Lydia Rabinowitsch und die Frauenbewegung

Lydia Rabinowitsch Im Februar 1897 nimmt Lydia Rabinowitsch am „ersten großen Nationalen Kongress der Mütter“ in Washington teil
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„Zu der damaligen Zeit war das natürlich eine ungewöhnliche Sache, dass die Frau eines Forschers auch eine Forscherin war.“ Robert Kempner, ein Sohn von Lydia Rabinowitsch-Kempner und Walter K. über seine Eltern

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Das Ehepaar Kempner diente Robert Koch im ausgehenden 19. Jahrhundert als wissenschaftliche Hilfskräfte, die ihre Dienste zunächst ohne jedes finanzielle Entgegenkommen verrichteten.

„Den Lebensunterhalt bestritten die Kempners offenbar aus eigenem Vermögen.“

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Zu ihrem 150. Geburtstag am 22. August 2021 erinnere ich an jene Frau, die Carl Bolle im Berliner Milchkrieg zäh Paroli bot und den Großmeier endlich besiegte. Obwohl Lydia Rabinowitsch-Kempner (1871–1935) weltweites Renommee genoss, endete ihre Karriere (nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 07.04.1933) 1934 mit der Zwangspensionierung.

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Rabinowitsch-Kempner findet „in keiner der zahlreichen Robert Koch-Biografien (Erwähnung), obwohl sie über viele Jahre hinweg eine enge Mitarbeiterin (des Nobelpreisträgers) war“. Das stellt Katharina Graffmann-Weschke fest in:

„So wollen denn auch wir in diesem Sinne handeln. Die Bakteriologin Lydia Rabinowitsch-Kempner“, Hentrich & Hentrich, 24,90 Euro

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„Zum ersten Male treten Deutschlands Frauen mit in die Reihe der Frauen anderer Länder, indem sie zu einer allgemeinen Zusammenkunft einladen, zum ersten Male haben sie den Mut, über ihre Arbeiten und Bestrebungen einen Gedankenaustausch mit anderen Ländern herbeizuführen.“

Minna Cauer in ihrer Rede zum Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen (in Berlin vom 19. bis 26. September 1896)

Lydia Rabinowitsch zählt zu den Zeuginnen der Initialzündung. Im Februar 1897 nimmt sie am ersten National Congress of Mothers in Washington teil. Sie tritt als Institutsleiterin des Women's Medical College auf. Das Podium ist erstklassig besetzt. Ikonen des US-Establishments garantieren der Gründungstagung ein historisch markantes Gravitationsfeld. Verstärkt werden die Initiatorinnen Alice McLellan Birney und Phoebe Apperson Hearst von Frances Folsom Cleveland, der Frau des amtierenden Präsidenten, so wie von der zweiten Frau im Staat (Second Lady) Letitia Stevenson. Cleveland und Stevenson nobilitieren den Kongress mit einem Empfang der Spitzenhäupter im Weißen Haus.

Rabinowitsch registriert zumal koedukative Tendenzen in Amerika. In einem Vortrag vor deutschem Publikum führt sie aus:

„Die jungen Leute, sagt der Amerikaner, werden im ‚College‘ zu Kameraden, die durch das stete Zusammensein geschlechtlich einander gleichgültig sind und so den Thorheiten und Phantasieverirrungen der Entwickelungsperiode“ entgehen.

Berliner Milchkrieg

Lydia Rabinowitsch wächst im litauischen Memelmilieu auf. Ihre aus einer Burg herausgewachsene Geburtsstadt Kaunas, damals Kowno, gehört zum Zarenreich und liegt günstig an einer stark frequentierten Route zwischen St. Petersburg und Ostpreußen. Der Vater ist ein städtischer Bierbaron; die Familie lebt großbürgerlich auf einem Gut; wenn auch im Wutschatten von Pogromen. Im Weiteren unterliegt die litauische Bevölkerung „Russifizierungskampagnen“.

Lydia Rabinowitsch nutzt keineswegs selbstverständliche Bildungschancen.

„Hingegen hatte in Russland bereits Katharina II. (1762–1796) durch die Gründung spezieller Institute für nichtadelige Mädchen den ersten Schritt zur höheren Schulbildung getan. Nach ihr übernahmen die Frauen der späteren Zaren die Verantwortung für die Förderung des Schulunterrichts.“

Die weiterführenden Ausbildungen laufen nur sehr eingeschränkt auf Hochschulzugangsberechtigungen hinaus. Der progressive Kern dreht sich um den Nachschub an Lehrerinnen. Akademisch ehrgeizige Untertaninnen des russischen Herrschers immatrikulieren sich an Schweizer Universitäten.

