Nachtblick

Literatur „Brüder“ ist spannend und ein sprachlicher Hammer. Jackie Thomae hat den besten Roman des Jahres geschrieben.
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Der Altphilologe Coleman Silk bezeichnet notorische Schwänzerinnen seines Seminars als „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“, ohne zu ahnen, dass er sich so über Schwarze äußert. Man überzieht Silk mit dem Vorwurf des Rassismus und unterzieht ihn im Folgenden den Prozeduren der sozialen Ächtung. Das erzählt Philip Roth in dem Roman „Der menschliche Makel“. Zu den schönsten Verwinklungen gehört, dass Silk selbst Schwarz ist; ein weißer Schwarzer, der sich in einer weißen Legende verhüllt. Die Aktivist*innen der couragierten Zivilgesellschaft kritisieren einen weiß gelesenen Schwarzen als Rassisten.

Vermutlich reagiert Jackie Thomae in ihrer Darstellung des in Ostberlin als Sohn eines Afrikaners und einer Deutschen zur Welt gekommenen Architekten und Lehrbeauftragten Gabriel auf diese Konstellation. Zuerst stellt die Autorin die Weißwerdung des Schwarzen im Zuge seines Erfolgs und einer die Hautfarbe politisch korrekt übergehenden Berichterstattung fest.

Erfolg macht weiß. Diese Erkenntnis gewinnt für den Architekten Gabriel auf dem medialen Rost eine schmerzliche Dimension. Man grillt ihn für einen Übergriff, Gabriel hat sich an einer Schwarzen Studentin vergriffen, und geißelt ihn als Rassisten. Das führt zu einer negativen Beschleunigung seines Lebens, am Ende steht er seinem Vater gegenüber, der eine Genspur in Europa legte. Die Versorgerrolle übernahm er in keinem Fall, an dem ostdeutsche Frauen beteiligt waren. Gabriel erfährt von einem Halbbruder, der wie er in der DDR geboren wurde.

Niemand könnte sich habituell weiter von einem Ostdeutschen entfernt haben, als der transkontinental Großtaten geschmeidig-schnittig vollbringende Gabriel. Kein Mensch könnte sein Gegenteil besser verkörpern als Halbbruder Mick. Mit dessen Geschichte beginnt der Roman an einem Tiefpunkt des überschrittenen Zenits. Grund genug, sich an bessere Zeiten zu erinnern.

Mick auf der Höhe

Tagsüber bewegt er sich mit „eingefahrenen Antennen“. Michael Engelmann, genannt Mick, ist nicht bereit, dem freien Spiel der Liebe seinen Lauf zu lassen, solange es hell ist.

Er ignoriert Cordelia Bernadette „Delia“ Hoyers Avancen,

sie hatte „den Wettbewerbsnachteil, dass er tagsüber keine Lust hatte, sich für Frauen zu interessieren“,

bis eine Einladung zur rechten Zeit die Synchronisation von Bedürfnissen, Gewohnheiten und Chancen gestattet.

„Jetzt sah er die Studentin … endlich mit seinem Nachtblick.“

Vom Tag erwacht, erkennt der Verehrte bei einem Abendessen wie scharf die 1966 in Hannover geborene Delia ist. Ihrem zarten Wesen zum Trotz haut sie rein. Sie überrascht den Kalorien zählenden Gast mit „wikingerhaften Essgewohnheiten“. Man wird ihr noch „Breitbeinigkeit“ nachsagen. Den Routinen einer überwundenen Bulimie verdankt sie eine Meisterung des Würgereflexes - und eine Disziplinierung des Darms, die ans Wunderbare grenzt.

Delia ist die Frau der Stunde in einer „tanzegalitären“ Gesellschaft.

Jackie Thomae, „Brüder“, Roman, Hanser Berlin, 430 Seiten, 23,-

„Micks Vater war schon verschwunden, bevor seine Erinnerung einsetzte.“

Micks Erzeuger ist in den Erzählungen der Mutter ein ausländischer Student, den niemand zum Bleiben in der Deutschen Demokratischen Republik aufgefordert hat. Wie ungebremst freiwillig Micks Mutter in den Hafen der Alleinerziehenden einfuhr, hängt in den retrospektiven Betrachtungen von Stimmungen ab. Jedenfalls war es in dem Kümmererstaat für „die große Blonde“ keine große Sache, das Kind of Color großzuziehen. Irgendwann macht die Rumpffamilie in den Westen von Berlin, Mick arrangiert sich sozial lethargisch. Er überwindet eine Fresssucht und wird athletisch nach dem Komment der Fitnessstudios. Sein Haar steht aus eigener Kraft, während andere sich mit „sprühbarem Wundpflaster“ helfen müssen.

Mick sieht aus wie ein Zehnkämpfer in Olympiaform. Die Verpackung verbirgt eine durchhängende Persönlichkeit mit einer Neigung zur Dependenz. Jackie Thomae beschreibt einen von „Komfort korrumpierten“ Charakter, dem der Antrieb fehlt, sich eigentätig Verhältnisse über der Einraumwohnungsmarke zu schaffen.

Micks Mutter formuliert das so: „Kein Geld auf dem Konto, aber La Paloma pfeifen.“

Mick kompensiert seine Schwächen mit Charme und gutem Aussehen. Bei genauer Betrachtung erscheint seine sonnige Art als Arbeitsmittel. Sie ernährt ihn, solange die Neunzigerjahre ihm die Rückendeckung der Jugend geben. Thomae erzählt den Rausch des beiläufigen und abstaubenden Gelingens eines auf Vermeidung spezialisierten Gelegenheitsmachers in einer furiosen Rückblende. Doch lässt sich der Versager nie ganz verleugnen.

Ich habe das Buch verschlungen und es nur Zwängen gehorchend aus der Hand gelegt, bis ich das Ende kannte. Jackie Thomae hat den besten Roman des Jahres geschrieben. Er bietet einer negativen Kritik keinen Raum.

„Brüder“ ist spannend und ...

Kein Fußbreit dem Versagen. Das ist Delias Devise. Ein Versprechen, dass sie sich selbst gegeben hat. Es gibt eine englische Boxerbinse, die mit dem Unterschied zwischen back – zurück und reverse – umkehren spielt. Ein fähiger Gegner drückt dich in die Rückwärtsverteidigung, wo du dich weiter verausgaben darfst, erlaubt dir aber nicht, dahin zurückzukehren, wo jener Fehler nicht vermieden wurde, der deine Lage begründet. Das beschreibt einen Moment auf dem Flughafen von Heathrow, wenn auch nicht für Delia. Sie geht weiter und dreht sich nicht um, als für ihre Begleiter die Uhren rückwärts zu laufen beginnen.

Die Neunzigerjahre haben einen retrospektiven Radar. Die neuen Sachen ploppen bereits mit der Patina auf, die ihre Old School-Rezeption vereinfacht. Die Wiederauflage ist das Prinzip des Jahrzehnts. Als Vinyl-Aficionado verkörpert Mick die Phase.

05:51 19.08.2019
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