Mondäne Männer

Jane Jakarta Seit 2026 müssen Ungeimpfte aka Fili o tagata im Getto von Cāha-Kēka unter sich bleiben. Sie haben noch einige Bürger:innenrechte.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Wer nach England schaut, weiß: Was wirklich hilft, ist, so viele (Hess:innen) wie möglich schnell zwei Mal zu impfen, damit sie den vollständigen Impfschutz bekommen.“ Carsten Knop heute in der FAZ

Der Kollege hat Recht. Sonst kommt es im Bundesland der Herzen bald so wie in Cāha-Kēka, wo Ungeimpfte aka Fili o tagata im Getto unter sich bleiben müssen. Sie haben noch einige Bürger:innenrechte.

*

1926 wählte Bataille für eine Sache, die nie erschien, das Pseudonym Georges Troppmann. Ein Mann dieses Namens hatte 1867 mit Schaufelhieben fünf Kinder und ihre Mutter erschlagen. Er starb ohne Reue und hinterließ „Geheime Memoiren“.

Rimbaud erwähnt den Mörder, Troppmann wandert im Nebel der Dichtungen von Lautréamont, Breton und Éluard. Troppmann heißt der Held in „Das Blau des Himmels“. Er überblickt seine Lage nicht mehr: „Der leere Kopf, in dem ich bin, ist so ängstlich, so habgierig geworden, dass nur noch der Tod ihn befriedigen kann.“

Der Kontrollverlust ist nicht Folge, sondern Ziel. Nach Susan Sontag schrieb Bataille „die Kammermusik der pornografischen Literatur“. Sie vermutete das Bewusstsein des Autors „im permanenten Zustand der Agonie“.

Bataille behauptet: „Aber auch der Bewusste, wenn er sich rücksichtslos verschwendet und zerstört, weiß nicht, warum er das tut, und hält sich womöglich für krank. Er ist unfähig, sein Verhalten als nützlich zu rechtfertigen, er kommt gar nicht auf die Idee, dass die Gesellschaft ein Interesse an erheblichen Verlusten haben könnte.“

Dem Diskurs liefert „Das Blau des Himmels“ Szenen. Troppmann, zerrüttet von Ausschweifungen, ist die lächerliche und bewundernswerte Figur in einem Spiel, dessen Regeln keiner begreift. „Ich war von absurder Kaltblütigkeit, gleichzeitig glaubte ich, verrückt zu werden. Unter dem Vorwand, dem Schicksal ins Auge zu sehen, raffte ich mich auf.“

Troppmann liebt Dirty in sexueller Ohnmacht. Seine Impotenz offenbart er der hässlichen Lazare. Sie ist das Unglück als Person. Troppmann trifft Lazare in Barcelona, sie ergreift Partei für eine zum Generalstreik entschlossene Arbeiter:innenschaft. Lazare lässt sich martern, um bei Gelegenheit der Franco-Folter widerstehen zu können.

*

Darüber reden Jane Jakarta und Arizona Coogan im Runden Eckpfosten. Halter:innen ruhen da zu Füßen ihrer Hünd:innen. Die Wirtin könnte jederzeit auf der anderen Tresenseite ausrutschen. Zum Schankraum schließt eine Kammer auf. Sie lädt Gäste zum Schlafen ein. Hünd:innen und Halter:innen hängen von der Decke wie die Schinken in Spanien. Ab und zu schreit eine Verurteilte: Ich schwör, das war ich nicht. Jane kauft Bier, hier schläft keiner ohne Flasche.

Jane drängt zum Aufbruch. Die Agentinnen sind auf einer Mission. Ihr nächstes Ziel ist das Ruusunpunainen im Trandafir-rosu-Bezirk direkt an der neuen Stadtmauer. Seit 2024 müssen Ungeimpfte aka Fili o tagata im Getto von Cāha-Kēka unter sich bleiben. Sie haben noch einige Bürger:innenrechte. Jane und Arizona schmuggeln sich gern mal unter die Deklassierten. In Cāha-Kēka ist der Tanz auf dem Vulkan alltäglich.

Doch jetzt sind die befreundeten Kolleginnen (auf der richtigen Seite) im Ruusunpunainen. Da drängen sich mondäne Männer zu einer Herde auffällig gezeichneter Beutetiere. Scheu beobachten sie die martialisch auftretenden Uşaqbağçası-Aktivistinnen. Matseðill-Vígamenn rempeln sich mit (in ihren schwarzgrünen Uniformen permanent einsatzbereiten) Kombattantinnen der Rhubarbsuyu-Miliz aka One-Minute-Women (OMW-Garde). Vereinzelt flirten sie auch miteinander. Mit Männern flirten sie nicht, selbst wenn sie scharf wenigstens auf die Nicesten sind. Es bringt kein Prestige, mit einem Mann Tête-à-Tête wahrgenommen zu werden. Frau hat ein funktionales, manche sagen auch arrangiertes Verhältnis zu ihren sexuellen Präferenzen. Mehr spielt sich nicht ab zwischen den Genossinnen und den herausgeputzten Heyskapar.

*

Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie verkündete: Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nichts anfasst.

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Er stieg in eine Menage à trois ein, von Éluard ermutigt. Jane gibt die Schote zum Besten. Frau kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das mal so ablief. Heute redet frau über das Beischlaftalent ihres Heyskapar in geselliger Runde höchstens, um die anderen zum Schmunzeln zu bringen. Eine Firefighterin aus dem besetzten Regnhlíf stößt zu Jane und Arizona. Maskierte Feindschaft spannt ihre Flecktarn-camouflierten Züge. Sie führt Hass an einer Leine leutseligen Gebarens. Wie dicht Lachen beim Fletschen liegt.

Gleich mehr.

11:04 05.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare