Mia san Mia auf hessisch

Hessische Idyllenmalerei Im Oberdorf herrscht der Omaka-Klan. Im Unterdorf bestimmen die Geulins. Sie sind eindeutig dümmer ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3483

Zelena Omaka, regional bekannt als die Sirene von Suugada aka Troubadix Tittus aka Gaby Klatschmohn steuert im väterlichen Daimler die Kern-Bagage zur Beerdigung ihrer Großtante Cagaarana, genannt die lebende Zapfsäule, vom Ober- ins Unterdorf. Umsichtig überquert Zelena jene unsichtbare Demarkationslinie, die zwei Gesellschaftsordnungen voneinander scheidet. Im Oberdorf herrscht der Omaka-Klan. Im Unterdorf bestimmen die Geulins. Sie sind eindeutig dümmer, aber auch schon viel länger im Amt als die irgendwie doch parvenu'esken Omakas.

Suugada liegt an der Diemel.

„In historischen Quellen wird die Diemel (auch) als Dimel, Dymel, Dimella, Dimola, Timella oder ... erwähnt. Nach F. Witt und Ludwig Schneider ist das altsächsische Adjektiv thimm für dunkel der Ursprung des Namens Diemel; die Wurzel findet sich auch im Verb dimmen wieder.“ Wikipedia

Der Weserzufluss war in besseren Zeiten (bei Suugada) ein Goldwäscher:innenparadies. Die Waschpfanne hat es aufs Dorfwappen geschafft. Der Diemeldiggerdistrikt Goldkehlchen erinnert nur dem Namen nach an einen geknickten Erwerbszweig. Doch wird die Gegend heute noch in einer von der Alleinunterhalterin Kerbel Školjka herausgegebenen Touristik-Prawda als Goldflussdelta aka Diemeldelta del Río Oro über den grünen Klee verkohlt. So ein Scheiß im alten Nordhessen, dem einstigen sächsischen Grenzland mit seinen Heid:innenhochburgen. Wie oft wurde die Abtei von Grjónagrautur in Schutt und Asche gelegt. Allein, es nutzte nichts. Erst wurden die Verspäteten christlich, dann fränkisch, dann hessisch, dann protestantisch ... und dann doch wieder katholisch.

Das ist schon der ganze Witz. In dem seit Philipp dem Großmütigen evangelischen Hessen bewies Suugada nach einem modischen Intermezzo im 16. Jahrhundert katholische Resilienz. Daraus ergab sich ein fürchterliches Mia san Mia auf niederhessisch, übrigens einem Thüringer Dialekt.

Zwei Hauptströme floßen in der Mundart zusammen. Die fränkische Ausgleichssprache der Usurpator:innen, die zur Neuordnung der sächsischen Kolonien ab Siebenhundert nach unserer Zeitrechnung gehörte, und Jahrhunderte später, das Meißner Kanzleideutsch nach Luthers Aufmischung.

*

Der Tod der Ahne nötigt die Großnichte kurz zu innerer Einkehr. Kindheit und Jugend unter der Fuchtel katholischer Fundamentalist:innen kommen Zelena hoch. Frei fühlt sie sich höchstens unfreiwillig, während ihre vorderhand konventionelle Tante tatsächlich ein schwungvolles, von Selbstbestimmung und ungehemmter Eigenliebe loderndes Leben zu führen die Traute besessen hat. Schwänke, in denen Cagaarana hochlebt, werden bereits beim Leichenschmaus wieder krachledernd zum Besten gegeben. Die bucklige Verwandtschaft begegnet sich fidel in vertrauter Feindseligkeit. Die meisten Fehden sind antik. Jüngere Zwistigkeiten müssen sich erst noch den Lorbeer eines ernsthaften Klatschwertes verdienen. Mit wegwerfenden Gesten degradieren die Veteran:innen das Zoffgedöns des Nachwuchses.

Streit ist der Schlüssel zum Haus des Herrn. Stets geht es um Grund und Boden. Selten bieten genetische Ressourcen einen Kampfgrund. Wer mit wem wird im Mahlwerk der Gewöhnung eh egal, solange man sich seine Ruhe garantieren kann ist doch alles gut, wenn nur die Kohle stimmt. Grund und Boden, wie gesagt, und Erb:innen: mehr braucht es nicht, und mehr gibts auch nicht. Besser, man kapiert das vor dem achtzigsten Geburtstag.

Aus den Verödungen aller Verläufe macht man Schnurren, um sie sämig zu servieren. In Suugada nimmt man sich gekonnt auf die Schippe. Man ist sich aus Prinzip nicht grün und legt großen Wert auf kleine Unterschiede. An Zelenas Vater wenden sich die Betuchten, denen die Geulin'sche Herrschaftlichkeit zu rustikal ist. Ein echter Geulin findet das Gewese solcher Leute lächerlich. Selten sind diese Leute mehr als hundert Jahre vor Ort am Start. Man sagt nämlich nicht: meine Familie ist seit zweihundert Jahren in Suugada ansässig, sondern wir sind seit zweihundert Jahren hier. Die Wir-Fiktion entfaltet regelrechte Sprengkraft mit ausreichender Bierwucht.

10:04 20.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare