Phonetische Supernova

Helon Habila Es gibt Londoner, die Asylanten aus ihren Revieren vertreiben wollen; während ihre Gegenspieler*innen eine No-Border-Gesellschaft im Kiezformat zu etablieren versuchen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

No-Border Kiez

Das Protestbegehren findet seine Anlässe und zelebriert sich zwischen Redundanz und Ritual

Eingebetteter Medieninhalt

„Es gibt kein ... Problem, das sich nicht durch Untätigkeit lösen ließe.“ Henri Queuille

„Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt.“ Marcel Duchamp

Irgendwo definiert Michel Houellebecq den Antagonisten zu dem, was als nouveau réactionnaire kursiert. „Anders als sein großer Bruder erkennt der neue Progressive den Fortschritt nicht anhand seines intrinsischen Werts, sondern anhand seiner Neuartigkeit. Alles in allem existiert er in einem in seiner Einfalt sehr hegelianischen Zustand der permanenten Offenbarung, in dem alles neu Erscheinende schon aufgrund der schlichten Tatsache seines Erscheinens gut ist.“

In der mehrstufigen Feststellung steckt ein positiver Ansatz zur Deutung zwangsläufiger Migrationsphänomene. So erkennt man beispielsweise Funktionen der Migration in den Motoren der Neuen Sozialen Bewegungen.

Helon Habila, „Reisen“, Roman, herausgegeben von Indra Wussow, auf Deutsch von Susann Urban, AfrikAWunderhorn, 320 Seiten, 25,-

Helon erzählt lauter Binnengeschichten, um sie in Bausch und Bogen zu verbinden. In London begegnet der namenlose Erzähler einem Sturmgeschütz des Aktivismus. Mit ihren Kompliz*innen kämpft Krankenschwester Molly gegen die Natives.

„Molly war leidenschaftlich, wenn es um Gesundheit und Gerechtigkeit im Allgemeinen ging.“

In Auseinandersetzungen zwischen Bürgerbegehren und Barrikadenkampf werden Straßenzüge verteidigt und Wohnmaschinen belagert. Es gibt Leute, die Asylanten aus ihren Revieren vertreiben wollen; während ihre Gegenspieler*innen eine No-Border-Gesellschaft im Kiezformat zu etablieren versuchen. Molly instrumentalisiert den nigerianischen Asylanten Juma als Stachel im Fleisch der Homogenitätsfanatiker. Doch Juma setzt wenig Vertrauen in den weißen Mittelklassewiderstand. Er verweigert die Rolle als Galionsfigur im Kampf gegen Rassismus und entweicht den Social Justice Warrior*innen.

Der Namenlose erscheint als Protagonist der Skepsis. Er antizipiert Jumas Unbehagen in der weißen Kultur. Übrigens trifft er Portia in London. Sie war verheiratet und hat einen Sohn. Ihre Liebe zum Namenlosen ist ungebrochen. Die beiden bemerken in einem öffentlichen Verkehrsmittel Emanationen der Migration. Ein telefonierender Passagier gibt ihnen ein:

„Die Wörter kamen immer schneller, die Finger trommelwirbelten auf das Handy ein, jedes Wort ein Akzentmischmasch aus Karibisch, Westafrikanisch, Südlondon. Es war ein Bummelzug, der an jeder Station hielt.“

Die phonetische Supernova zeigt die Uhrzeit der Welt an. Here we are in den Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts.

Gleich mehr.

15:26 30.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare