Meisterhafte Milieuschilderungen

Literatur Park Hyoung-su vermeidet in seinem Roman „Nana im Morgengrauen“ psychologische Erklärungen. Er nähert sich seinen Themen in meisterhaften Milieuschilderungen.
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Park Hyoung-su im Park

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„Leo betrat eine Bar mit zur Straße hin offener Front und bestellte ein Bier.“

Tiefblau ist die thailändische Nacht auch in einem Rotlichtbezirk von Bangkok. Es heißt so wie ein naturalistischer Roman von Émile Zola Auf dem Nana Plaza ballt sich das Business. Eine zweistöckige Galerie säumt im Verein mit Go-Go-Bars den quadratischen Platz und gibt ihm Arenacharakter.

„Nana ist ein großer Spielplatz für Erwachsene.“ Zitiert nach einem Bewertungsportal

Park Hyoung-su, Nana im Morgengrauen, Roman, aus dem Koreanischen von Sun Young Yun und Philipp Haas, Septime Verlag, 504 Seiten, 26,-

Man kann sich direkt oder als Voyeur animieren lassen. Das ist wohl der Witz des Arrangements an einer gesellschaftlichen Abbruchkante. Straßenhändler*innen verkaufen potentiellen Nutzern sexueller Dienstleistungen frittierte Schwimmkäfer. Kahle Hunde zeigen den Argwohn krimineller Eckensteher. Es regnet in der Trockenzeit. Das bemerkt Leo, ein koreanischer Mitzwanziger, der gerade sein Studium abgeschlossen hat und jetzt auf dem Weg nach Afrika ist. In Bangkok möchte er lediglich eine Sexarbeiterin wiedersehen, die er vor sechs Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Eine schattenhafte Erinnerung verbindet ihn mit ihr. Er malt sie sich aus. Er vergewissert sich in der phantasmagorischen Vergegenwärtigung einer mäßigen Erscheinung kurz vor unattraktiv.

Leo taucht am Heiligen Abend 1994 in die verregnete Unterwelt ein. Er hat das christliche Datum zur Verfügung. Trotzdem sagt ihm Weihnachten nichts.

Das ist eine interessante Marke, bedenkt man, dass keine christliche Kirche in Korea eine gesellschaftlich durchgreifende Bedeutung besitzt.

Leo erscheint seelisch losgelöst. Sein leicht irres Repertoire erklärt der Autor als Reaktion auf die ruchlose Untreue von Leos Frau. Der Vertrauensbruch belastet sie nicht mit Schuldgefühlen. Vertiefende Erklärungen gibt es nicht. Park Hyoung-su vermeidet Psychologie. Er nähert sich seinen Themen in meisterhaften Milieuschilderungen, die in magischer Manier hochgefahren werden.

Der Zufall spielt eine Hauptrolle in diesem Erzähluniversum. In der Deutung des Zufalls als Zentralgestirn klingt Paul Austers „Musik des Zufalls“ an.

Steinzeitliche Prophezeiung

„Nana ist voller mittelpreisiger Hotels, die ihre Zimmer für drei Stunden vermieten.“

Die Sexarbeiter*innen-Hierarchie gestaltet sich „in einem harmonischen Miteinander“. Der superbe Gemeinschaftssinn ergibt sich aus ihrem Paria-Status nicht allein. Die Niedrigsten haben einen so hohen Vernetzungs- und Organisationsgrad, dass sich Kooperationen mit ihnen empfehlen. Die Hochmütigsten kriegen kein Bein auf den Boden von Nana. „Teufelchen“ produzieren sich auf den Bruchgraten zerbrochener Gehwegplatten. Eine Delegierte des Goldenen Dreiecks kontrolliert das Drogengeschäft und degradiert die Konkurrenz gnadenlos.

Park Hyoung-su erzählt die Distriktshistorie als einen Verdrängungswettbewerb unter Außenseitern. Aidskranke suchten da Zuflucht. Ihnen folgte die Avantgarde des Discount Sexes. Stets profiliert sich eine für Trashgeschäfte grandios Begabte, eine Führungspersönlichkeit, die sich als normative Kraft auswirkt und eine Neuordnung herbeiführt. Man spürt förmlich die Faszination des Autors für das Genre des Asphaltdschungelwettbewerbs.

„Weil das Leben kein Film ist, geschehen die Dinge an unerwarteten Orten.“

Leo erlebt „südostasiatische Weihnachten bei knappem Budget“. Er gönnt sich eine Schale Reisnudeln. In die Laufbahn seiner Aufmerksamkeit gerät die Sexarbeiterin Ploy. Zu ihr nimmt er „eine vor fünfhundert Jahren unterbrochene Beziehung wieder auf“.

Leo involviert Ploy imaginativ in ein schamanisches Geschehen. Da wird dann im Bangkok unserer Tage, nach einem Anruf aus der Taiga, eine steinzeitliche Prophezeiung endlich wahr.

Leo variiert den Typus des indolenten Beobachters aka impotenten Träumers. Seine Passivität macht ihn zur Beute. Von Alkohol und Methamphetaminen enthemmt, übersteuern Sexarbeiterinnen unbeholfene Freier. Dass sie selbst ihren Subjektstatus in eklatanten Ausbeutungsverhältnisse verloren haben, ignoriert Park Hyoung-su nicht ganz. Doch sein Fokus gleitet über die Not der Frauen hinweg.

Leo ist im magischen Denken verhaftet. Er verfängt sich in seinen eigenen Maschen, wenn er in Ploys Wohngemeinschaft einzieht. Die bizarre Konstellation endet, wie könnte es anders sein, mit dem Ende von Leos Finanzkraft.

Leo kehrt nach Korea zurück, wo er nicht glücklich wird. Die Ehe scheitert.

Ich spule zurück. Mir ging es eben nur darum, Leos thailändischen Abenteuern einen Horizont der Vergeblichkeit vorzusetzen. In der Kommune begegnet Leo einem Genie des Positiven Bewertungsstils (siehe Resilienz), einer Persönlichkeit, die ihr Leben unglaublich einfach findet, erschöpft es sich doch in „rauchen, trinken, quatschen“. Die vierzigjährige, nach einem Vergewaltigungsversuch versehrte Vereinfacherin verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie Männer empfängt, die „nicht alle Tassen im Schrank haben“.

Küchenschaben so groß wie Hamster beteiligen sich höchst gesellig am Betrieb der Schwesternschaft.

12:42 19.07.2019
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