Die fremde Tochter

Literatur Mehr zu Kristina Hauffs Roman "Unter Wasser Nacht"
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Niemand weiß, wie viel Energie manche Leute investieren, nur um normal zu sein. Albert Camus

In wendländischer Elbauenidylle teilen sich zwei Paare einen restaurierten Gutsbesitz mit elegisch anmutender Scheunenkulisse und Kräutergarten. Ihre Freundschaft hat eine Katastrophe nicht überlebt. Sophie und Thies trauern um ihren Sohn Aaron, „der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten“.

Kristina Hauff, „Unter Wasser Nacht“, Roman, hanserblau, 286 Seiten, 20,-

Die Fremde heißt Mara, aber ich möchte lieber sagen, die FremdeistMara. Der Name repräsentiert eine Verfassung. Mara gleicht einer Erscheinung viel mehr als einer Person. Ihre Herkunft schillert in den Farben von Christiania.

„Christiania habe ich als Touristin entdeckt. Ich hatte eine romantische Reiseführer-Vorstellung davon und brauchte eine ganze Weile, bis die Realität durch meine verkitschte Sichtweise drang: Hinter den bunten Fahnen und den Wolken von Marihuana-Nebel traten auch Verzweiflung und Armut zutage. Der Ort in seiner Ambivalenz hat mich fasziniert, und ich habe mich gefragt, wie es jemanden prägen würde, dort aufzuwachsen. Deshalb kommt Mara, die geheimnisvolle Fremde in meinem Roman, aus Christiania. Ich selbst würde nicht in einer autonomen Gemeinde leben wollen. Auch da braucht es Regeln des Zusammenlebens, und mir wäre es zu anstrengend, diese mitzugestalten und ständig neu ausfechten zu müssen.“

Jemand sagt Freistaat. Mara korrigiert ihn. Das Kopenhagener Labor für alternative Lebensformen heißt Freistadt Christiania. Mara erscheint als gelungenes Produkt sozialer Experimente. Sie verkörpert skandinavisches Laissez-faire in einem neo-postbürgerlichen Milieu. Dessen Akteure gewannen ihren Glücksbegriff im politischen Kampf. Sie sind Aushandlungssieger*innen auf einer Außenbahn.

Sommerferien in Christiania

In meiner Generation hat jeder seine Christiania-Geschichte. Als ich aufs Gymnasium wechselte, baute sich zuerst Sina vor mir auf, um mir die undogmatische Haus- und Schulordnung zu geben. Sina war klein, quirlig und zur Herrschaft geboren. Ihre große Schwester hatte mit sechzehn das bestmögliche Abitur abgelegt und dann eine Lehre zur Schreinerin absolviert, bevor sie eine Fabrik aufzog, in der ein innovativer Dämmstoff hergestellt wurde. Das Startkapital lieferten Sylke hingerissene Eltern. Sie bekamen dafür handgeschriebene Anteilscheine. Nebenbei renovierte Sylke und ihre Gang ein antikes Bauernhaus, das im Kasseler Volksmund als die Burg kursierte. Ewig war das eine gefährliche Baustelle. Man balancierte stoned wie eine Nachteule auf Balken über verdunkelten Abgründen. Jedenfalls kam Sina gerade aus Christiania. Sie war, vierzehnjährig, allein und barfuß dahin und zurück getrampt. So barfuß stand sie vor mir und nahm Maß. Ihre Ansage lautete: Ich mache alles richtig. Ich bin richtig, habe die richtige Schwester, die richtige Mutter (Pädagogik-Professorin) und die richtigen Freundinnen. Jetzt habe ich auch noch Christiania gecheckt. Vielleicht würde sie heute gehackt sagen.

Haderverhältnisse

Mara ist keine andere Sina; so somnambul dominant und nur angeblich frei und für sich, während sie in Wahrheit der Radarblick aller Sozialkontrolleurinnen leitet. „Die Fremde“ inspiziert fast scheu eine Front verkrusteter Haderverhältnisse. Die alten Aktivist*innen betrachten einander scheeläugig. Jede trägt jeder das eigene Versagen nach. Der historische Anti-AKW-Elan ist so was von perdu. Die abgelebten Überzeugungen stinken zum Himmel. Die Leichen steigen aus den Kellern.

Was will Mara im Kreis der Versprengten?

Unter den vormals Fidelen befindet sich ihr (nun todkranker) Vater. Mara ist das Resultat einer Stopover-Begegnung - ein Produkt des empowerten Daseins; entstanden auf einem Protestparcours im Zuge der radikalen Solidarisierung einer Christiania-Aktivistin mit einem Wendland-Aktivisten.

Der handfeste Ulrich, genannt Richie, ein geborener Grillmeister, gab sich beim Zeugungsakt freier als er war. Er hatte schon Familie, als er Maras Mutter schwängerte. Die Spekulationen der Geschwängerten passten nicht zu seinem Lebensplan.

Aus der Ankündigung

In den idyllischen Elbauen im Wendland teilen zwei Paare Hof, Scheune und Kräutergarten - doch ihre einst enge Freundschaft ist zerbrochen. Thies und Sophie trauern um ihren Sohn Aaron, der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück ...

Sophie und Thies sind keine in die gesellschaftliche Mitte zurückgekehrten Aussteiger*innen. Sie haben ihre Charme-Offensiven im Geleit der Graswurzler*innen-Subversionen vor langer Zeit beendet.

Aus der Ankündigung

Wie lebt man weiter nach einem großen, unerklärlichen Verlust? Mit psychologischem Gespür erzählt Kristina Hauff eine Geschichte voller Hoffnung und Trauer und vom Wert der Freundschaft

In den idyllischen Elbauen im Wendland teilen zwei Paare Hof, Scheune und Kräutergarten - doch ihre einst enge Freundschaft ist zerbrochen. Thies und Sophie trauern um ihren Sohn Aaron, der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten.

Atmosphärisch und feinfühlig schreibt Kristina Hauff von tiefer Verbundenheit, von schamvollen Geheimnissen und von Schmerz, aus dem neue Hoffnung wächst.

Zur Autorin

Kristina Hauff wurde am Niederrhein geboren. Sie arbeitete als Pressereferentin für Fernsehserien von ARD und ZDF und am Theater. Unter ihrem echten Namen Susanne Kliem schreibt sie erfolgreiche Kriminalromane. Für „ Unter Wasser Nacht“ verbrachte sie längere Zeit im Wendland und recherchierte in Archiven. Kristina Hauff lebt mit ihrer Familie in Berlin.
04:48 10.02.2021
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