Mentale Endzeit

Meine Oma etc. Aus der Nachwuchsperspektive kommt der fremde Mann, von dem es heißt, er sei der Vater, krank ...
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Quartier bezieht man mit Bezugsschein in der Friedhofsbaracke eines nordwürttembergischen Weilers zwischen Pforzheim und Mühlacker (genauer zwischen Niefern und Enzberg), malerisch an der Enz gelegen.

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Die Kinder kommen rasch aufeinander im Takt der Fronturlaube. Die eheliche Beischlafstrecke endet mit der Kapitulation.

Aus der Nachwuchsperspektive kommt der fremde Mann, von dem es heißt, er sei der Vater, krank aus dem Krieg. Gegönnt wird ihm kein ruhiger Augenblick. Er stößt in das Wespennest eines Familienzwists; ausgetragen mit der unversöhnlichen Härte aller Bürger*innenkriege. Ein ausgebombter Schwager drängt mit den Seinen in das Schlupfloch der zivil gebliebenen Schwiegers im zusammengeschlagenen Pforzheim. In der Deckung halten sich neben anderen die Wohnungsinhaberin Pauline B., geb. Schäufele, ihre Tochter und Schwiegers Frau Emmy sowie die drei Töchter Ella, Eveline und Elisabeth. Der klapprige Heimkehrer unterliegt dem Schwager und erlebt sich nun als Oberhaupt einer Schar Verdrängter, zu der auch seine Schwiegermutter zählt. Quartier bezieht man mit Bezugsschein in der Friedhofsbaracke eines nordwürttembergischen Weilers zwischen Pforzheim und Mühlacker, malerisch an der Enz gelegen. Der Behelfsbau hat zwei Zimmer und eine Küche. Folglich schlafen die Erwachsenen beieinander. Paulines Pritsche steht quer zum Ehebett. In dieser Konstellation fällt Schiegers Nachkriegsimpotenz kaum auf. Die Schwäche resultiert aus einem Herzschaden nicht allein. Unlust ist im Spiel.

Schwieger hat keinen Bock mehr. Er fühlt sich überwacht und tyrannisiert von seinen fünf Frauenzimmern oder Weibsbildern. Er trotzt in der Defensive, und so sehe ich ihn: Arno Schmidt nicht unähnlich, unfähig aus dem Knick zu kommen. Besessen von dem Provisorium, dass vor ihm die allerobskursten Nachtschattengewächse als Honk-Heim behaust haben. Die Not macht ihn zum Liebhaber von Konserven aller Art. Schwieger hortet Lebensmittel. Seiner Familie geht er, so gut es eben geht, aus dem Weg.

Die Krise ist sein Zustand. Das nervt die Angehörigen, die an den Wirtschaftswunderspeck wollen, und Schwieger schließlich sitzenlassen, nach der Devise: Wer nicht will, der hat schon. Nun steht einer Laufbahn als Eigenbrötler mit kaputter Brille kein Mensch mehr im Weg. Mir ist der Mann angenehm in seiner Unfähigkeit, auf Wohlstand umzuschalten. Er hat die Dürftigkeit nötig. Eine Erinnerung daran, gab den Erzählimpuls. Ich sehe Schwieger, die Brille mit Heftpflaster geflickt, am Küchentisch. Er löst ein Kreuzworträtsel im ewigen Müßigtrott. Unter Schwaben gilt als Verbrecher, wer dem lieben Gott den Tag stiehlt. Schaffe, schaffe ... einer, der nix tut, so wie der Schwieger, verdient das Misstrauen und die Verachtung aller.

Schwieger tut trotzdem nichts. Ihm ist die Lust an der Umtriebigkeit vergangen. Der Krieg sitzt ihm in den Knochen wie eine fürchterliche Kälte.

Gleich mehr.

14:38 25.12.2020
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