur Genhüllen.

*

Unsere gute Zeit lag hinter uns. Wir begegneten uns auf dem gemeinsamen Feld des Alltags wie Passanten sich im öffentlichen Raum aus dem Weg gehen. Ich witterte Verrat. Claires Illoyalität ließ sich mit Händen greifen. Diese Frau war für mich zur Falle geworden. Trotzdem absolvierten Claire und ich den Paarparcours nicht anders als die Kolleginnen, soweit es den Anschein betraf.

Allein es fehlte der Glaube an eine gemeinsame Zukunft. Gleichzeitig stand uns der bürgerliche Zeitplan vor Augen. Wir hatten keineswegs die Absicht, vom Kurs abzuweichen. Das heißt, Claire, die so spröde wie theatralisch sein konnte, wollte lieber von mir schwanger werden als die Sache hinauszuzögern. Ohnehin wähnte sie sich in allen Vergleichen mit der Referenzkohorte im Rückstand.

Die konventionelle Lebensplanung kollidierte wie verrückt mit den Parolen der antiautoritären Bewegung.

Allgemein galt Wordsworths „Jung zu sein/das war der Himmel“. Nur für mich und Claire traf das allenfalls eingeschränkt zu, während wir im Tilden Park in den Berkeley Hills uns einzureden versuchten, nicht anders der Vertrautheit entfremdet zu sein als andere Leistungsträgerinnenpaare.

Trent Leslie Cooper

… und dann kam eines Tages Trent Leslie Cooper durch die Tür, mit diesem Haarschnitt, dem nichts hinzuzufügen war. Alle hörten solche Lieder, aber Trent scherte sich nicht darum. Er verstand uns nicht, das war offensichtlich.

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… und dann kam eines Tages Trent Leslie Cooper durch die Tür, mit diesem Haarschnitt, dem nichts hinzuzufügen war.

In der Gegenwart von 1969

Claire schwärmt in der Gefolgschaft von Eugene McCarthy (einem Gegner seines Namensvetters Joseph McCarthy) aus. Als Rivale von Lyndon B. Johnson hat der Demokrat gar nicht so schlecht abgeschnitten.

Eugene McCarthy ist ein Säulenheiliger der Antikriegsbewegung. Bei einem Essen für seine Premiumaktivistinnen begegnet Claire einem Neffen des Politikers als ihrem Tischherrn.

Habitualisierte Ablehnung

Trent Leslie Cooper war in Vietnam und will da auch wieder hin. Der zivile Betrieb erreicht ihn überhaupt nicht. Zu offensichtlich ist seine Geistesabwesenheit, als dass sich Claire (die Hochwohlgeborene) gekränkt fühlen müsste. Sie schwankt zwischen Mitleid mit einem Traumatisierten und der habitualisierten Ablehnung, die sich von selbst versteht. Den vollkommen abgeschalteten Trent kratzen die Empathiezuckungen der Elevin nicht. Claires erotisches Interesse an ihm ist ein schwacher Ersatz für den Dschungel.

Trent leidet unter Entzug. Er entbehrt das nächtliche Hörsehen; den Reiz der angespannten Gelassenheit. Man agiert aus der Mitte nach einer abweichenden Hierarchie der Sinne. Man bewegt sich in der künstlichen Spontanität der Kontraintuition.

Trent hasst Konversation. Wenn Claire was von ihm will, dann soll sie es sagen und Fertigaus. Trent stressen die Fans seines Onkels. Für ihn sind das alles bloß Schwachköpfe.

Claire moussiert gegen ihren Willen. Sie sollte den Krieger von Herzen verdammen. Doch ihr Herz schlägt im Takt einer unangemessenen Begeisterung für den Fehlgeleiteten. Claire träumt sich in eine Nebelszene auf der Golden Gate Bridge. Sie steht da mit Trent wie außer Atem.

Ich schalte mich kurz ein und beanspruche die Deutungshoheit. Nichts war Claire verbotener als die Faszination für einen Soldaten, der kein Hehl daraus machte, dass ihm die Gründe für das amerikanische Engagement in Vietnam egal waren. Er wollte einfach nur so leben, das heißt, mit einem Gewehr in der Hand, am liebsten allein unter Feinden. Das rockte Trent und gab ihm den richtigen Groove. Claire bildete sich Quatsch ein, wenn sie glaubte, ihre sekundären Geschlechtsmerkmale seien für Trent reizvoller als seine Waffen. Pustekuchen. Umgekehrt wurde ein Schuh draus.

Wir stehen hier wieder einmal vor den schwelenden Ruinen eines kulturellen Missverständnisses.

Claire fuhr mit einem Ford Falcon, vollgeklebt mit Antikriegsparolen, durch die Gegend, und an diesem irren Abend, rauchte ein Vorzeigebefürworter all dessen, was Claires Aversionen auf sich zog, verdrossen neben ihr in diesem zum Statement gewordenen Fahrzeug, und zeigte nicht die geringste Neigung, sich wie ein Verehrer zu benehmen.

Es war schrecklich.

Aber Claire fehlte die Kraft, sich von Trent zu lösen. Trent diskutierte nicht. Er zeigte keine Anzeichen von Bedürftigkeit. Er stemmte die Ledersohlen seiner Bronco-Stiefel gegen das Armaturenbrett und blies Rauch zum Kabinendach.

*

Sie merken schon, ich erzähle das nicht neidlos. Wir reden schließlich über Claire. Vermutlich steckt in jeder Frau mehr als ein Mann festhalten und abdecken kann. Machen wir uns doch nichts vor. Selbst wenn man, so wie ich, aus einem guten Stall kommt, ein guter Sportler und hochintelligent ist, kann man sich nicht sicher sein, seiner Frau andauernd zu genügen.

Ich saß zuhause vor dem Fernseher. Über den Bildschirm liefen Demonstranten, die Nationalgarde rückte auf jedem Kanal aus …

Fixed Action Patterns

*„Man nahm an, dass „Verhalten von Tieren zum größten Teil aus einer Abfolge kleiner, uhrwerkartiger Routinen besteht – aus dem Instinktverhalten, auch Fixed Action Patterns oder FAP genannt.“ Richard Dawkins

*

„Panglossianismus unterstellt einen absoluten Funktionalismus, nachdem ausnahmslos alles einen bestimmten Zweck erfüllt.“ Wikipedia

"Everything work out for the best no matter what is happening."

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Imponderabilien

1967 zogen Claire und ich nach Berkeley, um uns und den Zuschauer*innen aus der Referenzkohorte farbenprächtig etwas vorzumachen. Wir spielten miteinander Blindekuh. Wir tanzten um das goldene Kalb einer egalitär-altruistischen Gesellschaftsutopie, während wir so heimlich wie verschämt das bürgerliche Leben im republikanischen Stil unserer Eltern anschoben. Ich landete auf der Speckseite, aber Claire verpasste den richtigen Einstieg wie bei einem missglückten Andockmanöver. Das Nadelöhr zwischen dem Status quo und der Zukunft verschloss sich. Das wussten wir nicht. Wir waren von Leuten ins Rennen geschickt worden, die sich keine gravierenden Fehler nachsagen lassen mussten. Sie hatten uns zu einem Panglossianismus erzogen, der uns blind machte, für die allgegenwärtige Dysfunktionalität von Systemen und Personen.

In unserem dritten Campussommer rief jemand an, der in England beruflich an Land gegangen war. Er riet mir, mich auf eine neu geschaffene Stelle in Oxford zu bewerben.

Ein Jahr später lebten Claire und ich in einem Oxforder Schlösschen aus Oolith*; der Baustoff stammte aus dem Oxford**. Wir waren davon abgekommen, einander treu zu sein. Ein GI hatte in meiner frenetisch friedensbewegten Claire etwas ausgelöst, dass sie dazu veranlasste, unpassenden Männern den Hof zu machen und in unmöglichen Bars zu versacken.

Comme une brise

Claire erschien mir wie ein verstimmtes Klavier. Auch ich hatte gelitten und suchte die alte Griffigkeit meiner Existenz bei neuen Bekannten. Ich lernte die Sprache der Flüchtigkeit neben allerhand Oxford-Kuriosa. Eines Abends gefiel es mir, Claire auf eine ihre Stupiditäten hinzuweisen. In ihren Klatschanalysen neigte sie dazu, dieses oder jenes Verhalten als instinktiv zu charakterisieren, obwohl sie gerade soziale Bewegungen im Spektrum von Vorlieben und Abneigungen rezensierte. Ich vermutete in der Unschärfe ihrer Betrachtungen eine gegen mich gerichtete Impertinenz.

Claire leistete Widerstand.

Sie hielt am Panglossianismus unserer Eltern fest. Sie weigerte sich anzuerkennen, dass das Überleben von Gruppen ein Nebenprodukt individueller Anpassung ist. Sie unterstellte der natürlichen Selektion eine auf die Zukunft gerichtete Absicht. Es war nicht nur ermüdend, Claire zu widersprechen.

*„Nach stratigraphischen Tabellen … wird Korallenoolith in das obere Oxford eingeordnet. … **Das Oxfordium (verkürzt Oxford …) ist in der Erdgeschichte die untere chronostratigraphische Stufe der Oberjura-Serie im Jura.“ Wikipedia

Zierlicher Lapsus

Ein vernagelter GI namens Trent Leslie Cooper hatte meine friedensbewegte, ultra-aktivistische Frau (und krekele Justice Warriorin) Claire noch in unserer Berkeley-Zeit von ihren erotischen Routinen (sowohl im Verhältnis zu mir als auch in anderen Beziehungen) ab- und auf einen furios-prekären Kurs gebracht. Claire nannte es Kommunismus, aber für uns international renommierten Verhaltensforscher*innen war klar, dass das auf jeden Fall nicht nur Kommunismus war. Ich beobachtete eine Verehrung für den trunksüchtigen Pöbel, darunter für Typen, die sich mit ihrem Rotz vor den Augen der Welt am Tresen battelten. Sie schworen auf The Sweet.

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Dummheit schmückt nicht. Montaigne nannte den Blödheitstrester aus eigener Kelterei Lapperei. Zuwider waren ihm jene, welche auf dem Feld der Lappereien eskalieren. Montaigne selbst sprach sich frei von diesem Fehler. Er ging so weit, den römischen Kaiser Tiberius einen „Großschwätzer“ zu nennen.

Darüber müssen wir reden. Einst bot man Tiberius an, den größten Beleidiger der römischen Macht still zu vergiften und zum Beweis der Übeltat, des Widersachers Kopf nach Rom zu schaffen. Tiberius verbat sich das Attentat auf unseren Freund Arminius. Er schwafelte vom Mut der Legionäre, die angeblich nur in der Feldschlacht zu Ergebnissen kommen wollten.

Montaigne hasste Tiberius nicht für den tückischen Staatsbetrieb, dem der Kaiser vorstand, sondern lediglich für die Leugnung der gewohnheitsmäßigen Gemeinheit.

Es sei noch nicht einmal nützlich so zu lügen, erklärte der Weise.

Ich hätte Claire gern auf meiner Seite gewusst, wenn es um Etikette ging, um Anstand und Sitte als dem Erbe unserer republikanischen Eltern. Wir waren avancierte Expatriierte damals Anfang der Siebzigerjahre in Oxford, als weibliche Studierende an mir klebten wie Kuhscheiße am Wanderstiefel.

Ich habe wir gesagt, meine aber nur mich. Ich war dabei, Karriere zu machen, und Claire war dabei, ihre Illusionen zu verlieren. Sie kompensierte den inneren Abstieg mit Eskapaden. Es ging für sie nie darum, Geld zu verdienen. Geld war überhaupt kein Thema. Reich geboren waren wir beide, und so waren wir auch beide in keiner Weise von den altvorderen Vermögen abgeschnitten. Ich hätte im Maserati zum Institut fahren können, und Claire im Bentley zur Kosmetikerin. Ich weiß, das klingt gemein. Aber so war es.

Knotenpunktpolitik/Aufwertung einer Dependance – Zirkulieren Informationen zwischen Zentrale und Dependance zu langsam, verliert wenigstens ein Faktor seine ursprüngliche Bedeutung.

In Claires Perzeption verschwamm der Unterschied zwischen A Priori und A Posteriori. Es war so etwas wie eine Rechts-Links-Schwäche im Rahmen des Angularis-Syndroms. Eines Tages, ich fühlte mich gerade (in einem plüschigen Augenblick) besonders zu meiner Frau hingezogen und konnte mir deshalb gut vorstellen, wie wir als alte Leute sein würden, durch so viele Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du (G. Benn), fiel mir ein Beispiel ein, wie sich der Weg von A Priori zu A Posteriori kinderleicht erklären ließ. Dinosauriergehirne mussten enorme Abstände zwischen Kopf und anderen Leibespartien ansteuern.

„Das Problem löste die natürliche Selektion mit einem zweiten Gehirn (einem vergrößerten Ganglion) im Becken.“ Richard Dawkins

Der Evolutionsbiologe zitiert ein Dinogedicht von Bert Leston Taylor (1866–1921). Darin kommt die Zeile vor: Thus he could reason ‘A Priori’/ As well as ‘A Posteriori’. Ich fürchte, selbst diese Eselsbrücke reichte nicht, um Claire klüger zu machen.

„Wenn wir unseren Zweck erfüllt haben, werden wir beiseite geschoben. Die Gene aber sind die Bewohner der geologischen Zeit. Gene sind unvergänglich.“

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Richard Dawkins vergleicht Populationen mit Wolkenformationen und Sandstürmen. Sie sind temporär, folglich instabil. Die Evolution rechnet nicht mit ihnen. Sie rechnet mit Ihnen. Ja, ich meine Sie, Sie sind die Gewinnerin. Ihre bloße Existenz beweist es.

Kleiner Scherz. Sie sind einfach nur eine Überlebensmaschine für Informationen. Ich lese gerade, wie Joe Biden und Hillary Clinton sich im Naval Observatory (dem Wohnsitz des Vizepräsidenten) gegenseitig einschmieren. Man nennt das Frühstück. Wieder stellt sich die Frage: Wer frühstückt wen?

Die Parteifreunde sind Rivalen. Hillary steuert eine seit vierzig Jahren funktionierende Wahlkampfmaschine. Im Vergleich mit der Clinton ist Biden ein unbeschriebenes Blatt. Hillary schnappt bereits nach Bidens engsten Berater*innen, um sie auf die Reservebank ihres Teams zu setzen, so selfish wie ein Gen.

Biden spricht unverschmockt von Wilderei. Mir fällt es schwer, Hillary und wild als zwei Punkte auf einer Geraden zu denken. Die Ehrgeizige belastet das Problem, den „schwer zu lesenden“ Obama nicht so easy decouvrieren zu können wie Biden mit seinem Empathievorsprung einer Éminence grise, die Lust aus der Einflüsterung zieht.

Das Besprechen des Mächtigsten als Minnegenuss … Biden pseudo-süffisant: „Ich glaube, sie benutzte mich als ihren Obama-Flüsterer.“

Der Hausherr entlässt Hillary mit dem Gefühl, dass „sie an diesem Morgen nicht alles bekommen hatte, weshalb sie gekommen war“.

Consolidation Behaviour

Um an einer anderen Stelle weiterzumachen. 1973 veröffentlichte ich Froschtanz. Das Werk fehlt heute in keiner Universitätsbibliothek, aber damals verstanden die Wenigstens den Nutzen der Ermittlung von Opportunitätskosten bei Eukalyptusfliegen, der Hauptnahrung von Zwiebel- und Zitronenfröschen. Irgendwann werden sie an unserer Stelle über die Evolution nachdenken, und wir können ihnen dann nicht mehr dabei helfen.

Gengrammatik

"A body is a survival machine for the information that it contains ..." Richard Dawkins

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„Fortpflanzung ist unter Umständen ein gefährliches Geschäft“, sagt Richard Dawkins.

Ich werde nicht müde, mich zu erinnern, wie es war, als Claire so schön wie konfus ihrer Maschinenbauermanie frönte und kein vernünftiger Mensch sie mehr verstand.

Maschinenbauer war ein Codewort des intimen Snobismus aus der Ära unserer Verbundenheit. Wir beriefen uns auf Kallikles, der jeden verachtete, dessen Verdienste mit spezialisierten Handgriffen verbunden waren. Selbst wenn so einer sich Ruhm zu verschaffen wusste, war er doch nur ein „Mann des großen Haufens“ (Jacob Burckhardt); ein Banause im Sklavenkittel. Angestoßen von einem Ereignis in San Francisco, versüßte Claire Briefträgern und Lastwagenfahrern, die an den Wochenenden als Billardkönige und Dartkoryphäen aufschäumten, die kritische Phase der Postadoleszenz. Wir hatten eine offene Ehe verabredet; es drängte mich nicht weniger als Claire, mich in Tümpeln der Gelegenheiten zu verausgaben.

Nach meinem Verständnis testete ich meinen Marktwert auf einer hochoffenen Skala. Ich war das „leuchtend bunte, superattraktive Pfauenmännchen“ mit der überprächtigen Federschleppe in Fisher’s Runaway Selection.

„Von wirklicher Bedeutung für die natürliche Selektion ist das Überleben der Gene. Dem Pfauenmännchen kann man folgende legitime, kurze Formulierung in den Mund legen: ‚Wenn ich mir unauffällige Federn wachsen lasse, werde ich vermutlich lange leben, aber ich finde keine Partnerin. Wenn ich bunte Federn hervorbringe, sterbe ich wahrscheinlich schon früh, aber vorher kann ich eine Menge Gene weitergeben, darunter auch diejenigen für die Herstellung bunter Federn‘.“ Richard Dawkins

Ich ging mit beinah jeder aus, die meine Bedingungen akzeptierte. Trotzdem hielt ich mein Niveau, während Claire nach den Männern beurteilt wurde, denen sie den Vorzug gab. Das war nicht uninteressant für uns Verhaltensforscher*innen. Wir waren auf eine lächerliche Weise konventionell. Das bedeutete allerdings auch, dass Claire mich in der Pflicht hielt, ihr eine adäquate Beziehung zu garantieren.

10:43 14.01.2021
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