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Was zuvor geschah, siehe auch https://www.freitag.de/autoren/jamal-tuschick/die-letzte-sillkock

Gestern Abend war ich kurz davor, Tillmann vor die Tür zu setzen. Bei meiner High-Tea-Zeremonie, die ich auch sehr gern mit mir gemeinsam durchziehe, rammte der Arsch den Kannenkragen gegen einen Tassenrand. Die Beschädigung einer Kostbarkeit aus der ältesten Flora Danica Kollektion verzeihe ich ihm nie. Seine Achtlosigkeit gegenüber einem Kleinod, das Sturmfluten, Kriege, Seuchen und Familienkatastrophen in Jahrhunderten dank weiblicher Sorgfalt unblessiert überstanden hatte, brachte mich zum Kochen. Ich bin keine Dulderin. Ich stecke nicht zurück. Ich habe das nicht verdient: diese dämlichen Männer in all ihren Verkleidungen.

So geht es weiter

Die Kanne gehört zu einem Service aus der Gründungsära von Royal Copenhagen aka Kongelige Porcelænmanufaktur. Hergestellt im Jahr des Herrn 1777. Manchmal bedenke ich die Mühen der Menschen in jener Zeit, um mich noch besser zu fühlen in meinem Zentrum schwebender Perfektion.

Lange war alles Krise, wenn nicht Katastrophe. Die Kombination von Schönheit der Natur und Behaglichkeit durch Technik vollzieht sich auf einer kurzen Ideallinie. Soweit meine Erinnerungen und die aufgezeichneten Erinnerungen der Ahnen reichen, bestimmten Schwierigkeiten das Geschehen. Mein Genussniveau wurde nie zuvor erreicht. In meinem Alter waren die Sillkocks von Gicht und Rheuma niedergerungene Greis:innen, sofern sie überhaupt noch lebten.

Das Unveränderliche in seinen Metamorphosen sieht heute anders aus als früher. Das Gesicht unserer Familie verschwand mit meinen (noch hart in den Seilen laufenden) Eltern. Ich sah es in den Erscheinungen des DDR-Mangels wie durch Gardinen im Luftzug. Ich entdecke es auf Fotos und Gemälden, die ein Wunder der Beständigkeit dokumentieren. Bodenständige Weltreisende garantierten dem Klan das Glück im Winkel. Seit über dreihundert Jahren sind wir vor Ort; eine Danhainer Familie wie es keine zweite gibt.

Was uns unterscheidet?

Wir machen uns nicht gemein. In uns steckt die Fähigkeit, freizubleiben, ohne zu sehr anzuecken. Eine versteckte Reserve gegenüber dem Zeitgeist zählte zu dem kleinen Bestand der Gemeinsamkeiten meiner Eltern.

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Im Garten halten Spreen (niederdeutsch: Stare) ihr Morgenmeeting ab. Die kleinen Vögel sind große Plünderer. Ich denke an Zeiten, als meine Eltern und Großeltern mit Vogelscheuchen Ernten zu sichern versuchten. Die Dekorationen der Attrappen verrieten eine festliche Freude am Unfug. Man schmückte die Besen wie Weihnachtsbäume.

Das Vergnügen an der Scheuchenproduktion nannte man heidnisch. Die christlichen Seefahrer unserer Familie hatten mit Wilden konferiert. Die Konferenzen nannte man Palaver. Die Wilden waren auch Kannibalen und brieten ihre Feinde am Spieß, es sei denn, sie garten sie in Zubern, die sie gegen gespenstische Ritualgegenstände, Jungfrauen im Dutzend und pures Gold in Klumpen eingetauscht hatten. Das war Seemannsgarn, in jeder Hinsicht nicht die Wahrheit und dennoch lehrreich. Auch wir waren nicht von jeher Christ:innen, sondern ursprünglich Heid:innen und dabei vollends schöne Menschen gewesen.

Obst war ein Haushaltsfaktor. Es wurde eingeweckt wie im Fieber. Wir besaßen eine Wellenradwaschmaschine aus dem VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg. Mit der legendären WM 66 ließ sich Strom erzeugen, Obst konservieren, Radio hören und Wurst brühen.

In Tillmanns Familie gab es keine Sorge um Gartenerträge. Uns beiden fehlt die Basis gemeinsamer Erfahrungen in den entscheidenden Jahren. Bis 1990 war ich Kostümbildnerin am Rostocker Alexandra Kollontai Theater. Ich war ein Jemand, mit einer Familie, die in einer viel prägnanteren Weise etwas darstellte, als es in der Berliner Republik irgendwem möglich wäre. Ich blieb die Tochter meiner Eltern in der Rolle des in allen Belangen herangezogenen Einzelkindes; während Tillmann eine Familie gründete, die weiterwächst, ohne sich um ihn zu kümmern. Nach der Scheidung schnitt man ihn einfach ab. – Und Tillmann ließ sich abschneiden, weil er glaubte, er könne in einer anderen Besetzung noch mal von vorn anfangen.

Für Tillmann ist seine gescheiterte Ehe bloß eine Irrtumsgeschichte, die ihn blauäugig aussehen lässt; während ich eine Selbstgefälligkeit sehe, die mich manchmal sogar rührt. Genauso gut kann ich mich im Wechselbad der Gefühle abgestoßen fühlen. Unser Verhältnis ist nicht harmonisch. Uns eint immerhin die kaltblütige Sicht auf das Scheitern. Fail better, rät Beckett. Auf dem Grund meines Herzens ist Schmerz und Freude. Die Freude ist größer als der Schmerz.

11:08 15.09.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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