Arme Millionäre

Literatur Gary Shteyngart, „Willkommen in Lake Success“ - Ein Hedgefonds-Manager, der Anlagen im Wert von 2,4 Milliarden Dollar betreut, und zum Handlungsauftakt, nach eigener Berechnung, Karuizawa Whisky im Wert von zwanzigtausend Dollar intus ...

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Ein Abend, der alles verändert. Die Ärztin Julianna und der Autor Luis Goodman gehören zu den „mittleren Millionären“ und damit zu den armen Reichen in einem New Yorker Prachtblock nahe dem 1847 eröffneten, in den 1990er Jahren berüchtigten und nun wieder dem bürgerlichen Wohlergehen dienenden Madison Square Park an der 5th Avenue. Die (nicht praktizierende) Anwältin Seema und der Hedgefonds-Vorstandsvorsitzende Barry Cohen residieren achtzehn Stockwerke über den Goodmans unter dem Druck extremer Varianten.

„Der Bug des Flatiron Buildings schwebt mehr als hundert Meter (unter ihrer Etage). Seema und Barry sehen prominent auch den Metropolitan Life Tower, im frühen XX. Jahrhundert kurz das höchste Gebäude der Welt, bis es vom Woolworth Building überholt wurde. Inzwischen nimmt es sich wie das Einfamilienhaus im Plattenbauensemble aus.

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Ein „Manhattan-Mann“, der Anlagen im Wert von 2,4 Milliarden Dollar betreut, und zum Handlungsauftakt, nach eigener Berechnung, Karuizawa Whisky im Wert von zwanzigtausend Dollar intus hat, irrt in einer Sommernacht des Jahres 2016 (Gary Shteyngart spielt auf Trumps Vorlaufphase mit Durchmarschcharakter als Präsidentschaftskandidat an) durch die labyrinthische Weitläufigkeit eines New Yorker Busbahnhof; entschlossen mit einem Greyhound das Weite zu suchen und so ein amerikanisches Freiheitsversprechen einzulösen.

Gary Shteyngart, „Willkommen in Lake Success“, Roman, auf Deutsch von Ingo Herzke, Penguin Verlag, 12,-

Barry Cohen, ein athletischer Ex-Schwimmer mit schwachen Handgelenken, schwebt ein nostalgischer Roadtrip nach Richmond in Virginia vor. Da widerfuhr dem Princeton-Absolventen und Nebenfach-Literaten vor Jahrzehnten etwas Gutes in der Art, wie man es in der saturierten Phase nicht mehr erlebt. Er träumt davon, eine alte Liebe wieder aufzuwärmen. Auf der anderen Seite seiner Erwartungen atmet in aller Ahnungslosigkeit Layla Hayes.

Doch zunächst versagt Barry in den Niederungen mediokrer Selbständigkeit. Sein überstürzter Aufbruch droht an geschlossenen Ticketschaltern zu scheitern. Ein wilder Aufbruchswille kollidiert mit der Trägheit eines den Mühsamen und Beladenen vorbehaltenen öffentlichen Raums. Barry kennt sich da nicht mehr aus.

Upgedatetes On the Road

Er schmeißt sein Telefon weg und kappt so die letzte Verbindung zu der vertrauten Welt.

Der Passagierraum stinkt nach Urin. Ihren Glanz verliert im Gestank die Idee, ein upgedatetes On the Road, in Jack Kerouacs steppenwölfischem Born-to-Be-Wild-Style zu erleben. Das ist keine Unterstellung. Barry beruft sich auf den Beatpropheten, so wie er sich von Francis Scott Fitzgeralds Debüt This Side of Paradise inspirieren ließ. Sein Hedgefonds heißt, vertrauenserweckend gebildet, This Side of Capital.

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Shteyngart schwelgt in den Arabesken jenes verschwenderischen Daseins, dass sein Held gerade hinter sich lässt. Rückblenden beleuchten einen phantastischen Snobismus.

Stilvergehen - In der Gegenwart von Gestern, als Barry noch mit seiner Potenz prahlte

„Eine fähige und gebildete Frau zu heiraten und vom Arbeitsmarkt zu nehmen, galt in Barrys Kreisen als ein Zeichen für Erfolg.“

Mit seiner Frau Seema, einer hochkultivierten und bildschönen Inderin, führt er, wenn Sie so wollen, aus beruflichen Gründen, ein so aufwendiges Luxusleben, dass ihn der Schriftsteller in seiner konkreten Nachbarschaft irritiert.

Wie kann sich ein Schriftsteller leisten, was Barry sich leisten (können) muss, um als Geldmann im Geschäft zu bleiben. Der zur Schau gestellte Reichtum bestätigt die Angaben auf Barrys Visitenkarte.

Kritisiert ihn seine Frau, wirft sie dem Gatten Stilvergehen vor, die ihn aussehen lassen wie den Anlageverkäufer, der er einmal war, und zwar bei JPMorgan Chase & Co.

Strategisch unterbeleuchtet

Barry teilt seine Anschrift mit Rupert Murdoch.

„Wie ein Langstreckenjet war auch ihr Gebäude in Economy, Business und First Class aufgeteilt.“

Bis zum 12. Stockwerk wohnt die armen Reichen. „Mittlere Millionäre“ nennt sie Shteyngart fast mitleidig. Die nächsten elf Etagen beanspruchen Hedgefonds-Vorständler-Familien, „sowie ein argentinisches Modell mit Fußballerfreund, die nicht mehr als eine Woche pro Jahr in New York verbrachte“. Über den Auserwählten residiert dreistöckig Mogul Murdoch.

