My body was full of macho writers

Lyrik Lyrik auf Grand Tour - Luna Miguel, Clare Pollard, Sergej Timofejev und Jan Wagner lasen gestern Abend im Berliner Haus der Poesie aus dem bei Hanser erschienenen und ...
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Lyrik auf Grand Tour - Luna Miguel, Clare Pollard, Sergej Timofejev und Jan Wagner lasen gestern Abend im Berliner Haus der Poesie aus dem bei Hanser erschienenen und von Büchner-Preisträger Jan Wagner und Federico Italiano herausgegebenen Band „Grand Tour - Eine Reise durch die junge Lyrik Europas - von Albanien bis Zypern“.

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Aus naheliegenden Gründen waren Reisen lange Bildungsunternehmungen Privilegierter. Als Grand Tour gehörten sie zur gehobenen Ausbildung. Der Müllergeselle ging auf die Walz und riss sich am Riemen. Der junge Graf von Müller-Thurgau bequemte sich von einem Schloss zum anderen (Celine) auf der Suche nach Yage (Burroughs), also nach starken Eindrücken und neuen Erfahrungen. Die Bibliotheken, Gemäldesammlungen und Kuriositätenkabinette der gastgebenden Herrschaften bargen den geistigen Fundus der vorangegangenen Epochen. Das Einmalige und das Sonderbare hatte da seine Plätze. Mancher mag bei einer Betrachtung des Reichtums nicht anders empfunden haben als Clare Pollard, wenn sie bedenkt:

„Die Straßen waren asphaltiert, bevor wir geboren wurden … Europa wurde vereint, bevor wir geboren wurden.“

I write in the I, sagt Clare Pollard. Für sie sind Gedichte „eine mündliche Form“. Ihr Amy Winehouse Gedicht ist eine Hommage an Frank O`Haras Gedicht

The Day Lady Died

It is 12:20 in New York a Friday

three days after Bastille day, yes

it is 1959 and I go get a shoeshine

because I will get off the 4:19 in Easthampton

at 7:15 and then go straight to dinner

and I don’t know the people who will feed me

I walk up the muggy street beginning to sun

and have a hamburger and a malted and buy

an ugly NEW WORLD WRITING to see what the poets

in Ghana are doing these days

I go on to the bank

and Miss Stillwagon (first name Linda I once heard)

doesn’t even look up my balance for once in her life

and in the GOLDEN GRIFFIN I get a little Verlaine

for Patsy with drawings by Bonnard although I do

think of Hesiod, trans. Richmond Lattimore or

Brendan Behan’s new play or Le Balcon or Les Nègres

of Genet, but I don’t, I stick with Verlaine

after practically going to sleep with quandariness

and for Mike I just stroll into the PARK LANE

Liquor Store and ask for a bottle of Strega and

then I go back where I came from to 6th Avenue

and the tobacconist in the Ziegfeld Theatre and

casually ask for a carton of Gauloises and a carton

of Picayunes, and a NEW YORK POST with her face on it

and I am sweating a lot by now and thinking of

leaning on the john door in the 5 SPOT

while she whispered a song along the keyboard

to Mal Waldron and everyone and I stopped breathing

Sergej Timofejev schreibt bordercrossing poems. Er lebt in Riga, dichtet Russisch, als Angehöriger einer Minderheit. Double Ruled Person nennt er jeden von zwei Kulturen Instrumentalisierten. Das ist eine Negativversion der Chancen doppelter kultureller Auswahl. Habe ich zuvor noch nicht gehört.

Timofejev macht Rock mit Texten. Er sucht die Quelle where poems come from.

Der graue Felsen der Plattenbauten …

Ein Flugzeug in ewiger Parkposition …

Sie schauen fern auf einem Screen von der Größe des Himmels …

Ich verstehe nur Bukowski, dessen Konterfei Luna Miguels Körper bezeichnet(e?). My body was full of macho writers. Dabei ist sie erklärtermaßen eine feministische Schriftstellerin.

Jeden Tag stirbt ein Schmetterling zwischen den Heizungsstäben …

„Die Gleichgültigkeit, mit der unser Zeitalter auf die Spiele der Musen herabsieht“, um einmal Schiller abzuwandeln, scheint keine Gattung empfindlicher zu treffen, als die lyrische. Es gäbe so viele Möglichkeiten, die Gesellschaft für Poesie aufzuschließen, man könnte Busse mit Gedichten bemalen und Dichter in Bundestag und Bundesliga vorlaut werden lassen. Man könnte jederzeit einen Sturm entfachen, allein aus einem politischen Willen zur Poesie. Doch gibt es diesen Willen nicht.

Ein Gedicht kann leuchten. Seine Deutung leuchtet selten ein. Schiller glaubte, dass in einer Berufstätigkeit und anderen Intrigen der Vereinzelung forcierte Geisteskräfte mit Dichtkunst (gebunden) wieder einig würden. Er rief „Scharfsinn und Witz, Vernunft und Einbildungskraft“ als Geschwister im Geiste eines jeden dazu auf: von Separation zu lassen. Von den Erfahrungen verlangte er, Leben im Gedicht zurückzugewinnen.
Das heißt, Erfahrungen müssen in Schwung gebracht werden. Ein Dichter, in Form gebracht von seinen Erfahrungen, bringt die Erfahrungen in Form.

13:39 19.03.2019
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