Nie schick

Berlin Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt Berlin das Renommee eines literarischen Reiseziels. Von da an prägt sich das Berliner Weichbild als ...
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Berliner in der Bretagne

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Von jeher arm war die Gegend - ursprünglich eine Schublade für Vogtländer Maurer. Im Sommer zogen die von Friedrich II. nach Berlin geholten Arbeiter Überwältigungsarchitektur an der nördlichen Stadtgrenze hoch. Im Winter brachten sie sich an Spinnrädern über die Runden. Das Neu-Vogtland an der Linienstraße war verrufen; eine Brutstätte „der Armut und des Elends“, wie Ulrich Gutmair in seinem Post-Coldbellum-Berlinbuch „Die ersten Tage von Berlin“ schreibt.

Ulrich Gutmair, „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende“, Tropen/Klett-Cotta, 256 Seiten, 18,-

Aus der Vorstadt am Rosenthaler Tor kam nichts Gutes in der bürgerlichen Betrachtung. Ringvereine entstanden außerhalb der Ringmauer. Bald nach Neunundachtzig wurde das angestammte „Hauptquartier des Pöbels“ schick in einer überraschenden Wende nach der Wende. Die Gentrifizierung schob das Rotlichtmilieu vor sich her. Die Flurbereinigung erfolgte nach Schema F.

Verstolperte Anfänge

Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt Berlin das Renommee eines literarischen Reiseziels. Von da an prägt sich das Berliner Weichbild als Brandenburger Wahrzeichen dem Selbstverständnis ein, mit dem über deutsche Fürstentümer gesprochen wird. Das erzählt Jens Bisky hier:

Jens Bisky, „Berlin. Biografie einer großen Stadt“, Rowohlt Berlin, 970 Seiten, 38,-

Der Autor bemerkt verstolperte Anfänge und eine verschleppte Adoleszenz. Die Doppelstadt blieb Jahrhunderte ihren Jugendstilen verhaftet. Solange war sie weit davon entfernt, neben Paris und London Geltung zu beanspruchen. Ihre Mutterstadt war Brandenburg (Stadt), ihre Schwesterstadt war Frankfurt/Oder. Geht man von der Referenzdynamik aus, erkennt man leicht, wie wenig prädestiniert Berlin für eine große Rolle war.

Die Mark existierte lange ohne Zentrum. Brandenburger Kurfürsten arrangierten sich. Ihnen bot, so Bisky, Berlin kein besseres Quartier als die Burg Tangermünde.

Wikipedia weiß: „Die Kaiser- und Hansestadt Tangermünde liegt an der Elbe im Südosten des Landkreises Stendal im nördlichen Sachsen-Anhalt.“

Berlin hatte keinen Vorrang. Die Stadt entwickelte sich in der Abwehr fürstlicher und geistlicher Ansprüche. Sie erwarb die Gewalt, durchfahrenden Kaufleuten eine Gebühr aufzudrücken. Sie stützte das Innungswesen. Schuster und Bäcker genossen das höchste Ansehen. Ein gemeinsamer Rat beider Städte legte dem urbanen Kern einen Speckgürtel an. Man kaufte Rixdorf und Marienfelde …

Verstimmter Haudegen

Bisky leuchtet eine Zukunft aus, die Berlin im Mittelalter hätte haben können: eine größere Einigkeit der Bestimmer vorausgesetzt. Der ratsherrliche Zwist schlug eine Bresche, durch die ein Kurfürst eindrang, den man „Eisenzahn“ nannte. Bisky erzählt von den Interventionen eines Brandenburger Friedrichs, dessen Stehvermögen melancholisch gesockelt war. Seine polnische Braut war so hold verschieden, dass der Fürst keinen Trost mehr in der Ernüchterung fand.

Friedrich fand es angebracht, den Berliner seinen größten Stempel einzuprägen. Er verlangte ein Schloss in Cölln und dealte zum Behuf der Durchsetzung fürstlicher Interessen mit den Geringsten auf dem Platz. Das waren von der „patrizischen Obrigkeit“ hart gekeilte zur „Meinheit“ niedrig gerechnete Handwerker.

Dies als Beispiel für überraschende Allianzen. Da kommt dir das glatte Gegenteil eines Potentaten als dessen Parteigänger entgegen. Wer so um die Ecke konspiriert, den lässt du … Dazu bald mehr.

Zum Schluss eine Weisheit von Miyamoto Musashi:

„Es gibt nichts außerhalb von dir, dass dich dazu bemächtigt, stärker, reicher, schneller oder klüger zu werden. Alles ist in dir. Alles existiert. Suche nichts außerhalb von dir selbst.“

Das Loch in der Mauer

Eine Grunderfahrung der Clubgründerjahre: Wer im Osten Quartiermacher wurde, realisierte, „wie Zwänge ihre Macht verloren“. Auch davon handelt Ulrich Gutmairs Verschwende/Nutze-deine-Jugend-Derivat „Die ersten Tage von Berlin“.

Eines Tages taucht Rita Süßmuth im Tacheles auf. Man führt die Christdemokratin demokratisch herum, ihre große Zeit ist lange vorbei. Sie lobt das Projekt, begrüßt die Instandbesetzung und genießt das Flair zwischen Jugendzentrum und Anarchie.