Barry nimmt Verabredungen wahr, die ihn anöden. Das gehört zur Distinktion. Delinquenz steht auf einem anderen Blatt. Barry fürchtet seine Verhaftung wegen diverser Vergehen gegen Börsengesetze. Sein dreijähriger Sohn Shiva hält als Autist die Familie auf Trab.

„Ein Kind mit dieser Diagnose … bedeutete … ein eigenes kleines Unternehmen zu managen.“

Selbstverständlich überlässt Barry das Krankheitsmanagement seiner Frau. Der überforderte Vater hält sich lieber mit Luxusuhren auf. Der Anblick kostbarer Zifferblätter erlöst ihn sekundenlang von allen Zweifeln.

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Shteyngart übertrifft sich bei der Beschreibung des Wahnsinns. Seema und Barry lassen sich mit einem Fahrstuhl herab, um die Goodmans mit einem Besuch zu beehren. Die Besuchten, sie Ärztin, er Schriftsteller, bescheiden sich auf dreihundertfünfzig „minimalistisch eingerichteten und strategisch unterbeleuchteten“ Quadratmetern. Das Equipment deutet immerhin „Stabilität im obersten Einkommensprozent an“.

Seemas sorgfältig erwogenes Gastgeschenk beweist die Klasse der Gattin.

„Das (ist) einfühlsam von ihr, denn eine Flasche Wein für zweitausend Dollar hätte nur den Unterscheid zwischen dem zwanzigsten und dem zweiten Stock betont.“

Was ist einfühlsam?

Einfühlsam ist eine Megaportion Sambar als Gastgeschenk. Rauscht die superreiche Seema sensibel mit einer Schüssel südindischem Linseneintopf ins Souterrain, ganz so präpariert, als wolle sie sich den Begebenheiten einer Suppenküche gewachsen zeigen. Dazu passt eine „vollmundige Zweihundert-Dollar-Zumutung“, die als Wein auf den Tisch kommt.

Shteyngart exponiert das Anbaugebiet. Es könnte ein Les Aubagues aus Priorat sein. Die meisten Leute, die sich so etwas leisten können, halten sich gewiss für gesegnet. Für den neureichen Barry bezeugt ein Wein aus dem Priorat lediglich einen „merkwürdigen Mittelklassegeschmack“. Ungnädig spekuliert er über Luis Goodmans Herkunft. Jener präsentiert sich als guatemaltekischer Schriftsteller, obwohl er heller noch als der „einzige Weiße“ in der Runde ist. Wer denkt da nicht an Cultural Appropriation und Diversifikation in die Diversität.

Irgendwann geht Barry auf, dass ihn seine Gastgeberin Julianna (er kann sich ihren Namen nicht merken) als Parvenu wahrnehmen … dass ihr Habitus aus altem Geld gemacht sein könnte. Understatement gibt ihm die Vermutung ein. Das ist der Augenblick, in dem Barry über seine Ufer tritt und mit einem achtundvierzig Jahre alten Karuizawa Single Cask Whisky, die Flasche für dreiunddreißigtausend Dollar, „wenn man noch eine findet“, renommiert.

Auf die Schnelle habe ich nur einen 1980 destillierten, 2015 abgefüllten Karuizawa Single Cask mit dem Motto Moon above the Sea at Daimotsu Bay für unter 10.000 Dollar entdeckt. Die Edition ist auf 401 Flaschen limitiert. Barry müsste mehr als drei Flaschen davon den Goodmans unterjubeln, wollte er die Prestigemarke erreichen, die ihm sein heimisches Gesöff bringen soll. Er liftet sich in seine Etage, unterwegs checkt er den Wert des Goodman’schen Prekariats. Der lächerliche Schätzpreis beträgt $ 4,1 Mio.

Der entfesselte Barry spekuliert missmutig über das Vermögen von Julianna und Luis.

Aus der Ankündigung

Ein wahnwitziger Roadtrip durch das zerrissene Amerika Barry Cohen, Sohn eines jüdischen Poolreinigers aus der Bronx, lebt den amerikanischen Traum mit großem Haus und bildschöner Ehefrau. Doch dann kommt der Tag, an dem er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Sein ganzer Lebensplan steht auf dem Kopf und gleichzeitig ist auch noch die Börsenaufsicht hinter ihm her. Ohne nachzudenken, flieht Barry in einem Greyhound-Bus aus New York – auf der Suche nach seiner Collegeliebe Layla, die er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Kann er nach so langer Zeit mit ihr das Leben von damals wieder aufnehmen?

Zum Autor

Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren und kam im Alter von sieben Jahren in die USA. Er legte 2002 mit »Handbuch für den russischen Debütanten« seinen Erstling vor, ein New-York-Times-Bestseller, der u.a. mit dem National Jewish Book Award for Fiction geehrt wurde. Es folgten die vielfach ausgezeichneten Erfolgsromane »Absurdistan« und »Super Sad True Love Story« sowie zuletzt sein autobiografisches Buch »Kleiner Versager«. »Willkommen in Lake Success« ist der vierte Roman des New Yorker Kultautors, er wurde mehrfach zu einem der besten Bücher des Jahres 2018 gekürt und wird von HBO als Serie mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle verfilmt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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