Mörderisch männliche Meerjungfrau

Literatur Auf Tinder generiertes Begehren – Genial schildert Melissa Broder eine Gesellschaft, die körperliche Attraktivität anbetet.
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Sie besuchen Herzöffnungs-Workshops und Lullaby-Workouts. Sie kreisen um sich in Selbsthilfegruppen. Da lernen sie, ihre „inneren Kinder“ in einer durch und durch infantilen Gesellschaft anzunehmen. Sie bekochen Hunde und teilen sich Straßen und Strände mit Obdachlosen, die seltsam herrisch in Erscheinung treten und früher als Gurus oder Personal Trainer gut im Geschäft waren. Sie leben den kalifornischen Traum in einer Wahnsinnsversion.

Sie sind vollkommen bekloppt, aber das ist normal. Die achtunddreißigjährige Lucy bricht ihrem Ex-Freund die Nase und dreht so am Rad, dass sich ihre Schwester gezwungen sieht, sie unter Quarantäne zu stellen. Die Fürsorgliche holt Lucy von Phoenix nach Venice Beach und versorgt die Schwester in ihrem Haus, während sie selbst mit ihrem verlässlich in sie verliebten Mann eine Geschäftsreise absolviert.

Das beschreibt den Einstieg in Melissa Broders großartigem Roman. Lucy haut sich selbst aus den Schuhen eines gedeihlichen Alltags mit verschleppter Promotion und nicht immer langweiligem Sex, indem sie sich zu einer Äußerung hinreißen lässt, die vor ihrem inneren Gremium gar keine große Zustimmung fand. Gereizt von einer Verzögerung, bringt sie sich um beinah alles. Ihr drohen lauter Verluste, angefangen beim Führerschein. Aber auch ein Freiheitsentzug kündigt sich an.

Plötzlich reißt eine Folie der Bewertungen und Erwartungen, die jahrelang gültig war. Alles Bewährte verliert seinen Bestand. An den Stellen alter Gewissheiten bricht der Boden. Dieses Schicksal teilt Lucy mit einer Handvoll verzweifelter Frauen, die sich unter der Aufsicht von Doktor Jude in wöchentliche Sitzungen (mit dem Charakter von Pflichtterminen) austauschen.

Broder beschreibt sehr unterschiedliche Typen. Doch sie erfahren gerade alle, „was das Alter dem Menschen“ antut. Sie begreifen ihre Sterblichkeit und reagieren darauf mit jungen Liebhabern, für die sie keine Göttinnen mehr sind. Vielmehr Schlampen, die sich üble Vergleiche gefallen lassen. Haarige Heulsusen, die neidisch „einen in perfekten Linien gezeichneten“ Hintern rezensieren. Sie nutzen die Monsterkanäle der sozialen Medien, um Begehren zu generieren.

Zum ersten Mal kauft Lucy Reizwäsche, für ein Toilettensexabenteuer mit einem Grafikdesigner, der ihr nie eine persönliche Frage stellt. Sie beweist eine dramatische Unsicherheit. Sie lässt sich vorführen. Der Nutznießer ihrer Krise zeigt seine Geringschätzung, die vielleicht nur Gleichgültigkeit ist.

Das ist die Frage. Gibt es auf den Oberflächen von Tinder & Co. überhaupt noch Platz für witterungsbeständige Achtung und Selbstachtung? Oder hängt nicht längst alles von körperlicher Attraktivität ab? Lucy schöpft Hoffnung in der Gesellschaft des Nachtschwimmers Theo – einer männlichen Meerjungfrau von verschlingendem Wesen. Theo hat auch etwas von einer Sirene.

Melissa Broder, „Fische“, aus dem Amerikanischen von Eva Bonné, Roman, Ullstein, 352 Seiten, 21,-

10:56 31.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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