Mansons Vermächtnis

Literatur Cat Person - Kristen Roupenian erzeugt eine Intensität, die Distanzierung anstrengend macht. Der Druck ist sofort da.
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Alle paar Jahre taucht jemand auf und spielt bekannte Melodien perfekt auf eine unvertraute Weise. Man erkennt das daran, dass der Körper sich der Kontrolle entzieht und einfach reagiert. Die Erschütterungen sind unabweisbar. Wie ein Kind, das sich an einen Gegenstand verliert, kriegt man heiße Ohren beim Lesen von Kristen Roupenians Kurzgeschichtenband „Cat Person“.

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Niemand liegt immer richtig. Zu den Lebensrätseln vieler Leute zählen Fehlgriffe am Liebesbarren - erotische Abstürze erst in den Jahren der uferlosen Adoleszenz und dann auf den engen Vorhöfen der Vergreisung. Margot liegt garantiert falsch mit Robert. Sie studiert und arbeitet außerdem in einem Kino, das Filme zeigt, die nicht in Hollywood gedreht wurden. Sie ist extrem behütet aufgewachsen. Vielleicht macht sie das anfällig für schräge Typen; die Hoffnung auf Gewinne außerhalb des eigenen Barrios.

Kristen Roupenian, „Cat Person“, aus dem Amerikanischen von Nella Beljan und Friederike Schilbach, Blumenbar, 288 Seiten, 20,-

Margot lässt sich mit unklaren Empfindungen (in der ganzen Bandbreite zwischen Ablehnung und Zuneigung) auf den alten Sack Robert ein, einer korpulenten Normalnull ü30 mit Honda Civic. Sie lädt Robert schließlich dazu ein, mit ihr ins Bett zu gehen, erleidet Sex im Duldungsmodus und erwehrt sich in den folgenden Wochen der Avancen des Versagers via SMS. Das ist der Kern, um den sich das Geschehen der Titelgeschichte „Cat Person“ dreht – einem rekordverdächtig oft heruntergeladenen Viralwunder, das als Musterszene zum #MeToo Diskurs aufgefasst wurde. In Roberts Bett möchte Margot ihre Zustimmung zurückziehen und erlebt nicht nur die Artikulation ihrer Neubewertung als Überforderung.

„Margot saß auf dem Bett, während Robert sein T-Shirt auszog und seine Hose aufknöpfte. Er hatte sie schon bis auf die Knöchel heruntergezogen, als er bemerkte, dass er die Schuhe noch anhatte, und er beugte sich vor, um die Schnürsenkel aufzubinden. Wie sie ihn da so sah, so ungelenk vornübergebeugt, mit dem Bauch, dick und weich und stark behaart, dachte Margot: O nein. Aber der Gedanke daran, was es an Aufwand bedeuten würde, jetzt zu stoppen, was sie in Bewegung gesetzt hatte, war überwältigend. Es hätte ein Maß an Takt und Sanftmut gebraucht, dass sie sich nicht vorstellen konnte, aufzubringen. Das Problem bestand nicht darin, dass er sie zu etwas zwingen könnte, was sie nicht wollte. Eher darin, dass, wenn sie jetzt darauf bestand, aufzuhören, nach allem, was sie unternommen hatte, damit es so weit kam, es sie mies und launenhaft hätte aussehen lassen. So als hätte sie in einem Restaurant eine Bestellung aufgegeben, nur um das Essen dann, als es kam, zurückgehen zu lassen.“

Sozial taub

Alle paar Jahre taucht jemand auf und spielt bekannte Melodien perfekt auf eine unvertraute Weise. Man erkennt das daran, dass der Körper sich der Kontrolle entzieht und einfach reagiert. Die Erschütterungen sind unabweisbar. Wie ein Kind, das sich an einen Gegenstand verliert, kriegt man heiße Ohren beim Lesen von Kristen Roupenians Kurzgeschichtenband „Cat Person“. Ungeduld stellt sich ein, wie bei Hunger oder beim Schlangestehen.

