Trostlose Eskapaden

Literatur Elfrida Wing begleitet ihren Mann, den Regisseur Reggie Tipton aka Rodrigo Tipton, nach Brighton, um sich im Dunstkreis der Dreharbeiten ausdauernd zu betrinken
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Nasser Tresen

Elfrida Wing begleitet ihren Mann, den Regisseur Reggie Tipton aka Rodrigo Tipton, nach Brighton, um sich im Dunstkreis von Dreharbeiten ausdauernd zu betrinken. Eines Tages fährt die seit Jahren blockierte Schriftstellerin nach Rodmell, einer an jenem Ouse gelegenen Weiler, in dem sich Virginia Woolf das Leben nahm. In der Flussaue begegnet ihr Leonard Woolf. Der Witwer zeigt Elfrida die kalte Schulter. Sie erholt sich von der Abfuhr im nächsten Pub. Während viele Kneipen, Filme und vorgebliche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte im Roman erfunden sind, könnte es das Lokal tatsächlich geben. Die Rede ist von The Abergavenny Arms/ The Abergavenny Arms. Im Roman heißt es zwar nur „Abergavenny Pub“, doch bestehen in Rodmell kaum zwei Gaststätten mit nahezu demselben Namen.

“The pub is situated in the small village of Rodmell which is famous for being the home of writer Virginia Woolf and her husband Leonard. A traditional inn, parts of which date from the Norman Conquest ...” Quelle

William Boyd, „Trio“, Roman, aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer, Kampa Verlag, 22,-

Elfrida hellt sich mit Gin Tonic auf. Boyd schreibt die Umgebung: „Der Tresen war nass, voller nicht abgewischter Bierlachen, und das Lokal wirkte insgesamt schmutzig und verwahrlost. Eine Runde junger Burschen hier aus der Gegend, alle mit langen Haaren, vertrieb sich lautstark die Zeit.

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In zeitlicher und räumlicher Nähe zu Elfridas trostlosen Eskapaden schlägt sich die Hauptdarstellerin des in Brighton entstehenden Kunstwerks mit den Folgen unbedachter Entscheidungen herum. Ihr als Bombenleger weltweit gesuchter Exmann Cornell Weekes kommt auf der Flucht vorbei, um Anny Viklund anzuschnorren. Er präsentiert sich in einer Anny kitzelnd vertrauten „Mischung aus Verbitterung und Großspurigkeit“. Gleichzeitig verlangt ihr amtlicher Liebhaber, ein französischer Philosoph namens Jacques Soldat, sie gerade in der heißesten Phase ihrer Set-Affäre mit Troy Blaze zu sehen.

Troy dient dem Film, um den sich alles dreht, als Co-Star. Boyd beschreibt ihn als alerten Bettgenossen ohne Anlaufschwierigkeiten und Ritualgedöns. Sobald er die nackte Anny erblickt, ist er „klar zum Gefecht“. Das ist die Formulierung eines weißen alten Mannes, wie er im Buch steht.

„Wir sind wie zwei Tiere bei der Paarung“, behauptet Anny. Troy widerspricht mit einer populärwissenschaftlichen Binse, die schon lange angezweifelt wird.

„Tiere paaren sich nur zur Fortpflanzung.“

Klandestines Refugium

William Boyd verfolgt sein Personal mit den Aspirationen eines langatmigen Nachgängers. Angelpunkt direkt aufeinander zulaufender Lebensläufe bildet ein Drehort in Brighton. Die Produktion findet im Signaljahr der Revolte statt. Ihr Schauplatz schillert zwischen Modhochburg und Durchschnittsbürger:innenparadies mit anachronistischem Seebadflair. Produzent Talbot Kydd residiert geschäftlich in Soho und privat offiziell in Chiswick. Der Autor schildert die Architektur gewordene (anti-feudalexzentrische) Zurückhaltung der gehobenen Mittelschicht.