Ulrich Gutmair, „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende“, Tropen/Klett-Cotta, 256 Seiten, 18,-

Berlin riecht nach Bitterfeld. Schwefel und Armut fusionieren furios. Nachts färbt der Dreck den Horizont orange. Die Jugend der Welt tanzt in den Mauerclubs, die ab Neunzig unter Brachen das Repertoire mit Triptycha des Bunkeresken anreichern. Alles erscheint radioaktiv kontaminiert. „Die Decken sind niedrig.“ Zu den sensationellen Nebensachen zählt die Kondensation. Die Partykeller riechen noch nach eingesperrter Dunkelheit, nach Einzelzelle, Verzweiflung, Kopfschuss, und sie riechen schon nach dem Schweiß des Neuen.

Die Jugend der Welt versammelt sich in Berlin, weil man da Sachen machen kann, die in London nicht gehen. Ulrich Gutmair nennt Namen von Schauplätzen, Protagonisten und Impresarios.

„Ich bin im Oktober 1989 nach Westberlin gezogen, um an der Freien Universität zu studieren.“

Das Tacheles ist rasch bald mehr als ein besetztes Haus. Ums Eck wohnt Joschka Fischer in der Tucholsky Straße. Er konferiert mit Bürgermeister Klaus, der neben dem Kiosk von Serdas Yildirim residiert und da eine ständige Vertretung seiner selbst prikär unterhält.

Wie genießt man die Früchte einer ausgebliebenen Revolution?

„Im Interregnum zwischen den Systemen (etabliert) sich ein Zustand“, der Utopisten Morgenluft wittern lässt. Die Anarchie schickt reitende Boten, und in einem Winter so kalt, dass der Alexanderplatz nur noch für Kettenfahrzeuge befahrbar ist, erfolgt eine der folgenreichsten Hausbesetzungen in Mitte.

Berlin ist noch nicht wieder Hauptstadt. Manchmal fühlt sich die Stadt so an, als habe Charlottenburg einen sibirischen Vorgarten geerbt. Man weiß gar nicht, ob man den haben will.

Die Internationale der urbanen Nomaden kriecht durch ein Loch in der Mauer nach Ostberlin und erobert die Räume unter den Falltüren.

„Wer nach drüben geht, erlebt, wie Zwänge ihre Macht verlieren.“

Fischer kauft bei Yildirim und erklärt das Berliner Wasserhäuschen zur Institution.

Der Penner Klaus hat einem Platz in Mitte. Gutmair bemerkt das Besondere an der Lage. Gentrifizierung ist noch kein Thema.

„Wir rissen die Wände ein“ … und diskutierten Türpolitik.

„Warum soll man arbeiten gehen, wenn man Kunst machen kann?“

Jetzt ist immer

Ein Ort im Sumpf. Das war Berlin am Anfang. Jens Bisky beschreibt die stadtgeschichtliche Frühzeit auf die richtige Weise. Er übt Zurückhaltung und kritisiert den Mythenkranz. Dann kommt Ulrich Gutmair und macht den Berlinsack zu.

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Zwei Berlinbücher schaffen Überblick. Bisky liefert die historische Vorlage, Gutmair schießt das Golden Goal der Gegenwart.

Markzentrum im Spreesumpf

Ein Ort im Sumpf. Das war Berlin am Anfang. Jens Bisky beschreibt die stadtgeschichtliche Frühzeit auf die richtige Weise. Er übt Zurückhaltung und kritisiert den Mythenkranz.

Es waren wohl noch nicht mal Fischerdörfer, die sich - auf einem Handelsweg und an einer Spree-Furt – „mauserten“ zu den Städten Berlin und Cölln. Nichts Markantes und keine Nibelungen gaben ihnen sagenhafte Konturen in einer Niederungsenge zwischen den Plateaus Barnim und Teltow, die ein bis zu fünfzehn Kilometer breites Urstromtal überragen.

Jens Bisky, „Berlin. Biografie einer großen Stadt“, Rowohlt Berlin, 970 Seiten, 38,-

Man rodete und legte trocken: in der Regie von Albrecht dem Bären – dem ersten Brandenburger Markgrafen; einem Erfinder von Gebietsbegriffen … Kolonisator und Konsolidierer. Er ließ die Marktflecken B. & C. zum Zentrum der Mark aufsteigen.

Die ersten Berliner waren Ausländer

Aus dem Osten aufrückende Slawenstämme bevölkerten einen aufgegebenen Raum, als sie sich im Spreesumpf niederließen. Ihre Vorgänger waren nach Süden abgerückt und im Schwabenland assimiliert. Den Neusiedlern wurde der fränkische Stempel aufgedrückt. Sie gerieten in die Christianisierungsmühle. Ihre Herkunftsgeschichten sanken ins Sediment des Eigentümlichen. Schließlich schien es so, als seien sie immer schon da gewesen, obwohl sie noch keine zweihundert Jahre am Start waren.

Ich möchte zu einer anderen Zeit am Ursprung der urban-slawischen Doppelgründung vor wenigstens achthundertfünfzig Jahren weitermachen und jene grauäugigen Indianer ins Spiel bringen, die als Nachkommen englischer Zivilisationsverweigerer, die eine neuweltliche Kolonie zugunsten indigenen Laissez-faire aufgegeben hatten, in Ulrich Gutmairs Erzählung von der 1989er-Gründerzeit als Repräsentanten eines Autonomiebegriffs auftauchen, der in Berliner Clubmacher- und Hausbesetzerkreisen kursierte.

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12:46 03.12.2019
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