Migrantin mit Biss

Literatur Am 15. Juli 1983 detoniert eine Bombe auf dem Pariser Flughafen Orly. In „Sticht in meine Seele“ zieht Barbaros Altuğ eine Linie von diesem Anschlag zu einem Mord ...
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Am 15. Juli 1983 detoniert eine Bombe am Turkish Airlines Check-in auf dem Pariser Flughafen Orly. Der Anschlag geht auf das Konto der „Geheimen Armee zur Befreiung Armeniens“ (ASALA), die bis dahin zwei Dutzend türkische Würdenträger umgebracht hat. Soweit die historischen Tatsachen. In seinem raffiniert kombinierten, sehr empfehlenswerten Roman „Sticht in meine Seele“ zieht Barbaros Altuğ eine Linie von diesem Anschlag zu einem Jahrzehnte später verübten Mord. Ausgerechnet die Tochter eines Opfers der ASALA-Terrortat von Orly soll die näheren Umstände des Ablebens eines armenischen Journalisten in der Türkei aufklären.

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Die Journalistin Derin ist so französisch wie man es nur sein kann. Doch sobald es um eine Recherche turque geht, verfügt Derin über das Surplus. Aus Istanbul gebürtig, rangiert die siebenfach tätowierte Einzelkämpferin der Pariser Publizistik dann da, wo Alleinstellungsmerkmale den Ausschlag geben.

Barbaros Altuğ, „Sticht in meine Seele“, Roman, aus dem Türkischen von Johannes Neuner, Orlanda, 147 Seiten, 16,-

Derin fliegt für ihr Leben gern mit all dem Kitsch von über den Wolken auf der persönlichsten Agenda. Sie erinnert sich an die gemeinsame Schönheit einer Strandpaarung im Duett-Duell mit Emmanuelle, der scheinblonden Rivalin mit einer exquisiten Ouvreur de portes als Mutter.

Emmanuelle hat überall Vorfahrt.

Derin ist die Migrantin mit Biss, eine Gipfelstürmerin voller Melancholie & Grazie. Wer seine Herkunft hinter sich lässt, steigt allein auf und stürzt einsam ab. Ich weiß gerade nicht, wann ich das zum letzten Mal so schön gelesen habe wie in Barbaros Altuğs federleicht-saganesken und zugleich blutschwarzem Roman.

Derin fliegt zu der Beerdigung des ermordeten Kollegen Hrant Dink, der für „Agos“ gearbeitet hat. Dink, gebürtig aus Malatya, ist der Enkel einer (unter grauenhaften Umständen) zwangsverheirateten Armenierin, deren Familie zum größten Teil dem Völkermord zum Opfer gefallen ist.

Die Investigative gerät in eine eindrucksvolle Prozession. Der Trauerzug transportiert die geballte Ladung Staatsverdrossenheit einer regimekritischen Demonstration. Derin verliert ihre Reserve und erliegt der Rührung.

Irgendwann landet sie in Jerewan, ich glaube, im Mesrop-Maschtoz-Institut für alte Manuskripte – eine von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärte Sammlung. Da lernt Derin die begehrenswerte Isabel kennen. Ruckzuck ist man beim Du und dann auch schon im Flirt in einer Hotellobby, vielleicht mit freier Sicht auf den Ararat. Ich fühle mich an Katerina Poladjans Roman „Hier sind Löwen“ erinnert und setze die Besprechung hier noch einmal ab.

„Wir folgen der Spur, die wir im Schnee hinterlassen.“ - In „Hier sind Löwen“ erzählt Katerina Poladjan wie ein Arbeitsaufenthalt in Armenien zur Mission wird.

Das Zentralarchiv für armenische Handschriften weist einen Bestand von siebzehntausend Exponaten nach. Hauptsächlich handelt es sich um Überlieferungen der weltweit ältesten Staatskirche. Die Armenische Kirche behauptet einen apostolischen Ursprung. Ihrer Gründung voran ging die Wunderheilung eines Königs, der nach Jesus gerufen hatte, aber wegen dessen unaufschiebbarer Himmelfahrt nur mit einem Acheiropoieton (einer göttlichen Fertigstellung – Wir reden noch mal über das Kunstwerk im Zeitalter der göttlichen Reproduzierbarkeit) abgespeist worden war. Die Heilung gelang mit Hilfe des Emissärs Judas Thaddäus. Es gibt konkurrierende Versionen dieser Geschichte. Die Armenier verknüpften im IV. Jahrhundert die Kirche mit dem Staat. Daraus ergibt sich ein uneinholbarer Vorsprung – eine historische Sonderstellung.

