Mikrophone Rückkopplungstheatralik

Enno Stahl erzählt in „Spätkirmes“ von Leuten, die als Fremde in einer Kleinstadt die Erfahrungen von Flüchtlingen machen
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Kirchweiler füllt auf Sand und Lehm einen rheinischen Winkel. Ein Kirchweilerer könnte jedem Dahergelaufenen Artifakte aus der fränkischen Zeit vorlegen und ihn unter Eschen und Eichen wie auf einen Thingplatz führen, nur, warum sollte er das tun? Er überblickt als Informierter zwölfhundert Jahre Stadtgeschichte. Erst im 19. Jahrhundert ließ man sich dazu herab, gemeinsam mit den Dorsterern von nebenan größer zu werden. Dazu muss gesagt werden, dass der Bürgermeister stets ein Kirchweilerer war. Inzwischen wurde man zwar zur Beute der Bestien Gebietsreform und „kommunale Neuordnung“. Man ist im Zuge der Eingemeindung aber nicht verblutet.

So liegen die Verhältnisse idyllisch herb, in die akademisch blöd und mit entzündeten Existenzzahnhälsen die Meta Tannert mit der Cora, dem Hannes und dem Hund aufschlägt, als wäre kein Platz mehr in Berlin.

Die Familie bringt das Übliche mit, also nichts, was vor Ort zu gebrauchen wäre. Die Neuen fühlen sich großstädtisch überlegen, während die Rohrzange Anpassung sie kneift. Das erzählt Enno Stahl in Passagen, die wie gemalte Erfahrungsberichte in einem Klassenzimmer aneinandergereiht sind. Dem Autor gefällt die breitgefahrene Anschaulichkeit. Er spannt Meta an die Wäschespinne, wo sie dann angebunden denkt: „Man lebt besser, wenn man einverstanden ist.“

Meta arbeitet für die kleinste Münze legaler Löhnung im „offenen Ganztag“ einer Schule. Das klingt schon sehr nach Vollzugserleichterungen. Hannes überlässt ihr die Hausarbeit. Hat sie studiert, um sich als ihre eigene Magd vorzusagen: mir geht es gut? (Der Kaufmannsladen wartet an der nächsten Ecke. Die Nachbarn sind nett. Mir geht es gut.) (Der Hannes ist rücksichtslos, die Cora launisch: mir geht es gut.) Hannes weiß als Nerd, wie man sich aus dem Alltag drückt und in einer Seidenspinnerei alle und alles an sich vorbei laufen lässt. Noch ernährt er die Familie.

Nun begeht die Bruderschaft der Kirchweiler Schützen ein Jubiläum mit einer „Spätkirmes“. Es gibt die Hüpfburg und das Nostalgiekarussell und jede Menge eingefallener Schaumkronen. Die „Moody Blues“ aus Rehberg spielen Lieder der Sechziger nach, das hätte es früher nicht gegeben. Da wurde von den Brüdern persönlich in die Hörner gestoßen, gleich nach dem „Hahnenköppen“, bei dem ein Gockel bis zum Hals um seinen Kamm gebracht wurde. Wem der entscheidende Schlag glückte, der war Hahnenkönig für ein Jahr. Man ritt Gänse und trat Hühner, man hörte keine knights in white satin oder Ähnliches.

Immerhin erreichen die Brüder auf den letzten Überlebenden ihrer Nutztierbestände hochsitzend das Festzelt. Die Mähren hinterlegen im Sekundentakt vegetarische Endprodukte. Die Müllabfuhr folgt dezidiert, Stahl verliert kein Wort über die ethnische Differenz der Kehrer zur Mehrheitsgesellschaft. Die mikrophone Rückkopplungstheatralik im Zelt findet dann wieder die Aufmerksamkeit des Autors, während Hannes allmählich von der langen Bank kippt, weil er den Kirchweiler Bruderschaftsvertrag als eine Erschöpfung im „Saufen und Schießen“ (nicht) begreift.

Stahl erzählt von Pappbechern, Plastikgabeln und Gummiflaschen voller Ketchup, als hätte er die Dinge an einem Ende von Island gesehen. Oder als sei der Kram von Obsoleszenz bedroht. Mal geht Stahl total in die Genauigkeit, dann rutscht er wieder über den Senf wie aus Prospekten zusammengeschriebener Kümmernisse zu Flora und Fauna. Man möchte ergänzen und Nebendeutungen einfügen in eine Generationsgeschichte, die jetzt oft so erzählt wird, als wäre sie Scheitern und nichts sonst (gewesen). Dabei haben wir doch Glück gehabt, wir Metas & Hannes’. Kein Krieg. Keine Flucht. Kein Hunger. Was setzte es denn mehr als ein paar Stüber für exorbitante Dämlichkeit?

Enno Stahl, Spätkirmes, Roman, Verbrecher Verlag, 224 Seiten, 18,-

11:17 12.05.2017
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