Monotones Grauen

#Leben Ist eine Ärztin, der zur Mörderin wird, nicht viel mehr ein Mörderin als eine Ärztin? Wer sich zu einem Mord bereitfindet ...
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Die Bluttat, der meine Großtante Feeona Jolee trotz ihres täglichen Judotrainings zum Opfer fiel ... Ja, Feeona Jolee Capistrana, genannt Arizona-Blackbelt-Queen, unterlag ihrer Mörderin, weil sie nicht ausreichend in Waffenabwehr geschult war. Ein schweres Versäumnis. Oben das niceste Judo, unten Selbstverteidigung unter Close-Range-Combat-Bedingungen.

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Ist eine Ärztin, die zur Mörderin wird, nicht viel mehr eine Mörderin als eine Ärztin? Wer sich zu einem Mord bereitfindet, gerät in eine gesellschaftliche Schieflage. Wie alle Extremistinnen kann eine Mörderin nicht mehr damit rechnen, dass bürgerliche Verdienste gewürdigt werden. Sie schließt ihre inneren Exzellenzen von der Agora aus. Der Markt wird zum Richtplatz.

Guten Tag, mein Name ist Brain Texas-Annabelle Thundergod*. Ich sage es vorsichtshalber noch einmal. Brain nicht Brian. Brain ist weiblich. Ich bin eine Frau, nur damit Sie nicht über mich herfallen, wenn ich ständig andere Bräute vernasche. Das ist gelebter Feminismus.

In der heutigen Sprechstunde beschreibe ich einen Prozess am Beispiel der Mörderin meiner amerikanischen Großtante Feeona Jolee Capistrana. Einundzwanzig Jahre nach der Tat überführte ein Special Forces Team unter meiner Leitung die Kackbratze Doktor Deliria-Desastra Farthy. Besonderen Dank zolle ich an dieser Stelle einer Ermittlerin der Arizona State Police. Detective-Sergeant Erica London wirkte mit ihrem Eifer beinah unprofessionell. Sie schloß sich mit mir auf eine rührende Weise kurz. Sie umarmte mich bei der ersten Begegnung. Offenbar spürte sie eine starke Verbindung. Jedenfalls ließ sie nicht locker. Wir trieben es dann in der Besenkammer. Agentinnen-Boogie sagt man bei uns im Südwesten.

Die Bluttat, der Feeona Jolee trotz ihres schwarzen Judogürtels zum Opfer fiel, ließ sich zwar so ohne Weiteres nicht dem Schema einer Serienmörderin zuordnen, der bei ihrer Verurteilung die Ermordung von siebenzehn Person im Maricopa County (Arizona) rund um Chandler zur Last gelegt wurden. Trotzdem verlängerte sie nach meiner Überzeugung, der sich das Gericht und die Geschworenen anschlossen, eine monotone Reihe des Grauens. Deliria-Desastra Farthy vergewaltigte ihre Opfer gleich welchen Geschlechts mit einem Strapon.

Sie legte ihre Leichen achtlos ab und verging sich an ihnen in ausschweifenden Schändungsakten.

Im 1999er Juli verschwand eine junge Frau namens Bluebell Snipercream vom Campus der University of Arizona (UA Chandler). Einen Monat später wurde ihr verwester Leichnam gefunden. Vermutlich war das Farthys Abschlussarbeit. Großtante Feeona Jolee war zehn Jahre zuvor umgebracht worden. Die Fundstelle der Leiche hatte keine einschlägigen Schlussfolgerungen zugelassen; zumindest nicht mit der derben Eindeutigkeit der Ablageplätze anderer Opfer in dieser Zeit und Gegend.

In der Farthy-Ära überschattete das Muster der Arizona Killerin alles, was sich im Zusammenhang mit dem Tod meiner Großtante tatsächlich feststellen ließ. Man interpretierte die Lage der Opfer-Habseligkeiten in einem Fetischkontext. Die Arrangements wurden von Polizist*innen als pietätvoll geschildert. Gewisse Umstände deuteten auf Gefechtsbeisetzungen hin. Lässt sich eine Gefallene nicht bergen, werden ihre Sachen zwischen den Extremitäten deponiert.

Retardierendes Rollenspiel

Als Täterin erschien Farthy geradezu stinkend fossil und so uninteressant wie keine zweite Person in der Arena des Rechts, während unter den Sachverständigen Schönheiten als Spezialist*innen auftraten, die mir wie Teenager vorkamen. Besonders angetan war ich von einer noch nicht vierzigjährigen DNA-Analytikerin, die ihre Sporen im Kampf ums Recht im Rahmen des Anschlags aufs World Trade Center vom 11. September 2001 gesammelt und da Exzellenzbeweise wie am Fließband erbracht hatte. Mit der Koryphäe meldete das 21. Jahrhundert seinen Deutungshoheitsanspruch an. Ich reagierte so sapiosexuell auf die Ebenbürtigkeit der Expertin, das ich sie in einer Besprechungskammer mit einer Spezialatemtechnik über ihre Ufer treten ließ.

Viele Expert*innen waren noch gar nicht geboren, als meine Großtante von einer Sadistin stranguliert wurde, die sich als Krankenschwester Jahrzehnte in der Unauffälligkeit verstecken konnte. Im Prozess wirkte Farthy geistesabwesend. Von Krankheiten zersetzt, bot sie sich den rechtsstaatlichen Abläufen nur noch als Wrack an.

Ich erkannte die unbefriedigende Funktion eines retardierenden Rollenspiels in der pompösen Genugtuung, die der Staat sich selbst verschaffte. Die Täterin ließ sich kaum noch bestrafen. Vor jeder Einsicht stiegen Nebel auf.

Reue verlangt Gedächtnis.

Im Prozess krochen wir durch die Dunkelkammern von Farthys Familiengeschichte. Eine Schwester engelte grotesk übergewichtig in einem Chapter der Neuen Sozialen Bewegungen. Die Mutter war eine Trailer Park Trinkerin mit unsolidem Liebesleben. Ihre Männer waren aus allen möglichen Gründen familiär nie zu gebrauchen gewesen. Letztlich erschöpfte sich die Rezeption des späten Rechtspflegeakt in einer Sphäre der angeekelten Ratlosigkeit.

Gleich mehr.

07:35 14.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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