Flächendeckend speicheln

#Leben Nach dem Mord an der Vollzugsbeamtin Michèle Kiesewetter suchte die Polizei eine „Frau ohne Gesicht“ mit männlichem Habitus ...
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Soziale Temperatur

Wendla Bergmann wird die Aufklärung als Versäumnis zum Verhängnis. Das Verhängnis heißt frühe Schwangerschaft und steht so geschrieben in Frank Wedekinds jugendbewegtem Drama Frühlings Erwachen aus dem Jahr 1891. Uraufgeführt wurde es 1906 in Berlin. Hundert Jahre später spielt Special Agent-in-Charge Phoebe Lykowa in ihrer Antrittsrede auf Wendla an. Die Choreografie der Amtseinführung erzeugt ein eigenes Milieu. Ich registriere, wie Phoebe die soziale Temperatur unserer Abteilung reguliert. Ihr Vorgänger, ein Ex von mir, sagte einmal: „Man trägt an diesem Job so schwer wie an einem Schneckenhaus.“

Phoebe beschreibt sich als geborene Pfadfinderin. Ihre Mutter sei Professorin für nachhaltige Waldbewirtschaftung. Das bestimme die Familienperspektive von jeher. Bei den Lykowas habe man schon zustimmend über Achtsamkeit geredet, als ihre Nachbar:innen das noch für aufgeblasenen Schwachsinn hielten.

Am besten lerne man einen Menschen kennen, indem man ihm beim Kofferpacken zuschaue.

Am Beispiel eigener Reisevorbereitungserfahrungen entwirft Phoebe ein Panorama des ambulanten Seins, gleichviel ob in Lubbock oder in Braunschweig. Zahnseide, Dinkelkissen und Schuhputzzeug werden nie vergessen, aber Wattestäbchen seien etwas, das der Umsicht und Vorausschau gern entgehe. Oft müsse man sie nachkaufen sozusagen, so lerne man Drugstores kennen. Voller Hochachtung für die Fluse als Detail leert Phoebe ihren Koffer coram publico, schon frage ich mich, stirbt gerade eine aus Liebe zur Bagatelle, da kommt Michèle Kiesewetter um die Ecke der Erzählung. Ja, Phoebe belämmert uns mit einer Geschichte, die aus der Harmlosigkeit direkt auf einen Kongo der gemeinen Dummheit führt. Bekanntlich suchte die Polizei nach dem Mord an der Vollzugsbeamtin eine „Frau ohne Gesicht“ mit männlichem Habitus; in die Irre geführt von kontaminierten Wattestäbchen. Eine Groteske rassistischer Unterstellungen lieferte den Begleittext der Ermittlungen. Phoebe holt den Gedankenunrat aus Amtsstuben ins Licht der Gelegenheit, über Vorurteile mit Pensionsanspruch zu reden. Ein Kollege bedauerte, dass man sogenannte mobile soziale Gruppen, gemeint sind Roma „nicht flächendeckend speicheln“ lassen dürfe, um DNA-Spuren zu vergleichen. Die Täter mussten sich schon selbst enttarnen, sonst wäre die Story vom mordend nomadisierenden osteuropäischen Mannweib immer noch aktuell. Das ist kein kleines Tennis: wie Phoebe die Beschaulichkeit im kleinen Kreis ihrer Untergebenen aufmischt.

12:14 24.05.2021
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