Militante Formationstänze

Frühenglischer Feminismus Die bewaffnete Frau erscheint als Atavismus. Einschlägige Feststellungen drücken sie unter die Zivilisationsstufe. Sie gehört in die Zwischenreiche der Fabelwesen ...
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Die schottische See am Abend. Vermutlich handelt es bei der Aufnahme um einen Schnappschuss der zauberisch begabten Libyerin Amal Higazi, die im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Welt umsegelte.

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Während das Imperium langsam seiner Schwäche nachgibt, entsteht im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung die koloniale Einheit Britannia Secunda im Zuge eines Verwaltungsakts. Sie ergibt sich als Ausgliederung des heutigen Nordenglands und Südwales. Die Verteidigungslinien der römischen Provinz werden überrannt. Zur Erosion kommt die Invasion.

Wer greift an?

Wir stellen uns die indigenen Krieger jener Ära als maximal tätowierte Ultras vor, deren Gewohnheiten die Kolonialherren und ihre gallischen Askaris zu blasierten Bemerkungen veranlassen, wenn sie nicht vor dem Feind erblassen. Die Besatzer archivieren Ansturm und Widerstand auf ethnischen Schmalspuren. Pikten, Skoten und Attacotti finden Erwähnung. Die demografischen Feststellungen registrieren (eingewanderte) Briten und andere Fremde, die ein eigenes Land beanspruchen. Das Land der Fremden heißt Wales. Welsh und Welsch liegen nicht nur phonetisch beieinander. Im Augenblick sind sie die Barbaren und garantieren den Untergang des Abendlandes mit koedukativ-militanten Formationstänzen. Interessanterweise wird auch an dieser Stelle die Kunde von (Sturmspitzen bildenden) Amazonen in den Barbarenheeren verbreitet. Die bewaffnete Frau erscheint als Atavismus. Einschlägige Feststellungen drücken sie unter die Zivilisationsstufe. Sie gehört in die Zwischenreiche der Fabelwesen, der Zauberei, der Sagen und Mythen. Während sich alles Mögliche heute noch überprüfen lässt, bleibt die Kriegerin in ihrer sozialen Konstitution vage. Unzweifelhaft ist die Unterstützerin des kämpfenden Mannes. Die Schlachtenbummelantin wandert im Tross, unterhält einen ambulanten Haushalt und feuert an.

Was war im elften Jahrhundert Englisch in England?

Hundert Jahre später ist dann alles schon wieder ganz anders. Die soeben christianisierten Skoten begründen die iroschottische Missionsbewegung. Sie überziehen das Festland Europas mit ihrem Glaubenseifer. Ihre Heiden (Barbaren) sind die Franken der Merowinger Ära. Bereits im 7. Jahrhundert erreichen sie eine Gerichtsstelle (Kirchditmold) im hessischen Habichtswald. Da sagen sich Franken und (noch lange unbekehrbare) Sachsen Gutenacht.

Das ist eine andere Geschichte.

Die nachrömisch durchgreifenden Staaten entstehen in Britannien aus Puffer- und Lehensgesellschaften. Ihre Referenz war Rom, bis Rom 410 von Alarichs Goten überrannt wurde. Siehe https://www.freitag.de/autoren/jamal-tuschick/die-angst-vor-rom

Die Kolonisierung steckt in den Köpfen. Die Entblößten (Zurückgebliebenen) imitieren das Gebaren der Demissionierten. Sie kopieren das imperiale Herrschaftsformat und bauen auf beiden Seiten des Hadrianwalls Siedlungen nach römischem Vorbild. Sie reden sich mit Bürger an und erkennen in ihren Feinden Barbaren. Erst jetzt kommen ihnen Angeln und Sachsen in die Quere. Die germanischen Migranten setzen sich auf einem Küstensporn fest und sehen noch eine Weile nicht so aus wie die Angelsachsen im Bilderbuch der Geschichte. Die Neuen kriegen bald den Expansionswillen der Wikinger zu spüren. Die Skandinavier und ihre französischen Nachkommen (Normannen) treten als letzte ausländische Macht vor der Konsolidierung auf – bevor England unter Guillaume le Conquérant zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends ein normannisches Königreich wird.