„Ein Backsteinbau mit gefliestem Giebel und einem Türmchen, das die Symmetrie des Dachs auf ansprechende Weise durchbrach. Diverse Kletterpflanzen (Wilder Wein, Rosen, sorgfältig beschnittener Efeu) verschönerten die Wände.“

Außerdem besitzt Talbot eine „Maisonettewohnung in einem viktorianischen Endreihenhauses mit Stuckverzierung in einer ruhigen Nebenstraße der King Henry’s Road … Vom kleinen Garten - einem rechteckigen Rasen voller Unkraut, gesäumt von Hortensien und mit einem uralten Apfelbaum … - führte auch eine Tür zu umgebauten Pferdeställen in der Hintergasse.

Talbot verschafft sich auf die unauffälligste Weise Zutritt. Er schleicht sich förmlich an. Das klandestine Refugium nutzt er als Mr. Eastman. In der Romangegenwart verkörpert er den von üblen Gesetzen und menschenverachtenden gesellschaftlichen Spielregeln seelisch deformierten Homosexuellen, den die Freiheit von Achtundsechzig in ein Wechselbad der Gefühle stürzt.

Talbot beschäftigt den Regisseur Reggie Tipton aka Rodrigo Tipton. Reggie-Rodrigo gibt den tollpatschigen Schwerenöter und zwanghaft umständlichen Manienmaniac. Noch interessanter ist seine Ehefrau, die einst als neue Virginia Woolf gefeierte, nun vom Alkohol abgehalfterte Schriftstellerin Elfrida Wing.

Boyd schenkt Elfrida eine versierte Aufmerksamkeit zwischen Zynismus und Zuneigung. Die Heldin trinkt von morgens bis abends. Trickreich tarnt sie die Sucht auch vor Reggie-Rodrigo. Extra für ihn öffnet sie eine Edelflasche, verzehrt einen Schluck und dekoriert mit der kaum angebrochenen Sache jene Situation, in der sie zum Feierabend angetroffen wird. Elfrida verschleiert den Umstand, dass sie sich in Erwartung des Ehemanns vorsorglich einen vierstöckigen Wodka reingehauen hat, um gleichermaßen in glänzender Laune und auf der sicheren Suchtseite zu sein.

Eines Tages fährt sie an den Ouse*. Unterwegs landet Elfrida in Rodmell. Eine steinalte Kirche zeichnet den Ort aus. Ein Anwesen gehörte Virginia und Leonard Woolf. Ab 1940 lebte das Paar fest in Monk‘s House.

*Virginia Woolf beging am 21. März 1941 im Ouse** Selbstmord.

**„River Ouse (abgeleitet vom keltischen Wort für Wasser) ist ein Fluss in Yorkshire.“ Wikipedia

Brighton 1968 - Wie alles anfing

„Als die sommerlich strahlende Morgensonne ins Zimmer fiel und neben ihrem Kopfkissen eine Art Rechteck aus leuchtend zitronengelbem Licht auf die olivgrün gesprenkelte Tapete zeichnete, zuckte Elfrida Wing, ächzte und warf sich verschlafen in ihrem Bett herum.“

So beginnt William Boyds Roman „Trio“, aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer, Kampa Verlag, 22,-

Die Eröffnungsszene spielt in Brighton 1968. Elfrida startet ihren Tag mit einem schlechten Gewissen. Offenbar steckt sie in einer Nachlässigkeitsfalle. Zu ihrer Erleichterung bemerkt sie die Abwesenheit des ehelichen Zeugen ihrer Versäumnisse.

