Gezielte Ungenauigkeit

Stasi Wolfgang Welsch erzählt in seiner Abrechnung vom Widerstand in DDR-Haftanstalten. Mit gezielter Ungenauigkeit wurde die Einsatzfähigkeit der mit Zwangsarbeit ...
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Wolfgang Welsch erzählt vom Widerstand in DDR-Haftanstalten

Gestaltungsoffensiven im Gefängnis

Nicht jede(r) lässt sich brechen. Manche wachsen an ihren Gegner:innen, bis sie kolossalformatig in den Albträumen ihrer Schöpfer:innen auftauchen. Druck erzeugt ökologische Nischen, solange die Bearbeiteten ihre Entschlossenheit zur Résistance nicht verlieren. Der Geist des 忍耐 - Nintai - Persevere weht da auch, wo man die japanischen Kulturbegriffe nicht kennt.

Wolfgang Welsch, Widerstand. Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur, Lukas Verlag, 379 Seiten, 30,-

„Widerstand wirkte und bewirkte.“

Überall verwirbelte Widerstand die Repression. In den Erzwingungsanstalten produzierten Häftlinge „sensible Nachrichtentechnik (und) toxische Materialien“ für den Spionagebedarf ihrer Unterdrücker:innen.

Mit gezielter Ungenauigkeit wurde die Einsatzfähigkeit der Endprodukte vermindert. Unter verschärften Bedingungen gründete man Agenturen der freien Welt.

„Widerstand war möglich … Eine Gesinnung reicht(e) nicht aus, die Logik des Handels zu ersetzen.“

„Das Kommando Elmo” zerschnitt in der Haftanstalt Brandenburg die Kupferdrahtwicklungen von Elektromotoren, die für sowjetische Kriegsschiffe bestimmt waren. „So verwandelte sie die Produktion von Monaten unbemerkt in Schrott.“

Heilsversprechen

Welsch kommt mir wie ein wütender Autor vor. Wahrscheinlich zog er aus seiner DDR-Aversion lange Kraft. Fraglich erscheint, ob Welsch inzwischen nicht viel mehr in die Aversion investiert. Ich will keiner Analyse vorgreifen. Welsch vermutet einen Kern der „regiden Unversöhnlichkeit” der DDR in der „marxistischen Ideologie des Klassenkampfes”. Der wissenschaftliche Sozialismus sei zum„Heilsversprechen” geworden.

Markus Wolfs MfS als saubere DDR-Wehrmacht

Als Stasi-Chef Erich Mielke 1988 den KGB-Major Wladimir Putin mit der Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee (nur) in Bronze ausgezeichnete, „würdigt(e) er einen typischen Vertreter der zweiten Reihe“, so der „Spiegel“ in einer Ausgabe des Jahres 2000 (Quelle). Ein Jahr später war für Mielke das Spiel zu Ende und die Herrlichkeit einer fast unerschöpflichen Machtfülle vorbei, während sich Putin für erste Großaufgaben freilief. In seiner Abrechnung nennt Wolfgang Welsch den Unterschätzten einen Tschekisten; so wie auch sein deutscher Kollege Markus Wolf Tschekist gewesen sei; allen Dementis des monumentalen Selbststilisierers zum Trotz.

Wolfgang Welsch, Widerstand. Eine Abrechnung mit der SED-Diktatur, Lukas Verlag, 379 Seiten, 30,-

„Lügen war eine tschekistische Kampfmethode.“ Wolf log sich die Wahrheit dann so zurecht, dass seine Hauptabteilung als „ehrenhafter Auslandsnachrichtendienst“ zur sauberen Wehrmacht der DDR-Streitkräfte wurde.

Welsch durchbricht die Abwehrlinien in den Rechtfertigungserzählungen staatlicher Gewalttäter:innen. Die Mielkes und ihre Gefolgsleute verstanden „das Rechtssystem primär als Herrschaftsinstrument“.

Meinungsfreiheit bestand noch nicht einmal auf dem Papier. Ein vollmundig-schriftliches Lippenbekenntnis wurde im Nebensatz annulliert. Alles Mögliche diente allein der Verblendung einer politischen Rechtssprechung. Die Justiz sah sich nicht allein als Stütze des Staates, vielmehr als „Waffe im Klassenkampf“. Die vor Gericht gezogene Bürgerin sollte sich fühlen wie in einem Dante'sken Höllenkreis.

„Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

Vor herrschte der Geist einer schwarzen Pädagogik. Die entmündigten Bürger:innen sollten in ihrer Entrechtung mehr erkennen als eine Durchsetzung der Staatsräson zum Nachteil der Angeklagten.

Die politischen Gefangenen „standen der internationalen Anerkennung der DDR im Weg“, so Welsch. Zugleich waren sie als Devisenbringer eine sichere Bank. Man verkaufte sie uns. Die Bundesrepublik zahlte Milliarden.

Der Autor spricht von mehr als 200000 politischen Urteilen und an die 10000 Hinrichtungen.

Struktur einer kriminellen Vereinigung

Wolfgang Welsch konstatiert: „Es gehörte beim MfS zum Alltag, Straftaten zu planen und zu begehen.“

Der staatliche Schutzauftrag habe sich im Erhalt der SED-Macht erschöpft. Welsch geht mit den Organen der DDR hart ins Gericht. Er spricht von einer „blutigen Konsolidierung des Sowjetsystems auf deutschem Boden.“

Der Autor suggeriert eine amtlich-flächendeckende Beobachtung der Bevölkerung.

„Mielkes Schattenarmee folgte (dem) Befehl: Genossen, wir müssen alles wissen.“

Auch heute noch, so Welsch, setzen Adept:innen des Terrors als ideologisch beinharte Erb:innen des Unrechts auf Zersetzung und Delegitimation unliebsamer Zeitgenoss:innen. Sie rekrutieren sich aus konspirativen Schlacken. Das sagt der Autor. Agent:innen, Killer:innen und Elitekämpfer:innen der osteuropäischen Geheimdienste seien in einem „Untergrundnetz“ verstrickt.

Mordpläne im Operationsgebiet aka kapitalistischen Ausland

Die erste Einsatzorder lautete:

Alle Aktionen müssen „so erfolgen, dass keine Rückschlüsse ... für den Feind erkennbar werden.“

Mich bringt die Vorschrift auf eine Adam-Mizner-Essenz:

“You can’t frame something which does not exist.”

Auf einem eskapistischen Grat begegnen sich Weisheit und Tschekismus, ohne jedes Verständnis füreinander.

Tschekistischer Gewalt-Diskurs

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beschäftigte neunzigtausend offizielle Mitarbeiter:innen. Die Akteure wurden eingeschworen auf die Devise:

„Sicherheit geht vor Recht.“

Erich Mielke predigte den tschekistischen Gewalt-Diskurs. Der MfS-Chef postulierte Skrupellosigkeit:

„Hinrichten, wenn nötig auch ohne Gerichtsurteil.“

Mielke schwadronierte über Ausflüge mit Tötungsabsichten im Feindesland. Käme es zu Festnahmen und Verurteilungen der Attentäter:innen, sollten die Delinquent:innen revolutionär-reuelos vom Leder ziehen:

„Jawohl, den hab‘ ich im Auftrag meiner proletarischen Ehre erledigt.“

Der in einer leidvollen Praxis mit den Stasi-Methoden vertraut gemachte Autor entschlüsselt die „Struktur einer kriminellen Organisation“. Zum ersten Mal fiel Welsch der Stasi 1964 nach einem gescheiterten Fluchtversuch in die Hände. Von jetzt auf gleich sah er sich „einer Gewalt ausgeliefert, die (er) nicht für möglich gehalten hatte“.

Aus der Ankündigung

Wolfgang Welsch beschreibt die Strukturen des Ministeriums für Staatssicherheit sowie seiner Auslands-Spionage-Abteilung und geht dabei auf die Mittel und Methoden der Stasi ein, die bis hin zu Entführungen und Mordaufträgen reichten.

Im Zentrum seines neuen Buches jedoch steht der Widerstand gegen die SED-Diktatur. Flucht, Fluchthilfe und Ausreise sind für ihn originäre Widerstandshandlungen, wohingegen der Autor der Bürgerrechtsbewegung widerständiges Verhalten weitgehend abspricht. Weder die Kirchen noch die verschiedenen dissidenten Bewegungen leisteten per se Widerstand, sondern neigten dazu, das sozialistische System nur reformieren zu wollen. In den Medien, in der Literatur und in der Forschung werden diese Vorgänge teilweise schief und undifferenziert dargestellt, beklagt der Autor. Die gängige Aufarbeitung der SED-Diktatur sei insofern gescheitert, als den SED- und MfS-Opfern nicht Gerechtigkeit in Form einer angemessenen Restitution gewährt wird. Dagegen sind die Täter ungeschoren davongekommen, belastende Akten wurden ungestraft vernichtet. Die Bundesrepublik Deutschland hat es bis heute versäumt, ihr damaliges Versagen gegenüber der Gewaltherrschaft einzugestehen; die Gerechtigkeit ist auf der Strecke geblieben.

Zum Autor

Wolfgang Welsch, geboren 1944, absolvierte die Oberschule und studierte in Ost-Berlin Schauspiel, bis er nach einem Fluchtversuch 1964 von der Stasi verhaftet wurde. Nach seinem Freikauf 1971 studierte er in der Bundesrepublik Soziologie und Politik und promovierte 1977 in England. Daneben verhalf er vielen Menschen zur Flucht aus der DDR. 1981 überlebte der Widerstandskämpfer gegen die SED-Diktatur nur knapp mehrere Mordanschläge von Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit. Er ist als Publizist und Politologe tätig. Für seine Verdienste um die Menschenrechte wurde ihm 2015 im EU-Parla­ment Strasbourg die Robert-Schuman-Medaille verliehen.


05:29 08.07.2021
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