Meister:innen des ersten Ranges

#DailyStorytelling „Das Ende zu finden wissen. - Die Meister des ersten Ranges geben sich dadurch zu erkennen, dass sie im Großen wie im Kleinen auf eine vollkommene Weise das Ende zu finden wissen ...“ Friedrich Nietzsche
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Die Kunst lebt vom Zwang und stirbt an der Freiheit.“ André Gide

„Misery acquaints a man with strange bedfellows.“ William Shakespeare

„Geruch und Geschmack des Apfelweins, des Gruyère-Käses – aufgehoben im sahnigen, polierten, durchsichtig-kühlen Helldunkel des Esszimmers, das die Gerüche durchziehen wie zarte Adern das Innere eines Achats, während die Messerbänke aus prismatischem Glas Regenbogenfragmente flimmern lassen oder da und dort Pfauenfeder-Augen hintupfen.“ Marcel Proust

„Das Ende zu finden wissen. - Die Meister des ersten Ranges geben sich dadurch zu erkennen, dass sie im Großen wie im Kleinen auf eine vollkommene Weise das Ende zu finden wissen, sei es das Ende einer Melodie oder eines Gedankens, sei es der fünfte Akt einer Tragödie oder einer Staatsaktion.“ Friedrich Nietzsche

*

Jede Trennung verschärft die Dauerkrise ihres Daseins. Die ständige Atemnot und eine solide Hinfälligkeit signieren einen Zustand, dessen Ladungen nur mit komplizierten Narrativen gesichert werden können. Die fadenscheinigste Normalität hält wie eine zu kurze Decke notdürftig her. Barbora entgeht allein in der Gegenwart einer zur äußersten Fürsorge entschlossenen, restlos alarmierten und in permanenter Bereitschaft gehaltenen Person der Panik eines Ertrinkenden. Falls sich eine Unterbrechung der Symbiose nicht abwenden lässt, treten Vorkehrungen mächtig in Kraft. Die Mutter verabschiedet sich zu einem so frühen Zeitpunkt, dass dem Abschied wenigstens eine Dimension fehlt; so dass die vorläufige Endgültigkeit sich wie in einem Jahrmarktsschwindel auflöst. Man ist eben erst auf dem Bahnsteig angekommen; der Zug fährt noch gar nicht ab. Die Frist wirkt als Puffer. Erst als Barbora ihren Platz einnimmt, beweist sich die Abwesenheit der Mutter als unabweisbare Tatsache. Der Mutter zum Ersatz diene ich. Mit mir reist Barbora in die Ferien nach Staffelstein.

Da mache ich meine Beobachtungen in Staffelstein

Ein später Vater möchte das Kind sein, das ihn bedrängt. Während die Mutter sich an einem anderen Tisch mit Freundinnen bespricht. Man hat den Nachmittag im Park verbracht, nun also Limonade auf der Gasse.

Den Vater kennt jede(r). Spaziergänger:innen und Radfahrer:innen bleiben stehen, um mit ihm zu reden. Keine(r), der nicht auch dem Kind Beachtung schenken würde, nach der Mutter fragt.

»Die sitzt da«, sagt der Vater fleißig. Trotz der Glückwünsche und Selbstbeglückwünschungen zu einem gelungenen Tag steckt viel Unruhe und Hader in ihm. Der Mann sitzt fest, das Kind zerrt an ihm.

Höhere türkische Töchter am Nebentisch. Wahrscheinlich verbringen sie gestohlene Zeit. Ihre Mappen passen Ton in Ton zu halblangen Lederjacken, die Stühle vor einer Besetzung sorgfältig bewahren.

Sie würden eher sterben, als sich die Blöße einer unschönen Haltung zu geben. Ihre Disziplin ist kaum zu glauben. Sie unterhalten sich konzentriert wie vor einer Kamera, bis sich jemand einschaltet. Er will einen Stift. (Er will stören.) Die Schülerinnen öffnen zuvorkommend Etuis und bieten Kugelschreiber an.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare