Marmorschneider

Charles Baudelaire war sich für die Rolle des flotten Feuilletonisten nicht zu schade
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„Das Ufer des Kummers“ verschwindet im Rausch hinter „wohltuenden Nebeln“. Das ist eine Vagabundenbinse. Baudelaire knüpft sie an das Schicksal des namenlosen Spaniers, der mit Paganini durch jene Zeit tingelte, in der der anschließend Weltberühmte noch ein Straßenniemand war.

Eingebetteter Medieninhalt

Ein Vierteljahrhundert war ich ein Liebling der Lokalredakteur:innen. Die von den hohen Rössern ihrer Ambitionen gestürzten, in dem Regime drakonisch-penibler Kaninchenzüchter:innen und Karnevalsvereinsvorsitzender versauernden Chef:innen feierten mich als Geschenk des Himmels. Ich war die Edelfeder, die keinen großen Gegenstand brauchte, um sich grandios zu fühlen. Ich kokettierte mit einem Logenplatz in der letzten Reihe. Begeistert ließ ich mich überallhin schicken.

Er verliebt sich in Pilsstuben, hieß es andächtig. Ich fand das nur natürlich. Schließlich war ich Regionalist, bis ich mein Herz an die Bagatelle an sich verlor. Die Migrationsarie schmetterte ich en passant. Meine Liebe galt der Schrunde im Asphalt, kuriosen Säuferampeln und der Straßenbahnschilderantike.

Straßenniemand/Prekäres Duo

Selbst jene, die glauben, alles über mich zu wissen, kennen die vielen Pseudonyme nicht, hinter denen ich mich verbarg, während ich ein halbes Dutzend main-hessischer, -fränkischer, -pfälzischer und ab und zu auch rheinhessischer Periodika mit Nachrichten und Stimmungsberichten aus der Hinterwelt versorgte. Darüber würde ich kein Wort verlieren, wäre Baudelaire nicht auch einer von der leichtsinnigen Truppe gewesen; so ein Wald- und Wiesenhasadeur, wie man ihn in den Angler:innenheimen und auf den Hochplateauaussichtspunkten trifft. Die Organisator:innen ländlicher und kiezlicher Vergnügungen sind niemals die letzten Heuler:innen. Sie wirtschaften aus Überschüssen. Oft führen sie Betriebe und engagieren sich auch noch an tausend anderen Stellen ehrenamtlich, vor allem konfessionell. Sie schätzen die solventen Aktivist:innen des Alltags im Rahmen nachbarschaftlicher und knapp übernachbarschaftlicher Angelegenheiten. Dass ich über sie schrieb, erlebten sie als Surplus-Würdigung. Diese Leute waren froh, dass man ihnen nicht die letzte Gurke schickte, sondern den flotten Herrn T., der bekanntlich auch am Hochkulturreck turnte.

Charles Baudelaire, „Wein und Haschisch“, Essays, aus dem Französischen von Melanie Walz, mit Nachwort von Tilman Krause, Manesse, 22.95 Euro

So ein Ausgeschlafener war auch Baudelaire. Er untermalte, übertrieb und unterstellte, was das Zeug hielt.

Unser Spanier hatte ... einen anderen Spanier ausgemacht, einen Landsmann. Dieser war im Bestattungswesen tätig, ein Marmorschneider. Wie alle im ... war er ein fleißiger Trinker.

Das meinte ich. Baudelaires Urteilsfreudigkeit stinkt zum Himmel der Selbstherrlichkeit. Er framt, cancelt und murkst auf den Folien seiner Vorurteile. „Das Ufer des Kummers“ verschwindet bei ihm im Rausch hinter „wohltuenden Nebeln“. Das ist eine Vagabundenbinse. Baudelaire knüpft sie an das Schicksal des namenlosen Spaniers, der mit Paganini durch jene Zeit tingelte, in der der anschließend Weltberühmte noch ein Straßenniemand war.

Das Duo führt das Leben der Bohemiens, der wandernden Musikanten, der Leute ohne Familienbande und ohne Heimat.

Man übt, wo man steht und geht. Gemeinsame Ziele verfolgt man auf getrennten Wegen.

„Paganini (wandert) auf der anderen Seite des Weges. Das (ist) eine Übereinkunft zwischen ihnen.“

Bald mehr.

Grauenhaftes Etwas

Charles Baudelaire findet ein Gemälde so verboten, dass es ihm nicht reicht, in der Sache „das absolute Gegenteil von Kunst“ zu erkennen. Vielmehr stellt er eine „kriminelle Absonderlichkeit“ fest. Er wütet und weitet das Areal seiner Abneigung so weit aus, dass der Urheber des „grauenhaften Etwas“ sich vor Nachstellungen nicht in Sicherheit zu bringen weiß.

Baudelaire nennt den Verfolgungswahn „philosophische Neugier“.

„Ich wettete mit mir selbst, dass er von Grund auf schlecht sein müsse ... Ich erfuhr dass das Ungeheuer regelmäßig vor Tagesanbruch das Bett verließ ... und nichts anderes trank als Milch!“

Psychologisches Barometer

Baudelaire hält das Dichten für eine rein männliche Domäne. Das beweist er in dem Essay Von den Mätressen. Unter diesem Titel listet B. „gefährliche Frauen“. Für die „despotische Seele eines Dichters (sei) die ehrbare Frau eine magere Weide“. Der „Blaustrumpf“ taugt gar nichts. Der Schauspielerin spricht B. schließlich sogar ab, „eine Frau im wahren Sinn“ zu sein. Die Begründungen sind so albern, dass ich mich mit ihnen nicht aufhalte. Ich verweile bei der kurzen Entgleisung doch nur, um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, alles Strittige allenfalls zu überfliegen und es mit dem Tau meiner Aufmerksamkeit kaum zu benetzen. Nein, ich lese den Unfug Zeile für Zeile. Ja, ich beeile mich nicht einmal fertig zu werden mit der Lächerlichkeit, die darin gipfelt, dass ein Dichter nur „Freudenmädchen oder dumme Frauen“ gewogen sein dürfe.

