Löwin der Gemeinde

Bess Myerson Bess Myerson, die erste und einzige jüdische Miss America, kam aus der Bronx
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Am 28. Februar 1986 sah ich die Premiere von Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“ am Westberliner Schillertheater. Bernhard Minetti spielte einen ausrangierten Schauspieler vor der letzten Niederlage. Er wartet auf nichts mehr. Selbst sein Starrsinn ist sinnlos geworden. In jeder Erinnerung steckt Widerwillen, wenn nicht Hass. Einmal sagt er: „Das Geborenwerdenverbrechen/ ist nicht zu verzeihen.“ Ein paar Jahre später wäre die Sache im Deutschen Theater oder im Berliner Ensemble über die Bühne gegangen. Sechsundachtzig redete man noch vom Stillstand der Geschichte in ewiger Eiszeit. Ich war einundzwanzig. Kaum, dass ich mitbekam, wie einer auf der Premierenfeier, in meinen Augen ein „Ball der Alten“, sagte: „Sie haben den Palme umgelegt.“

Das war Jargon einer linksbürgerlichen Paranoia. Das Pronomen sprach selbstverständlich einen Staat an, der unter demokratischen Bezügen und amerikanischen Einflüssen zum Monstercock im Wald der Furcht wurde. Im Fall von Olof Palme funktionierte das erstaunlicherweise auch. Der schwedische Ministerpräsident (und linke Leuchtturm) war mit seiner Frau und ohne Leibwächter im Kino gewesen und danach in der Stockholmer City, nah der UBahnstation Rådmansgården, erschossen worden. Zum Täter erklärte man den polytoxikomanen Beschaffungskriminellen Christer Pettersson. Er wurde erst schuldig und dann frei gesprochen. Daraus machte er eine Nummer, mit der er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 tingelte. Pettersson war für die Schweden eine Enttäuschung als alter Groschenjunge, den kein Dunkelmann von Format auch nur zum Einparken seines Jaguars eingesetzt hätte. Der Mann bot sich als Beispiel für moralischen Lochfraß an. Die Aufregung um ihn bezeichnete er in einem Interview als språngbräda - Sprungbrett.

Die Ermittlungen hatten eine Reihe von Sonderkommissionsleitern verschlissen. Am Abenteuerlichsten erschien der Stockholmer Polizeipräsident und Wasalaufveteran Hans Holmér. Er machte die PKK für den Mord verantwortlich. Holmér berief sich zumal auf einen Agenten, der sich Lazar Kagan nannte und die PKK-Theorie mit den Mitteln eines Romanciers stützte. Die PKK habe sich zu einem Auftragsmord hinreißen lassen und keine eigenen Interessen verfolgt. Ich glaubte Kagan kein Wort. In New York traf ich Bess Myerson*, sie sagte: „Ach, der arme Olof.“

* Bess Myerson, die erste und einzige jüdische Miss America, kam aus der Bronx. Man fand das Kind russischer Einwanderer gawky - unbeholfen, staksig eher als schlaksig, vielleicht im Sinne von bambi’esk. Auf ihrer Miss America Tournee 1945 wurde sie mit No catholics, no jews, no dogs Schildern vor den Kopf gestoßen. Das gab ihrem Leben den aktivistischen Drive. Man nahm sie wahr als Löwin der Gemeinde. Sie überlebte Eierstockkrebs und einen Schlaganfall. Sie half Edward Irving Koch Bürgermeister von New York zu werden. Siebenundachtzig verlor Myerson ihr Amt als NY-Kulturbeauftragte. Sie stürzte in den Abgrund einer Anklage. Als Angeklagte in einem Verfahren, das von Verschwörung handelte, fiel das Rollenvorbild von Millionen Amerikanerinnen unter die Ratten. Der Bürgermeister gab als Zeuge im Prozess eine klägliche Figur ab. Ed Koch sagte gegen seine Vertraute aus und kündigte Myerson öffentlich die Freundschaft. Das machte sie fertig.

10:26 02.05.2017
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