Neoliberale Brandbeschleuniger

Neue Soziale Bewegungen Nancy Fraser sagt: Neoliberale Kräfte „fanden ihren Wunschpartner in einem meritokratischen Aufsteigerinnen-Feminismus“.
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In den 1990er Jahren wurden die neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, LGBTQ) auch zu Treibstoffen des Neoliberalismus. Das behauptet Nancy Fraser in dem Aufsatz „Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des reaktionären Populismus“. Im Verein mit der Kulturindustrie dienten die neuen sozialen Bewegungen (im Folgenden NSM für New Social Movements) dem Neoliberalismus als Abdeckung. Sie sorgten für progressive Verpackungen, ohne deshalb wie aufgekaufte Garagenunternehmen ihre Identität zu verlieren. Diversität und Empowerment funktionierten weiterhin als Quartiermacher der Minderheiten, während ältere Aushandlungen wie zum Beispiel der US-sozialdemokratische New Deal so wie das britische Äquivalent kollabierten. Die Industrieregionen des Rust Belt verloren ihre politische Gravitation. In vormals demokratischen Bastionen weht seither ein republikanischer Wind. Das erklärt Trumps Erfolg auch da, wo prekär gewordene Arbeiter an ihren Interessen vorbei wählen.

Didier Eribon beschreibt das Phänomen auf Französisch.

Ein Chefingenieur der Koalition von Queer & Kapital, so sagt Fraser, war Bill Clinton. Er wurde als Erneuerer der Demokraten wahrgenommen, so wie Tony Blair für New Labour stand. Beide entließen jede Menge Stammwähler aus den Kohorten der Nicht-Rechten. Fortan fühlten sich die Ausgemusterten (Heimatlosen) von keiner links konnotierten Idee mehr angesprochen. Das erklärt die gesellschaftliche Durchschlagskraft der Gelbwesten. Der revolutionäre Furor wäre vor fünfzig Jahren mit Marx legitimiert worden. Jetzt kursiert er als namenloses Gespenst. Das Gespenst wird in Europa umgehen und jenen unbegreiflich bleiben, die von antiken Unterscheidungen nicht loskommen.

Fraser behauptet, Clinton habe unter der Überschrift New Democrats die NSM beziehungsweise den progressiven Touch an die Wall Street ausgehändigt.

„Seine (Clintons) Administration lieferte die amerikanische Wirtschaft an Goldman Sachs aus, deregulierte das Finanzwesen und schloss Freihandelsabkommen, die den Niedergang der alten Industrien beschleunigten.“

In der Konsequenz einer von Obama vorangetriebenen „Verschlechterung der Lebensverhältnisse aller Arbeitnehmer“ dominiert nun die Zwei-Verdiener-Familie hinter und vor den (unter dem Niedergangsdruck bröckelnden) „emanzipatorischen Fassaden“ der NSM. Die NSM, so Fraser, reagieren mit Leistungswillen und elitären Ansätzen auf die Regression überkommener Bewegungsstandards. Mitgenommen werden die Besten – nach genau dem „liberal-individualistischen Fortschrittsverständnis“, das ein Gegnergegenstand für die klassenbewussten, antikapitalistischen Emanzipationsbewegungen der 1960er und -70er Jahre war.

Ohne große Umschweife gelangt Fraser zu dem verblüffenden Fazit:

„Die Interessengruppen, die die Entfesselung der kapitalistischen Wirtschaft betrieben, fanden ihren Wunschpartner in einem meritokratischen Aufsteigerinnen-Feminismus.“

18:45 18.01.2019
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