Katerina Poladjan, „Hier sind Löwen“, Roman, S. Fischer Verlag, 288 Seiten, 22,-

Das Archiv entstand nach dem II. Weltkrieg in Jerewan. Das Mesrop-Maschtoz-Institut wurde atombombensicher in einem aufgeschlagenen Felsen errichtet. Wassereinbrüche schädigen seine Magazine. Die Schatzkammern sind das Ziel der gerade in Armenien gelandeten Restauratorin Helen/Helene Mazavian. Auf dem Weg zur Gruft der Nationalgeschichte erhält sie einen einordnenden Anruf. Die längste Zeit war ihr Familienname ein Silbenfremdkörper für Helene. Im Jetzt der Ankunft entdeckt sie ihn „in phonetischer Gesellschaft“.

„Bisher hatte ich ihn getragen wie ein unpassendes Kleidungsstück, wie einen verbeulten Hut, den ich auch zum Essen nicht abnahm.“

Der Name signalisiert in Armenien Zugehörigkeit und löst beim Publikum den Wunsch aus, Helene einzugemeinden und populär erscheinen zu lassen.

„Dikranian. Abovyan. Petrosian. Mazavian.“ Plötzlich bedeutet der Name das Richtige – richtig zu sein.

Das ist die erste Überraschung. Die armenische Geschichte öffnet ihre Schleusen und zählt ihre Schäfchen. Helene avanciert zur verlorenen Tochter, während sie ihrer Arbeit in der Abgeschlossenheit besonders temperierter Verliese nachgeht. Zum ersten Mal empfindet sie einen Mangel da, wo für sie Restauration lange alles war. Sie hat so viel nicht verstanden: hebräisch, lateinisch, arabisch. Armenisch will sie verstehen. So beginnt eine Kur der Aneignung.

„Sechsunddreißig Zeichen für sechsunddreißig Laute hat das armenische Alphabet.“

Erfunden hat es der Mann, nach dem das Institut benannt wurde.

Helen fühlt sich schön, wenn sie von der Liebe aufsteht. Poladjan zeigt zudem Gewinne der historischen Aufgeschlossenheit.

Die Handschriften sind Refugien von Briefen und Fotos; auch von Deportationsdokumenten. In einem Evangeliar mit ausuferndem Kolophon entdeckt Helene die kryptische und gekritzelte Notiz: „Hrant will nicht aufwachen“.

Karadeniz heißt das Schwarze Meer auf Türkisch. An seinen Gestaden blieb 1915 einer armenischen Familie nichts übrig außer Flucht. Davon legt das Evangeliar Zeugnis ab.

„Hrant will nicht aufwachen.“

„Wir folgen der Spur, die wir im Schnee hinterlassen“, sagt Danil, den die Ereignisse zu einer Stimme am Telefon degradieren, die Helene kaum noch erreicht. Der Arbeitsaufenthalt ist zur Mission geworden. Sie lernt, dass man Armenien nicht begreift, wenn man das Land durch die westliche Brille betrachtet. Ist es nicht ungemein beeindruckend, dass der stalinistische Riegel die Gesellschaft nicht von ihrer Gläubigkeit trennen konnte?

Ein Kirchenstaat im Kommunismus

Was sind schon hundert Jahre in einer seit Anbeginn unserer Zeitrechnung dauernden Konferenz mit Gott?

So wie in Helen das Begreifen zunimmt und in diesem Prozess ein Raum entsteht, der den zurückgelassenen Liebhaber Danil vor der Tür stehen lässt, so wird die Leserin reicher in ihrer Teilnahme an einem nicht zuletzt furchtbaren Geschichtslektionen-Marathon. Der „berühmte Cognac“ wird neben dem Genozid-Museum“ hergestellt. Bei guter Sicht erahnt man den, in der Türkei aufragenden armenischen Nationalberg.

16:15 24.03.2020
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