Lyrische Reinigung

Celan/Heidegger Hans-Peter Kunisch, „Todtnauberg“ - Trotzdem nähert sich der weitgehend willkommene Celan dem komfortabel Verfemten auch mit schönen, ein gemeinsames Vergnügen ...
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Paul Celan ist nicht begeistert von der Aussicht, das gärende Denkmal Martin Heidegger zu treffen. Celan liest zwar in Freiburg (ohne Mikrofon und ziemlich undeutlich), dazu hat er sich von den Germanisten Baumann und Neumann breitschlagen lassen, aber sein vornehmes Ziel ist Frankfurt, wo ihn sein Verleger Siegfried Unseld erwartet. (Mit verschränkten Armen vor seinem Jaguar. So stelle ich mir das gerade vor. Der alte Hitlerjunge als bundesrepublikanischer Gründervater und sein von den Knobelbecherveteranos der Gruppe 47 herabgesetzter Vorzeige-Gedächtniswahrer.)

„Hans Werner Richter … verwies Celans melodisches Vortragspathos … in die Synagoge und verglich es mit dem … Singsang von Joseph Goebbels.“

Der Antisemitismus bricht durch. Die Barbaren wollen den Schuldkuchen unter sich aufteilen. Ich sehe sie förmlich mit ihren Förmchen im Strategiesandkasten der Harmlosigkeit. Die Kahlschläger SS-Günter G., Möchtegern-NSDAP-Günter E*. und Alfred (wegen der Karriere lass ich mich von meiner jüdischen Frau scheiden) A. dem Sinn nach: Wir brauchen nur einen Marcel Reich-Ranicki. Den machen wir satt. Dafür exkulpiert er uns. In dieser Betrachtung irrlichtern Martin Walsers Mordphantasien (Siehe „Tod eines Kritikers“) und sein Keulen-Vortrag 1998 in der Frankfurter Paulskirche in jenem Spuklicht, das durch die Wirtschaftswunderruinen geistert und von Celan in Conrad’scher Ich habe das Grauen gesehen und es hört einfach nicht auf-Manier wahrgenommen wird.

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*Günter Eich stellte 1933 als Märzgefallener** einen Aufnahmeantrag und unterfiel dem Aufnahmestopp.

** Politischer Opportunismus oder die vermeintlich notwendige Sicherung der familiären und beruflichen Existenz trieben Hunderttausende Märzgefallene in die Partei der Sieger. Die Führung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) sah sich daher gezwungen, am 1. Mai 1933 eine Aufnahmesperre in Kraft zu setzen. Quelle

G. Eichs „Inventur“ das Kahlschlag-Gedicht/Lyrik um den Preis der Poesie (mutierter Weyrauch)

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

Celan in Freiburg, Heidegger breitet sich in der Hotellobby aus

Celan schwankt zwischen kantig konturierter Ablehnung der verstrickten Paradeexistenz ohne Ach und Aber und einer gefühlten Nachbarschaft von Poesie und Philosophie. Kunisch rekommandiert nicht zu viel Saumseligkeit:

„Seit er Heideggers Sprache zum ersten Mal begegnet ist, liest Celan sie immer wieder mit Staunen.“

Aber auch:

„Er will diesem zwielichtigen Menschen mit dem Treffen keinen Persilschein ausstellen.“

Unvollendet und geheimnisvoll soll nach Kennerauffassung sein, was da dräut in der Lobby eines Freiburger Hotels zunächst. Jedenfalls will sich Celan nicht auf einem Foto mit Heidegger wiedererkennen. Der Zurückgewiesene reagiert lakonisch. Zu denken ist an Höckes Reaktion auf die Thüringer Handschlagverweigerung. Ich erinnere an das ausweichende Lächeln; die schamlose Attitüde. Dann eben nicht.

Die Aufnahme hätte einer Rehabilitation entsprochen. Deren eben nicht aus der Luft gegriffene Verweigerung entspricht einem Urteil des Überlebenden. Heidegger geht darüber hinweg. Dann eben nicht.