Die Titelschote komplettiert sich im Nachsatz. „Verglichen als Mittel zur Vervielfältigung der Persönlichkeit“ folgt der Überschrift „Wein und Haschisch“. Baudelaire nimmt E.T.A. Hoffmann in die Pflicht als Gewährsmann für die Vorschrift: Der gewissenhafte Musiker soll sich Champagner einschenken, wenn er eine komische Oper komponiert.“

Nach der Kreisleriana verlangt religiöse Musik Rheinwein oder Wein aus dem Jurançon. Heroische Musik braucht Burgunderbeat. Baudelaire rühmt Hoffmanns Vorurteilslosigkeit. Der komponierende Kollege habe ein „eigerartiges psychologisches Barometer erstellt“. Im Verein mit Hoffmann treibt Baudelaire Zustände zusammen, angefangen bei der Nachsicht eines ironischen Geistes bis zur sarkastischen Fröhlichkeit. Der Essayist argumentiert direkt aus dem Portfolio persönlicher Vorlieben und Empfindungslagen. Er verzichtet auf Distanz und Abstraktion. Anders gesagt, er rezensiert die Hoffmann'sche Burleske ernsthaft; der eine Dichter nimmt den anderen beim Wort und findet die aus unmittelbaren Erleben gewonnenen Einsichten plausibel.

Der Wein macht die Musik.

Das bezeugt einen höheren Ordnungssinn. Die Römer nahmen mit Wein Völker für sich ein. Unter unseren Besten gibt es Autor:innen, die dem Rebstock eine zivilisatorische Kraft zusprechen.

Bei Baudelaire brüsten sich mit Nüchternheit nur solche, die etwas zu verbergen haben.

„Ein Mensch, der nur Wasser trinkt, hat seinen Mitmenschen etwas zu verbergen.“

„Die ihr einen unersättlichen Geier nährt“
Die Orgie als Quelle der Inspiration hat ausgedient. „Gesunde Ernährung ... ist das Einzige, was ... Schriftsteller benötigen.“
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„Ihr alle die ihr einen unersättlichen Geier nährt ... möge die Liebe euch ein Beruhigungsmittel sein.“

Baudelaire wähnt sich in einer Gesellschaft, „die Hinfälligkeit jeder Art schätzt“. Der Dichter erkennt in den Verhältnissen „ein großes System von Widersprüchen“, in dem die Eitelkeit vor den Spiegeln des Nichts triumphiert.

Auf den Stoppel- und Rieselfeldern geistiger Armut fährt Baudelaire reiche Beobachtungsernten ein.

Die von Baudelaire ermahnten Leser:innen finden, so sagt es das Genie, irrtümlich die Zeit kostbar und die Natur grausam. Falsche Auffassungen grassieren im Dutzend billiger.

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Man muss schnell schreiben. Wie von einem fliehenden Pferd davongetragen, darf man selbst „bei der Geliebten“ die Verwertungskette nicht reißen lassen. Seufzt sie, treibt man die Regung in einem Roman auf die Spitze.
Von Überarbeitungen rät Baudelaire ab.
„Ich bin kein Befürworter von Korrekturen“, erklärt er, da sie Manuskripte in Unordnung brächten. Erschmäht Balzac, der sogar noch Druckfahnen „aufs Lächerlichste“ vollschmiere.
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Die Orgie als Quelle der Inspiration hat ausgedient. „Gesunde Ernährung ... ist das Einzige, was ... Schriftsteller benötigen.“
Aus der Vorschau
Wer Charles Baudelaire ausschließlich als Verfasser der dunkel-brillanten Gedichte aus «Die Blumen des Bösen» kennt, lässt sich ein wahres Lesevergnügen entgehen. In seinen geist- und pointenreichen Essays vergleicht Baudelaire die unterschiedlichen – und nicht gleichermaßen empfehlenswerten – Wirkungen von Wein und Haschisch, gibt jungen Schriftstellerkollegen Tipps zum Umgang mit Gläubigern, schildert seine Begeisterung nach der ersten Aufführung einer Wagner-Oper in Paris oder erteilt Ratschläge, wie man das Glück in der Liebe finden kann. In dieser exklusiven Zusammenstellung in Neuübersetzung begegnet uns der feinsinnige Ästhet als ironischer Lebenskünstler, als hellsichtiger Literaturkritiker und als wortmächtiger Protagonist der Pariser Boheme.

Gebunden in dunkelroten Samt mit Glanzfolienprägung, ist der Band zudem ein bibliophiler Hingucker.

»Ein wunderbares Buch ... Baudelaire erzählt hier sehr geistreich von der Apologie des Weines, der Literatur, von dem Rausch, den wir durch die Musik erhalten können.«

Zum Autor

Charles Baudelaire (1821–1867) war Dandy, Ästhet und Inbegriff der Pariser Künstlerbohème. 1857 veröffentlichte er den Gedichtzyklus "Die Blumen des Bösen", der ihm eine Anklage wegen "Beleidigung der öffentlichen Moral" eintrug. Seinen Zeitgenossen war er vor allem als scharfsinniger Kunst- und Literaturkritiker bekannt.

10:59 30.04.2021
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