Man gerät in einen Sog, der nicht angenehm ist. Kristen Roupenian erzeugt eine Intensität, die Distanzierung anstrengend macht. Der Druck ist sofort da wie bei einem Angriff. Dazu kommt Irreführung. Die erste Geschichte, „Böser Junge“, lässt den Leser zuerst glauben, der strapazierte Riemen vom sozial tauben Gast, der nicht begreift, dass seine Wirte an sich halten müssen, um ihn nicht vor die Tür zu setzen, als alten Wein im neuen Schlauch serviert zu bekommen. Der böse Junge ist verhaftet in einer schrecklichen Beziehung, die sich nicht einfach beenden lässt, aber auch nicht richtig weitergeht. Natürlich verdient er das Mitgefühl seiner Freunde, eines im Rausch der Übereinstimmung auftrumpfenden Paars. Die Gastgeber übernehmen sich in zunehmender Gemeinheit. Sie versklaven den Dritten in ihrem Bund, um Lust zu schinden und zahlen den Preis aller Exzessiven, die zu den üblichen Tarifen nicht mehr auf ihre Kosten kommen.

„Look at Your Game, Girl“ - Nach einem Umzug der vertrauten Umgebung entzogen, isoliert sich Jessica und spinnt sich ein. Sie hört Guns n‘ Roses auf einem Spielplatz, beobachtet Skateboarder, deren brettharte Bäuche ihr etwas signalisieren, und gerät in den Bann eines Verwahrlosten, der eines Mörders Freund einst war. Er versorgt Jessica mit einer Kassette, die beweist, dass Charles Mansons musikalisches Charisma hatte.

„Sardinen“ – „Je weiter Tilly in die grauenvolle Pubertät stolpert, desto mehr besteht sie darauf, sich wie ein Baby zu benehmen, indem sie versucht, eine Niedlichkeit zurückzugewinnen, die sie nie hatte.“

Die längste Zeit wurde Tilly „gemobbt und ausgegrenzt“. Ein Spiel, es heißt „Sardinen“, hilft ihr, „sich aus ihrer Position am unteren Ende der sozialen Hierarchie“ zu befreien. Sie besteht darauf, es an ihrem Geburtstag auf dem Anwesen des getrenntlebenden, mit einer jungen Freundin glücklichen Vaters zu spielen. Sie beweist sich so als Komplizin ihrer hassenden Mutter. Auf wenigen Seiten schildert Roupenian drei Positionen in den Laufgräben der Feindschaft. Tilly opponiert gegen & fraternisiert mit einer verschlampten Mutter namens Marla, die am Merlot saugt, einem unstillbaren Verlangen zum Trost; nach Rache sich sehnend, als sei sie die Liebe. Und da ist schließlich noch die Neue in der Jugendhaut, die in ihrem Revier die Gegnerin und ihre Brut aushalten muss. Eine unglaubliche Konzentration auf die Essenz gelingt Roupenian jedes Mal. Doch an dieser Stelle lässt sich besonders viel begreifen.

„Nachtläufer“ - Ein amerikanischer Pfadfinder in der Maske des Pädagogen scheitert irgendwo in Afrika an einer weiblichen Rasselbande, die ihn systematisch verätzt. Das Grauen des Altruismus, den eine kleine Buschgesellschaft als Perversion entlarvt, der man vor die Tür scheißen muss, damit der Wahnsinn nicht ins Kraut schießt, erledigt den Weißen.

„Sobald es Nacht wurde, schlich sich Grace in Aarons beengtes, säuerlich riechendes Zuhause und brachte mit jedem Atemzug zum Ausdruck, dass sie sich hier nur vorübergehend aufhielt und dass es unter ihrer beider Würde war, ihre Zeit in einer solchen Elendshütte zu verbringen. Einmal rückte sie direkt mit der Sprache heraus und fragte ihn: »Warum bist du den ganzen Weg von Texas hergekommen, um in dieser kleinen Hütte zu wohnen? Weißt du denn nicht, dass sogar der Koch der Schule ein schöneres Haus hat?“

Aaron erscheint wie von Joseph Conrad erfunden: „Ich sah ihn an, in Verwunderung verloren. Da stand er vor mir, kostümiert, als wäre er einer Komödiantentruppe entlaufen, begeistert, unwahrscheinlich. Sein Dasein selbst war unwahrscheinlich, unerklärlich und ganz und gar verwunderlich. Er war ein unlösbares Problem. Es war unbegreiflich, wie er hatte leben, wie er hatte soweit kommen können, wie er es fertiggebracht hatte, durchzukommen – und warum er sich nicht im Augenblick in Nichts auflöste.“

So steht es geschrieben im „Herz der Finsternis“. Roupenian ist so groß wie Conrad & Capote.

Kristen Roupenian, „Cat Person“, aus dem Amerikanischen von Nella Beljan und Friederike Schilbach, Blumenbar, 288 Seiten, 20,-

16:24 23.01.2019
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