„Sie konnte die Zügel schleifen lassen.“

Sie frühstückt Wodka. Der Autor schildert ein Suchtprogramm. Elfrida tarnt ihre Vorräte. Sie verwahrt den Schnaps in Weißweinessigflaschen hinter Zuckerpackungen im Gewürzschrank. Im weiteren Verlauf trinkt Elfrida Gin Tonic in ihrem Lieblingspub. Da hat sie sich schon mit einer Flasche Wodka für die Handtasche gegen den Suchtdruck versichert. Auf dem Heimweg angelt sie Sherry in einem Spirituosenladen, etwas viel zu Gutes für das prosaische Regime, dem sie unterworfen ist, „eine Flasche Amontillado-Sherry der Marke Tio Pepe (als) Requisite ihrer – wie sie meinte – so trickreichen Inszenierung für (ihren Mann) Reggie“.

Der Regisseur Reggie Tipton aka Rodrigo Tipton und die bockierte, einst als neue Virginia Woolf gefeierte Schriftstellerin Elfrida Wing leuchten den Zeitgenoss:innen als Paar nicht ein. Reggie-Rodrigo gibt den unbeliebten, notorisch krummtourigen Marottenkasper. Elfrida verbirgt und verleugnet sich nach Kräften.

Aus der Ankündigung

Ein mit allen Wassern gewaschener Filmproduzent. Eine betörende junge Schauspielerin, die sich an kein Drehbuch hält und der das FBI im Nacken sitzt. Eine Schriftstellerin, die nicht mehr schreiben kann und vor dem Aus steht.

Es ist der Sommer 1968: In Paris gehen die Studenten auf die Straße, in Vietnam wütet der Krieg, Martin Luther King wird ermordet. Während die Welt in Aufruhr ist, wird im sonnigen Brighton ein aparter Kinofilm gedreht. Hier kreuzen sich die Wege eines Filmproduzenten, einer Schriftstellerin und einer Schauspielerin. Alle drei führen ein Doppelleben: Elfrida, der keine Zeile mehr einfällt und deren Ehe zerrüttet ist, ertränkt ihren Frust in Wodka. Talbot, der Filmproduzent, hat ein geheimes Hobby und macht gute Miene zum bösen Spiel, denn er weiß, dass sein Geschäftspartner versucht ihn auszubooten. In Anny, die umwerfende Hauptdarstellerin, ist die ganze Welt verliebt, aber ihre Liebschaften bereiten dem Filmstar nur Scherereien. Sie hat eine Affäre mit ihrem Filmpartner, und natürlich taucht ihr Liebhaber, ein Philosoph aus Paris, überraschend am Set auf. Außerdem sitzt Anny ihr Ex-Mann im Nacken – und das FBI. Während die Dreharbeiten bei scheinbar ausgelassener Stimmung voranschreiten, rumort es hinter den Kulissen gewaltig. Die Geheimnisse des Trios drohen aufzufliegen. Wie lange kann jeder seine Rolle spielen? Und wer inszeniert das größte Drama?

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Reggie-Rodrigo dreht in Brighton „Emily Bracegirdles außerordentlich hilfreiche Leiter zum Mond“ mit der schwedischstämmigen Amerikanerin Anny Viklund und (dem von Anny auch privat als Liebhaber eingesetzten) Troy Blaze in den Hauptrollen. Als Antagonist des Regisseurs tritt Produzent Talbot Kydd auf. Die beiden Altgedienten beharken sich, angetrieben von einem erfahrungsgesättigten Misstrauen gegenüber allen artistischen Emanationen und Akteuren.

Anny fürchtet fasziniert ihren soeben aus dem Gefängnis entlassenen Exmann Cornell Weekes: einst „dämonischer Geliebter ... Guru, Erzfeind“.

Zum Autor

William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. Zuletzt erschienen in der ReiheDer kleine Gatsbydie Erzählung »All die Wege, die wir nicht gegangen sind« und im Kampa Verlag sein Roman »Blinde Liebe« und »Die blaue Stunde«, außerdem Neuausgaben von »Brazzaville Beach«, »Die neuen Bekenntnisse« und »Ruhelos«. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält – er geht für sein Leben gern spazieren.

15:23 22.06.2021
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