Lyrisches Delirium

Literatur Als der neurechte Dichter Storm Linné eine Veranstaltung im Geist der antifaschistischen Zivilgesellschaft zu seiner Bühne zu machen versucht, weckt er auch das Interesse
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Als der neurechte Dichter Storm Linné eine Veranstaltung im Geist der antifaschistischen Zivilgesellschaft zu seiner Bühne zu machen versucht, weckt er auch das Interesse eines Frankfurter Feuilletonisten, der mit der Erwartung des Üblichen seine Anwesenheit als eine den Gestörten ehrende Geste verstanden wissen will. Der freischwebend-linksdrehende Haltungsjournalist Jan Brock strebt die Gegneranalyse im persönlichen Austausch mit Linné an. Das erzählt Jörg-Uwe Albig in seinem Roman „Zornfried“.

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Hartmut Freiherr von Schierling empfängt als Hausherr von Zornfried den Frankfurter Journalisten Jan Brock im unterfränkischen Spessart. Schierling hält an obsoleten Landschaftsbegriffen und Wegmarken fest. Der Postbote liefert am Portal der Burg Krotzenstein ab. In der (als Gauleiterschule nationalsozialistisch kontaminierten) Festung denkt man darüber nach, wie die „kulturelle Hegemonie“ zu einer rechten Sache werden könne. Man studiert Antonio Gramsci sowie man linke Guerilla-Taktiken im Allgemeinen dem rechten Repertoire zuführt.

Jörg-Uwe Albig, „Zornfried“, Roman, Klett-Cotta 161 Seiten, 20,-

Jörg-Uwe Albig nimmt Maß an der 2008 gegründeten „Konservativ-Subversiven-Aktion“ (KSA). Sein Erzähler verbreitet als Berichterstatter seit Jahr und Tag gebetsmühlenhaft zivilgesellschaftliche Widerstandsformeln. In seiner Umgebung sind sich alle einig und gleiten gemeinsam über die Wehret-den-Anfängen-Schiene. Brocks Interesse gilt dem in Zornfrieds historischem Ambiente produzierenden und im „Sparta-Verlag“ publizierenden Schwulstdichter Storm Linné. Schierling soll Brock nur als Türöffner dienen, rückt dann aber doch ins Zentrum der Handlungsgegenwart.

Albig schildert Linné nicht allein als geistigen Brandstifter und Schreibtischtäter, sondern auch als fintierenden Aktionskünstler. Brock vermutet in Wesen & Werk des Burgfriedklausners eine gefährliche Anziehungskraft: ein stuhlkreisstiftendes Faszinosum.

Was, wenn Linné als Stefan George eines nationalfiesen Akademikerzirkels heimliche Berühmtheit gewönne?

Brock vergleicht Linné mit Grass, Böll, Neruda und den Autor*innen der RAF. Trotzdem zerpflückt er die Poesie aus dem Wald. Linnés lyrisches Delirium entlarvt er als schepperndes Blech. Zugleich stellt er fest: Die Rechten haben die Waffen des Geistes entdeckt.

Zum Schluss zieht Brock die Fortschrittsbehauptung zurück. Vor der Demontage der entlegenen außerparlamentarischen Gegensprechanlage (aka brauner Spuk) verirrt er sich in semi-somnambulen Zuständen. Als eine Abteilung des zivilgesellschaftlichen Widerstands vor Zornfried in Stellung geht, betrachtet er die Ereignisse von der hohen Warte der Wehrgänge und Terrassen. Antiimperialistisches Fliegzeug trifft ihn am Kopf. Für die Belagerer steht Brock, der den Aufmarsch initiiert hat, zweifelsfrei im Lager der Feinde. Kurz nimmt Albig seiner Figur die Eindeutigkeit. Der Autor lässt sie an Linnés Stelle schillern. Dann geht es weiter auf der Klappergass‘ des Erwartbaren. Brock fährt zurück nach Frankfurt, befreit von der Einsicht in die Belanglosigkeit des deutschtümelnden Treibens zwischen Kinzig, Sinn und Main … „schließen rings den Spessart ein“.

16:47 18.09.2019
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