„Was war damals Englisch in England?“ fragte Puma Park tausend Jahre später ihre Schüler*innen. Sie unterrichtete Geschichte in der privaten Akademie „Zum gebratenen Storch“. Das Institut war von Aktivist*innen einer feministisch-migrantischen Gegenöffentlichkeit im Hinterzimmer der Vereinsgaststätte des FC Terceira aufgezogen worden. Das Lokal hatte die Patina alter portugiesischer (und spanischer) Kantinen. Die meisten kannten das gar nicht mehr: diese umgewidmeten Pilsstuben an zugigen Kreuzungen, die ihre infrastrukturelle Bedeutung schon drei Mal verloren hatten, bevor sie zu Heimattanks für Gastarbeiter geworden waren.

In so einem Laden bin ich großgeworden. Meine Eltern stammten aus Porto. Mein Vater hatte als Junge für englischen Portweinexporteure Botengänge erledigt und beherrschte von daher eine Schrumpfform des Englischen. Er war stolz darauf und brachte sein unbrauchbares Englisch ständig an. Vor meiner Geburt hatte er in einer Offenbacher Großschlachterei gearbeitet. Seine Albträume waren Speicher von Szenen aus dieser Zeit. Er sprach darüber wie ein Verfolgter.

Meine Mutter war mit ihm nicht glücklich geworden und endlich ohne Abschied davongegangen. Sie hatte ihren Mann mit meiner Schwester Matilda und mir zurückgelassen und so eine untilgbare Schuld auf sich geladen. Ihre Sünde machte sie zu einer schwarzen Gestalt. Meine Schwester und ich beteten jeden Abend für sie. Matilda war zwei Jahre älter als ich und für die Welt unerreichbar. In ihrer Traumschmiede bog sie sich alles nach ihren Wünschen zurecht. Sie war gesegnet und das war ich auch; während unser Vater unter vielen Lasten ächzte. Er war das Kind und wir waren die Erwachsenen, die ihm rieten, die Dinge nicht schwer zu nehmen. Der Schankraum war unser Lebensraum …

Puma Park war eine katholische Koreanerin, die in einem alpin-japanischen Dojo, dass nur aus der Luft erreicht werden konnte, Gōjū-Ryū Karate von einer Meisterin gelernt hatte, und in Gelnhausen eine feministische Karate- und Selbstverteidigungsschule gegründet hatte. Sie besaß den Großmut, ihr Wissen an Hervorragende weiterzugeben, ohne etwas zurückzuhalten und die eigene Position zu sichern. Ihre besten Schülerinnen unterrichteten wieder im Geheimen so wie einst die Meister des Okinawa Te. Sie banden ihre Schülerinnen mit Schwüren. Sie waren zu der tödlichen Kunst zurückgekehrt. Sie lebten im Geist des Bushido nicht nur in jeder wachen Stunde. Auch im Schlaf blieben sie Karateka. Sie lehrten den Einsatz von Alltagsgegenständen als Waffen, verließen sich aber auf ihre Hände. Sie konnten jeden Punkt ihres Körpers präzise ansteuern, sie navigierten ihren Atem, der die größte Kraftquelle ist.

Der schiere Atem.

Sie mussten ihre Feinde nicht berühren, um die feindliche Energie aufzunehmen und in Lebensfreude zu verwandeln. Für sie waren Menschen Tankstellen. Sie hörten Puma Park zu und schrieben fleißig mit.

„Was war Englisch in England, als Bill the Conqueror im 11. Jahrhundert den englischen Thron einnahm?“

Kein Chronist der Gegenwart erkannte in den Elevinnen die Amazonen, die sie waren. Jede konnte mit einem halben Dutzend Waffen umgehen, ohne dass je ein Uneingeweihter sie damit üben sah. Sie trainierten in Kellern. Was man sie aber tun sah, war harmlos. So harmlos wie die Frauen im Gefolge keltischer Heerhaufen. Sie führten dieses und jenes mit. Plötzlich traten sie voll armiert aus dem Unterholz. Bloß, dass wieder mal kein Historiker zur Stelle war.

12:04 04.07.2018
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