Nicht gesellschaftsfähig

Eine späte Szene im Leben der Dauphiné Fleur de Chapeaurouge
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Gleich nach der französischen Revolution entdeckte man, dass Ansichten, die vorher den herausragenden, bei Hof zugelassenen Denker gemacht hatten, rasend volkstümlich geworden waren. Die Revolution habe den menschlichen Geist beschleunigt, meldet Karl August Varnhagen von Ense dem Freund Karl Georg Jacob. Ein anderer Autor reichte der Skepsis seine Feder: “Man treibt bei jedem Wetter Ideenkommerz, bläst sich auf und hat leichtes Spiel. Jeder Unfug vervielfältigt sich wie ein Blitz im Spiegelsaal.”

Eine späte Szene im Leben der Dauphiné Fleur de Chapeaurouge

Ein Mann wird nicht vorgelassen. Die auf den ersten Blick irritierende, dem Bittsteller vehement Einhalt gebietende Laëtitia in der Kittelschürze zeigt Ablehnung an der Schwelle zur Abscheu. Der verstorbene Hausherr zeugte sie gemeinsam mit der Haushälterin. Die soziale Unwucht lässt Laëtitia auf ihrem Schlingerkurs zwischen Tochter und Magd lautlos eskalieren. Das Produkt einer verschwiegenen Kollision von Klassengegensätzen erscheint so aristokratisch wie vorwurfsvoll.

Die Frau des Hauses empfängt nicht mehr. So bewahrt man in ihren Kreisen vereinzelt noch ein Andenken, im Wahnsinn des Aberglaubens, man könne sich der Nachwelt mit frühem Eifer und später Zurückhaltung empfehlen.

Der Mann an der Tür lässt sich auf Dauer nicht abwimmeln. Der von Schreibblockaden gehemmte, in einer unglücklichen Ehe gefangene, als Pfarrer gescheiterte Literaturwissenschaftler und Spinoza-Spezialist Awıl Tañğış wird zum Eckermann der längst in der Totalfiktion angekommenen Consuela Hitchcock. Sie existiert als ihre eigene Romanfigur und so nennt sie sich: Dauphiné Fleur de Chapeaurouge. Awıl ist so gaga wie sie. Er wirkt außerdem so grau wie eine Figur von Graham Greene.

Mit Awıl beendet Fleur ihre erotische Abstinenz. Awıl verliert sich in seiner Rolle als sklavischer Verehrer der greisen Generalstochter Fleur. Sie behauptet, eine erkennende Narzisstin zu sein. Was ihr nie widerfahren soll: an einer Grenze voreilig kapituliert zu haben, die bei gewisserhafter Prüfung nicht hemmender zu wirken vermocht hätte als ein kindlich gezogener Kreidestrich.

Laëtitia steht zu Fleur in dem Verhätnis einer störrisch Unterworfenen. Solange Laëtitia die Macht der Hausherrin anerkennt, darf sie sich beinah als Ersatztochter der Kinderlosen fühlen. Rührt sie am Verbotenen, rutscht sie ganz schnell in die Subalternität ab.

Laëtitia weiß selbst, dass ihre Gesellschaftsfähigkeit an einem seidenen Faden hängt. Verweigert man ihr das väterliche Erbe, fällt sie auf den Stand der Muttermagd zurück. Fleur lehrte Laëtitia, einen geringen Status mehr zu fürchten als den Tod. Eines Tages erkennt Laëtitia in dem Blick, mit dem Awıl sie auf dem Weg zu ihrer gemeinsamen Herrin bedenkt, eine Chance.

07:39 13.07.2021
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