Im Roman ordnet Kunisch den Eklat der leicht herabwürdigend eingeführten Gattin des Germanisten Baumann zu. An anderer Stelle ist von einem Mann (Pressefotografen?) in dieser den Dichter aufschreckenden Rolle die Rede.

Hans-Peter Kunisch, „Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung“, Roman, dtv, 350 Seiten, 24,-

In Rückblenden leuchtet Kunisch die Vergangenheit seines Favoriten aus. Bereits 1943 stößt Celan auf Heideggers Werk. Die Spur wird heiß in Nachkriegsbegegnungen mit Ingeborg Bachmann. Diese beiden sehen sich in Wien und erkennen auf Gleichrangigkeit.

„Fünf Jahre jünger, ist (Bachmann) schon in einer Celan vergleichbaren Position:

Noch ohne Buch, aber von Erwartungen umgeben.“

Bachmann promoviert über und „gegen“ Heidegger. Nach ihren Begriffen stößt Heidegger nur scheinbar ins Unsagbare vor. In Wahrheit komme der Pseudopionier gegen Wittgenstein nicht an und über die Wolkenvokabular-Huberei eines Mythendreschers nicht hinaus. Berühmt wird Bachmann bald auf der ganzen Linie und so auch als Spiegel-Titelbildpersönlichkeit.

Celan steigt tiefer in den Brunnen. Er zieht „die Asche* ausgebrannter Sinngebung“

*von Millionen Menschen

in einen Kontext sprachlicher Offenbarungen; des Glaubens an die Vollkommenheit der Schöpfung unter den Lügen der Zeit; an lyrische Reinigungen einer kontaminierten Weltsicht.

Indem man zu einer ursprünglichen (naiven) Schau zurückkehrt, gewinnt man sich selbst auf der höchsten Stufe des Seins.

Kunisch verweist auf die rückgewandte Utopie, die diesem Denken Räume aufmacht – Echokammern des Entsetzens, die Celan durchschreitet, nicht ohne immer weiter Schaden zu nehmen; vor allem aber auch sentimental von dem Reaktionär getrennt.

Gauche du cœur

Celan ist ein Gefühlslinker, wie Kunisch darlegt. Trotzdem macht er kein Ende mit Heideggers Primeln.

Celan durchschaut den Philosophen als einen Nationalsozialisten, der sich verstellt und für die Zukunft faschistische Depots anlegt. Kunisch fasst Heidegger zusammen:

Die Philosophie des Nationalsozialismus habe mit ihren Nachkriegsinterpretationen nichts gemein. Heidegger besteht auf „innere Wahrheit und Größe dieser Bewegung“.

Hinzu kommt, dass da, wo Heidegger herkommt, der katholische Antisemitismus seit Jahrhunderten zuhause ist. „Im ländlichen Oberschwaben“ gehört die Judenfeindlichkeit zur richtigen Religion, so Kunisch.

Trotzdem nähert sich der weitgehend willkommene Celan dem komfortabel Verfemten auch mit schönen, ein gemeinsames Vergnügen evozierenden Gedanken. Ihm ist Heidegger lieber als die „patentierten Antinazis wie Böll und Andersch*“, die an ihren Verfehlungen nicht würgen.

*„Ich sehe, wieviel Niedertracht in einem Andersch oder Böll steckt.“

Kunisch erkennt nicht, wo Heidegger würgt. Der „weltberühmte Paria der universitären Philosophie“ wirkt vielmehr berechnend auf eine Verbesserung seines Rufs bedacht.

Vielleicht ist das der triftigste Grund, weshalb Heidegger zu Celan aufschließt und dabei so tut, als sei er der Konzertmeister und Celan ein vorspielender Geiger: um im deutschen Frühling von Siebenundsechzig noch einmal Auftrieb zu kriegen.

12:31 19.03.2020
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