„In Zürich war die erste Studentin der Medizinischen Fakultät im Sommersemester 1867 eine russische Frau.“

Lydia Rabinowitsch studiert in Zürich und Bern Botanik und Zoologie. Die Kolonien der russischen Diaspora sind Drehscheiben und Schwungräder revolutionärer Kräfte. Durch die Schweizer Informationskanäle sickert die Gülle übler Nachrede. Es gibt kaum einheimische Studentinnen, da das gymnasiale Sprungbrett fehlt. Die biedere Bevölkerung betrachtet argwöhnisch das Treiben der oft „kurzhaarigen“ Pionierinnen.

„Die Fremdartigkeit der Russinnen sorgte immer wieder für Gesprächsstoff unter den Schweizerinnen.“

1894 wird Lydia Rabinowitsch Robert Kochs Assistentin am Berliner Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten. Sie arbeitet im Krankenhaus Moabit, das als Seuchenstation gegründet wurde. Vorübergehend übernimmt sie Führungsaufgaben am Women's Medical College in Philadelphia. Sie etabliert da 1896 ein Department für Bakteriologie. Die Tuberkuloseforschung rückt ins Zentrum ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit, die sie überwiegend in der deutschen Hauptstadt ausübt. Rabinowitsch-Kempner weist die Infektiosität der Milch tuberkulöser Kühe nach. Als Expertin gerät sie in eine brandgefährliche Auseinandersetzung mit dem Berliner Milchmogul. Der alte Carl Bolle versucht Rabinowitsch-Kempner zu verschaukeln. Als sie im Auftrag der Stadtverwaltung Bolles Meierei unter die Lupe nimmt, schiebt man ihr abgekochte Milch unter. Die Wissenschaftlerin zeigt den Betrüger an. Der Berliner Milchkrieg zieht sich vor Gericht hin und endet mit einem zukunftsweisenden Hygienekonzept, das Rinder als Überträgerinnen von Tuberkulose ausschließt. Der Kaiser verleiht Rabinowitsch-Kempner 1912 den Professorentitel. Die Ehre wurde zuvor nur einer Preußin zuteil.

„Preußen gehörte 1908 zu den Schlusslichtern bei der Einführung des Frauenstudiums und Zulassung von Hochschullehrerinnen in Europa ... Das am häufigsten gewählte Fach unter den neuen Studentinnen war Medizin ... Die Möglichkeit ein Studium aufzunehmen bedeutete jedoch noch lange nicht, auch die akademische Laufbahn einschlagen zu können ... Eine besondere Ausnahme bildete die Archäologin Johanna Mestorf, die als erste Frau Preußens von der Kieler Universität 1899 den Titel einer Honorar­professorin und zehn Jahre später die Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät verliehen bekam. Das allgemeine Habilitationsrecht erhielten Akademikerinnen erst 1919.“ Quelle

Aus der Ankündigung

Sie war eine international anerkannte Bakteriologin ihrer Zeit und wurde deshalb als erste Frau in Berlin zur Professorin ernannt. Zu ihrem 150. Geburtstag soll auf sie als außergewöhnliche Persönlichkeit erneut aufmerksam gemacht werden … um von ihr zu lernen? Denn bewundernswert ist ihre Durchsetzungskraft in der männlich dominierten Welt um Robert Koch und der Charité sowie ihre Neugier, welche sie die Löwen im Berliner Zoo auf Tuberkulose testen ließ. Mutig war ihr Engagement in der Frauenbewegung, in der sie ihre Erfahrungen als Forscherin und Mutter von drei Kindern zum Schutz der Bevölkerung vor der Tuberkulose nutzte. Ungeahnt sind die Parallelen ihrer Forschungen zu Krankheitserregern vor 100 Jahren mit unserer Realität in der Covid-19-Pandemie. Und beeindruckend ist, dass bei genauem Hinsehen Erinnerungsmöglichkeiten an sie in den letzten Jahren durchaus genutzt wurden. Sie müssen nur gesehen werden.

Zur Autorin

Katharina Graffmann-Weschke leitet als gelernte Krankenschwester, Ärztin und mit einem Masterabschluss in Public Health die AOK Pflege Akademie in Berlin. Ihre medizinhistorische Dissertation über Lydia Rabinowitsch-Kempner wurde 1999 erstmalig veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen in Berlin.

11:36 23.08.2021
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